Der Klangtüftler startet durch
31.03.2026 Bremgarten, Musik, Schule, Arbeit, PorträtStefan Keller widmet sich nach seiner Pension an der Musikschule Bremgarten ganz speziellen Projekten
Über vier Jahrzehnte unterrichtete er an der Musikschule Bremgarten und über 30 Jahre auf dem Mutschellen. Jetzt ist Stefan Keller pensioniert. Doch von ...
Stefan Keller widmet sich nach seiner Pension an der Musikschule Bremgarten ganz speziellen Projekten
Über vier Jahrzehnte unterrichtete er an der Musikschule Bremgarten und über 30 Jahre auf dem Mutschellen. Jetzt ist Stefan Keller pensioniert. Doch von Ruhestand kann beim passionierten Flötisten keine Rede sein. Er widmet sich ganz seiner Nische der Tiefenflöten und «spielt» damit auch in Filmen mit.
Sabrina Salm
Wer das Atelier von Stefan Keller in Niederrohrdorf betritt, taucht in eine andere Welt ein. Eine beeindruckende Sammlung an Querflöten, Vinyl-Schätzen und Beatles-Bildern im Warhol-Stil sowie Effektgeräten und Lautsprechern lässt sich hier entdecken. Es ist ein Raum, der viel erzählt – über einen, der seit über 55 Jahren im Bann der Querflöten ist.
Seine Geschichte beginnt unspektakulär. Doch ist sie prägend. In der zweiten Klasse greift der gebürtige Bremgarter zur Blockflöte. Später musste er für den Musikunterricht jeweils mittwochs nach Widen laufen. Dort hört er zufällig ein anderes Instrument durch die Wand. «Ich weiss nicht warum, aber ich wusste: Das möchte ich spielen», erinnert sich Stefan Keller. Er war vom Klang gleich fasziniert. Es war die Querflöte. Dass er zunächst warten musste, weil er «noch zu klein» war, verstand er damals nicht. Heute, als langjähriger Lehrer, schon. «Die Querflöte braucht viel Luft», erklärt er. Wer zu früh beginnt, hat oft keine Erfolgserlebnisse.
Eigene musikalische Sprache entwickelt
Sein Weg führte ihn vom Schulorchester über eine Lehre als Radioelektroniker schliesslich ans Musikstudium. Und fast zufällig zurück nach Bremgarten, wo er als Stellvertreter einstieg und blieb. Hunderte, wenn nicht Tausende, von Schülerinnen und Schülern hat er seither unterrichtet. «Freude an der Musik zu vermitteln, war mir immer das Wichtigste», sagt er. Seine Begeisterung für die Musik verbreitete er nicht nur in Bremgarten, sondern auch an der Musikschule Mutschellen. Er habe es immer gern gemacht. Auch wenn er mit den Jahren Veränderungen beobachtete. «Früher blieben viele über Jahre dran. Heute hören manche schon nach zwei Jahren auf – gerade dann, wenn es spannend wird.» Der Stellenwert des Instrumentalunterrichts sei weniger geworden. «Dabei ist Musik so wichtig», ist er überzeugt.
Während Keller unterrichtete, entwickelte er parallel seine eigene musikalische Sprache. Unter dem Namen «Flute Trends by Stefan Keller» hat er ein international bekanntes Markenzeichen geschaffen. Er kombiniert das Spiel auf Alt-, Bass- und Kontrabassflöten mit modernster Elektronik. «Ich wollte nie ein anderes Instrument spielen», betont er. Doch er nutzt die Flöte als Hilfsmittel, um dem Publikum neue Tonwelten zu erschliessen. Er verstärkt Atem- und Klappengeräusche, die normalerweise als Nebeneffekte gelten, und setzt sie mittels Live-Sampling als perkussive Elemente ein.
Der Mann der «Tiefen»
Besonders das «Loopen» ist seine Leidenschaft, die er seit über 20 Jahren perfektioniert. Mit einer eigens für ihn entwickelten Surround-Loop-Software erschafft er komplexe Klangteppiche. Das gleichzeitige Bedienen der Fusspedale und das virtuose Flötenspiel erfordern höchste Konzentration. «Ich finde es faszinierend. Man wird im positiven Sinne süchtig danach», beschreibt er den Prozess, bei dem er als Solist wie ein ganzes Orchester klingt. Noch heute ist er auf Flötenfestivals weltweit unterwegs, organisiert zudem in Boswil das renommierte Event «Flautando». Auch seine «LOFT-Konzerte» im Atelier sind längst etabliert. Mehrmals im Jahr lädt er dort zu intimen Aufführungen. Ein Format, das ihm besonders am Herzen liegt.
In seinem Reich hängen nicht nur klassische Querflöten. Das Prunkstück seiner Sammlung ist ein Instrument von fast furchteinflössenden Dimensionen: die Subkontrabassflöte. Es ist die grösste Flöte der Welt. Das Spiel auf diesem Giganten gleicht einer sportlichen Höchstleistung. «Ich bezeichne das Spielen mit der Subkontrabassflöte oft als Fitness», lacht er. Diese physische Anstrengung zahlt sich aus, denn der Klang ist einzigartig – ein vibrierender Tiefenbass, der unter die Haut geht. «Es gibt nicht viele, welche dieses Instrument spielen können.» Diese Nische hat Stefan Keller zum gefragten Partner gemacht.
Gefragt in der Filmwelt
Letztes Jahr erhielt er eine Anfrage von Komponist Volker Bertelmann. Keller sollte die tiefen Klänge für den britischen Film «The Ballad of a Small Player» mit Hollywood-Star Colin Farrell beisteuern, der auf Netflix zu sehen ist. Auch in einer aufwendigen BBC-Naturdokumentation über Dinosaurier ist sein Spiel zu hören. «Das war schon etwas sehr Spezielles», gibt er bescheiden zu. Den Transport der riesigen Instrumente meidet er nach Möglichkeit, die Aufnahme läuft digital via «Remote Recording». Keller spielt die Sequenzen in seinem Atelier ein und schickt die Dateien in die Weltzentren der Filmindustrie.
Für Stefan Keller hat zwar ein neuer Lebensabschnitt begonnen. Offiziell ist er pensioniert. «Doch es fühlt sich nicht nach Pension an», lacht er. Zwar hat er nun mehr Zeit für seine Frau und geniesst den neuen Freiraum, doch die Agenda ist prall gefüllt. Und dann ist da noch ein lang gehegter Plan: «Ich will endlich meine eigene CD aufnehmen.» Ideen hat er genug. «Ich habe noch viele Projekte», sagt er und wirkt dabei eher wie jemand am Anfang als am Ende einer Laufbahn.

