Zeit für andere Dinge im Leben
31.03.2026 Waltenschwil, Porträt, Region Oberfreiamt, Arbeit, Finanzen35 Jahre für Waltenschwil
Gerry Koch verabschiedet sich in die Pension
Er hat 1979 schon die Lehre auf der Gemeindeverwaltung absolviert. Nach zwölf Jahren kam er zurück, erst um das regionale Betreibungsamt aufzubauen, vor 30 Jahren ...
35 Jahre für Waltenschwil
Gerry Koch verabschiedet sich in die Pension
Er hat 1979 schon die Lehre auf der Gemeindeverwaltung absolviert. Nach zwölf Jahren kam er zurück, erst um das regionale Betreibungsamt aufzubauen, vor 30 Jahren übernahm er dann als Finanzverwalter. Nun neigt sich die berufliche Laufbahn von Gerry Koch dem Ende zu. Ende April verabschiedet er sich dann definitiv in den frühzeitigen Ruhestand.
30 Jahren engagierte er sich als Finanzverwalter für die Gemeinde Waltenschwil – nun geht Gerry Koch in Pension
«Die Pflicht ist durch – jetzt freue ich mich auf die Kür des Lebens.» Das sagt Gerry Koch. Nach 30 Jahren als Finanzverwalter von Waltenschwil ist er auf der Zielgeraden seiner beruflichen Laufbahn – und bereit für einen neuen Abschnitt.
Thomas Stöckli
«Ich habe mich immer sehr wohl gefühlt in Waltenschwil», sagt Gerry Koch. Hier ist er aufgewachsen. Hier wohnt er. Hier hat er das Bürgerrecht. Und hier wirkt er seit 30 Jahren als Finanzverwalter. Letzteres allerdings nur noch bis Ende April. Wobei er im kommenden letzten Monat zwecks Abbau von Ferienguthaben nur noch sporadisch im Gemeindehaus anzutreffen sein wird. Seinen Arbeitsplatz hat er bereits seinem Nachfolger Benjamin Endres überlassen. «Freiwillig», wie Koch betont. Für das Fotoshooting am Arbeitsplatz nimmt er nochmals in dem Büro Platz, in dem er die letzten 30 Jahre gewirkt hat.
Drei Monate lang haben der neue und der bisherige Leiter Finanzen Zeit, um gemeinsam für einen geordneten Übergang zu sorgen. «Ich bin froh und glücklich, dass wir eine gute Nachfolge gefunden haben», sagt Gerry Koch, «einen ausgewiesenen Fachmann», schiebt er nach. In Zeiten des Fachkräftemangels ist das keine Selbstverständlichkeit. Und umso wertvoller: «Ich hätte Mühe zu gehen, wenn meine Nachfolge nicht geregelt wäre», so Koch. Zu gross ist sein Verantwortungsbewusstsein, zu stark identifiziert er sich mit seiner Gemeinde. So wie es jetzt läuft, habe er kein Problem abzugeben. «Man muss den Jungen eine Chance geben», sagt Koch augenzwinkernd. Seinem Nachfolger will er denn auch nicht dreinreden. «Wenn er von sich aus kommt, stehe ich für Fragen zur Verfügung», bietet er an.
Schon die Lehre auf der Verwaltung Waltenschwil
«Ich bin ein Zahlenmensch», sagt Gerry Koch. «Exaktes, genaues Arbeiten war immer mein Ding.» Mit den Fremdsprachen habe er hingegen auf Kriegsfuss gestanden. «Schon meine ehemaligen Französischlehrer in der Bez und am KV Wohlen hätten das ganz sicher bejaht», sagt er und lacht. Der Weg in die Verwaltung habe sich dann eher zufällig ergeben: «Als Kind war ich eher handwerklich unterwegs.» Auf der Gemeindekanzlei Waltenschwil war er 1979 der siebte Lernende überhaupt – von mittlerweile 38 – und profitierte viel vom umfassenden Wissen des damaligen Gemeindeschreibers Werner Müller, «meinem Mentor», wie Gerry Koch sagt.
Damals zählte das Dorf gerade mal 1100 Einwohnerinnen und Einwohner. Das hat sich bis heute verdreifacht. Im selben Zeitraum wurde der Steuerfuss von 130 auf 106 Prozent gesenkt. Und bezüglich Technologie vollzog sich ein Quantensprung von Schreibmaschine und Vervielfältigung mittels Schnapsmatrize über das IBM-System/36, das gefühlt jede Gemeinde hatte, ins PC-, Internet- und Smartphone-Zeitalter.
Sporen abverdient und zurückgekehrt
Nach zwölf Jahren in Menzingen, Kanton Zug – «da konnte ich meine Sporen abverdienen» –, kehrte Gerry Koch Anfang 1994 als mittlerweile gereifter Allrounder mit abgeschlossener Ausbildung zum Finanzverwalter und erster Berufserfahrung zurück nach Waltenschwil. Hier baute er bis Ende 1995 das regionale Betreibungsamt Boswil–Kallern–Waltenschwil auf. «Das war eine tolle Zeit», sagt er und schwärmt vom Pioniergeist.
