Sich ärgern über die Unterländer
21.07.2026 Region Unterfreiamt, BücherDie Villmergerin Karin Hobi-Pertl arbeitet als Reporterin für die «Südostschweiz»
Vom Freiamt nach Chur, von der Bank in die Redaktion eines grossen Bündner Medienhauses. Karin Hobi hat diesen Weg nicht gesucht, er hat sich ergeben. Aber sie ...
Die Villmergerin Karin Hobi-Pertl arbeitet als Reporterin für die «Südostschweiz»
Vom Freiamt nach Chur, von der Bank in die Redaktion eines grossen Bündner Medienhauses. Karin Hobi hat diesen Weg nicht gesucht, er hat sich ergeben. Aber sie fühlt sich enorm wohl im Bündnerland und in ihrem neuen Beruf.
Chregi Hansen
Und dann drückt die neue Heimat doch noch durch. Beim Spaziergang durch Wohlen ist Karin Hobi die grosse Baustelle an der Bahnhofsstrasse aufgefallen. «Was ist denn mit der GKB? Kehrt die wieder dahin zurück?», möchte sie wissen? Und meint natürlich nicht die Graubündner Kantonalbank, sondern die Aargauer, also die AKB. Aber das kann man nach so vielen Jahren in der Ferne schon mal verwechseln.
Vor 18 Jahren zog die Villmergerin nach Chur. Der Liebe wegen. «Ich war mit Freundinnen beim Wandern, da habe ich ihn kennengelernt», erzählt sie. Eine Zeit lang führten die beiden eine Fernbeziehung, dann wagte die Freiämterin den Umzug ins Bündnerland. Und hat es nie bereut – auch wenn sie inzwischen getrennt ist und allein mit ihren beiden Kindern lebt. «Ich fühlte mich in Chur vom ersten Moment an daheim. Ich mag die Menschen, die Nähe zu den Bergen. Und obwohl es eine Stadt ist, fühlt es sich ländlich an. Man kennt sich. Ganz ähnlich wie im Freiamt», erklärt die 48-Jährige.
Der Liebe wegen weggezogen
Aufgewachsen ist die Reporterin als Karin Pertl in Villmergen und Wohlen. Sie hat einst das KV absolviert in der Raiffeisenbank Wohlen und ist sehr interessiert, was ihr ehemaliger Arbeitgeber mit Reach 17 in Wohlen plan, erinnert sich auch noch gut an ihre Lehrer an der Bez: Daniel Güntert, Rolf Wernli, Paul Bitschnau. «Was, der ist heute Schulleiter? Der war damals Praktikant bei uns», lacht sie. Noch heute pflegt sie Kontakte in ihre alte Heimat – zur Mutter in Seengen, dem Bruder in Hägglingen oder zu den Patenkindern in Wohlen und Brunegg. «Ich bin immer wieder mal hier. Aber ich bekomme nur wenig mit, was hier passiert. Ich merke, dass meine Heimat das Bündnerland ist. Hier fühlte ich mich das erste Mal im Leben angekommen», sagt sie. Wobei: Ihrem Dialekt merkt man das auch nach so vielen Jahren nicht an. Damit ziehen sie ihre beiden Kinder gerne mal auf. Sie reden natürlich Bündnerdeutsch. Auto fahre sie hingegen wie ein echter Bündner. «Anfangs hat mich deren Fahrweise genervt, heute bin ich genau gleich. Es ist eben schon mühsam, auf einer Passstrasse langsam hinter einem Unterländer zu fahren», lacht sie. Und Unterländer sind eben alle, die nicht Bündner sind.
Reagieren, wenn das Tier einfach abhaut
Fahren, das muss Karin Hobi viel. Seit fünf Jahren arbeitet sie als Reporterin und Redaktorin bei einer Bündner Zeitung, der «Südostschweiz». Die Tageszeitung mit einer Auflage von rund 60 000 Exemplaren berichtet über das Geschehen in ganz Graubünden. Und da muss Hobi auch immer wieder zu neuen Schauplätzen fahren. «Die Distanzen sind gar nicht so gross. Aber durch die vielen Berge kann es doch länger dauern», sagt sie. Aber das stört sie nicht, sie ist gern im Auftrag der Zeitung unterwegs. «Man weiss nie genau, was einen erwartet, muss schnell reagieren können, wenn etwas nicht klappt. Denn ohne Story kann ich ja nicht zurückkehren.»
Reagieren können, das musste sie auch bei ihrem allerersten Auftrag als Reporterin, damals noch bei der «Bündner Woche». Die Redaktion schickte sie zu einem Alpabzug. Sie sollte sich eine bestimmte Kuh aussuchen und diese quasi den ganzen Weg begleiten und darüber berichten. «Aber dann ist das Tier ausgebüxt und abgehauen. Ich konnte ihm nicht mehr folgen», erinnert sich Hobi und muss lachen. Also musste sie spontan eine neue Idee entwickeln. Das könne immer mal wieder passieren, sagt sie. So auch, als in Splügen mangels Schnee der Skiliftbetrieb eingestellt wurde. «Ich sollte enttäuschte Touristen befragen. Aber ich habe im ganzen Dorf niemanden angetroffen. Also habe ich mich an den Stammtisch zu ein paar älteren Einheimischen gesetzt und mit ihnen über die Bedeutung und Veränderung des Tourismus gesprochen», macht sie ein Beispiel.