Trotzdem: Als es im März 1996 um die Nachfolge von Otto Steinmann ging, musste Gerry Koch nicht lange überlegen. Den Entscheid, Finanzverwalter zu werden, habe er in der Folge nie bereut. «Es hat immer vieles gestimmt», zieht er Bilanz. Das Miteinander im Verwaltungsteam betont er besonders: «Man hilft sich über die Abteilungen hinaus.» Auch mit seinen Stellvertreterinnen habe er es gut gehabt. Rita Villars ist mittlerweile Leiterin Finanzen in Niederwil, Claudia Seiler Leiterin Finanzen in Hallwil, und Tanja Brugger bleibt der Gemeinde auch unter dem neuen Leiter Finanzen erhalten.
Unterstützen, nicht entscheiden
Nebst den Zahlen sind es die Kontakte mit den Menschen, die dem Finanzverwalter besonders am Herzen lagen. So habe er säumige Steuerpflichtige teils in mehreren Jahren «Betreuung» wieder dahin gebracht, dass sie die aktuellen Steuern wieder pünktlich bezahlen konnten. «Dieses Gebiet ist in den letzten Jahren sehr umfangreich geworden. Es macht mich nachdenklich, dass vermehrt Leute ein finanziell angenehmes Leben führen, es aber Ende Jahr dann doch nicht für die Steuerzahlungen reicht.»
Geschätzt hat Koch dafür die stabilen politischen Verhältnisse: «Ich hatte in 32 Jahren nur vier Gemeindeammänner», veranschaulicht er, «und zu allen ein sehr gutes Verhältnis.» Das dürfte auch daran liegen, dass der Finanzverwalter zwischen strategisch und operativ zu unterscheiden wusste. «Als Finanzverwalter entscheide ich nicht, sondern versuche den Gemeinderat in finanzpolitischen Angelegenheiten zu unterstützen», so Koch. «Es geht um Planung, um Tragbarkeit.» Dabei war es ihm auch ein Anliegen, die Finanzkommission als Kontrollorgan miteinzubeziehen.
Manche «grosse Kiste» und Freude an den Lernenden
65 Kreditabrechnungen hat Gerry Koch in seiner Zeit als Finanzverwalter von Waltenschwil abgeschlossen. In Erinnerung bleiben der Neubau der Turnhalle, die Schulhauserweiterung vor 15 Jahren – «das war ein grosser Lupf» –, der Neubau des «FeuerWerk» an der Titlisstrasse, die Kindergarten-Erweiterung und die Sanierung des Gemeindehauses, aber auch das grosse Dorf- und Jugendfest «925 Jahre Waltenschwil» von 2010, das er als Chef Finanzen im OK mitprägte. Besonders Freude gemacht hat Gerry Koch allerdings die Arbeit mit den Lernenden: «Ihnen die Geheimnisse der Gemeindebuchhaltung näherzubringen, das hat mir gefallen.» Umso mehr, dass manche von ihnen sich später auf die Bereiche Finanzen und Steuern spezialisierten.
Langeweile stellte sich nie ein. Technisch sei alles immer anspruchsvoller geworden, dazu kamen immer mehr kantonale Vorgaben, etwa die Umstellung aufs Rechnungslegungsmodell HRM2, von 2012 bis 2014, und schliesslich der Vormarsch von künstlicher Intelligenz. «Da tue ich mich schwer damit», gibt er unumwunden zu. Und: «Ja, es zeigen sich Abnützungserscheinungen, das will ich nicht schönreden.» Dass er mitbekam, wie Leute in seinem Umfeld ihre Rente nicht mehr geniessen konnten, bestärkten ihn in der Absicht, frühzeitig in Rente zu gehen.
Familie und Hobbys geniessen
«Ich wünsche, noch andere Dinge zu machen im Leben als nur den Beruf», so Gerry Koch. Besonders freut er sich, den Herbst zu geniessen, der sonst von August bis Oktober immer durch den Budgetprozess geprägt war. Und natürlich die Adventszeit, in der sich angesichts des Jahresabschlusses jeweils keine besinnliche Stimmung einstellen wollte. «Mehr Zeit für die Familie und fürs Zuhause», erhofft er sich. «Mehr Zeit für meine Hobbys.» Das ist vor allem das Schiesswesen. Das Eishockey ist eine weitere grosse Leidenschaft. «Nur passiv», stellt der eingefleischte Fan des HC Davos klar. Allenfalls komme dann mit der Zeit noch ein ehrenamtliches Engagement hinzu, allerdings nicht mehr als Rechnungsführer oder Revisor. Doch nichts überstürzen: «Ich warte erst mal ab und schaue, was auf mich zukommt.»