Schon drei Bücher veröffentlicht
Immer wieder Neues erleben, andere Menschen kennenlernen, hinter die Kulissen blicken können, das macht für sie den Reiz der Arbeit aus. Hobi ist eine Allrounderin, ausser über Sport und Kultur schreibt sie über alles. Macht auch Pikettdienst, verfasst News für die Online-Kanäle, füttert den Ticker. Diese Abwechslung, die gefällt ihr. Am liebsten aber schreibt sie Porträts. Das kommt nicht von ungefähr. Bevor sie bei der «Bündner Woche» ihre Karriere startete und sich zur Lokalredaktorin ausbilden liess, hatte sie schon drei Bücher veröffentlicht. In «Lebens(t)raum Chur» porträtiert Hobi 30 Menschen, die mit Chur verbunden sind und offen über ihr Leben erzählen. Auf den ersten Band folgte ein zweiter. «Ich hatte zusammen mit meinem damaligen Partner einen Verlag gegründet. Und ich wollte immer schon ein Buch schreiben. Mit diesem Projekt hatte ich Gelegenheit dazu. Und die Begegnungen haben mir später viele Türen geöffnet.» Danach folgte noch ein weiteres Buch («Sie liebt»), aus dem auch ein Theaterprojekt entstand.
Geschrieben hat die Villmergerin schon immer gerne. Wenn sie als Jugendliche gefragt wurde, was sie spä- ter werden möchte, sagte sie meist Autorin. Dass sie nun tatsächlich mit dem Schreiben ihr Geld verdient, empfindet sie als Glücksfall und Privileg. Auch wenn sie dafür Opfer bringen muss. Angestellt in einem 50-Prozent-Pensum, muss sie einen grossen Effort leisten, um alles unter einen Hut zu bringen. So hat sie ausgerechnet dann ihren Freitag, wenn die grosse wöchentlich Redaktionssitzung stattfindet. Sie muss sich also darum bemühen, alle Infos zu erhalten. Auch sonst steht sie meist unter Strom. «Ich kann schlecht abschalten, laufe immer mit offenen Augen durch die Welt, entdecke überall mögliche Geschichten», sagt sie von sich selbst. Darum können sich Privat- und Berufsleben schon mal vermischen, kommt es vor, dass sie einen Ausflug mit den Kindern so plant, dass sie gleich noch ein Bild für die Zeitung machen kann. Und nein, es ist nicht der Lohn, der sie antreibt. «Da wäre ich besser bei der Bank geblieben», lacht sie. «Aber ich habe einfach Leidenschaft für das Schreiben. Die Anstellung bei der Zeitung ermöglicht es mir, diese auszuleben.»
Interesse an sensiblen Themen
Karin Hobi geht auf in ihrem Zeitungsberuf. Aber sie ist nicht blauäugig, sieht die Entwicklung in der Medienbranche. Die Abozahlen gehen auch im Bündnerland zurück, überall werden Stellen abgebaut, KI nimmt einen immer grösseren Raum ein, Tempo wird immer wichtiger – bei der «Südostschweiz» heisst es längst «Internet first». Doch noch stimmt für sie das Gesamtpaket. «Ich mache meinen Beruf gerne», sagt sie. Vor allem die Kontakte zu neuen Menschen sind es, die ihr Spass machen. Sie gilt als aufmerksame Zuhörerin, die ihrem Gegenüber mit grosser Offenheit und Neugier begegnet. «Ich bin ein sehr feinfühliger Mensch. Darum werde ich oft für Geschichten aufgeboten, die eine solche Feinfühligkeit benötigen», erzählt sie. So war sie vor Kurzem bei einer Familie, deren behindertes Kind nicht die nötige Pflege erhält, weil die Fachkräfte fehlen. Es sind solche Begegnungen und Geschichten, die sie antreiben.
Freizeit ist für die Alleinerziehende hingegen eher Mangelware. Wenn es sich einrichten lässt, ist sie gerne mit den Kindern in der Natur unterwegs. Und sie liebt es zu kochen, improvisiert dabei gern. Zudem ist da noch dieser Traum, weitere Bücher zu schreiben. «Ich habe schon mehrere angefangen. Aber an einem Buch muss man länger dranblieben, sonst wird das nichts. Und dazu fehlt einfach die Zeit», so ihre Erfahrung. Aber wer weiss – wenn die Kids dann grösser sind, dann liegt sicher wieder mehr drin. Man kann also gespannt sein auf die weiteren Veröffentlichungen von Karin Hobi-Pertl, der Villmergerin mit Wahlheimat Chur. Der Freiämterin, die wie ein Bündner fährt. Und die auch mal die AKB mit der GKB verwechselt.

