Milch aus dem Kaffee holen
13.01.2026 Region Unterfreiamt, Dottikon, HägglingenGemeinsamer Themenabend von Umwelt Dottikon und Häggligrüen zu PFAS
Sie finden in vielen Produkten Verwendung. Und sind doch eigentlich schädlich für Umwelt und Mensch. Die PFAS genannten chemischen Verbindungen sorgen für Schlagzeilen. ...
Gemeinsamer Themenabend von Umwelt Dottikon und Häggligrüen zu PFAS
Sie finden in vielen Produkten Verwendung. Und sind doch eigentlich schädlich für Umwelt und Mensch. Die PFAS genannten chemischen Verbindungen sorgen für Schlagzeilen. ETH-Professor Martin Scheringer erklärt, warum diese Stoffe so gefährlich sind. Und warum es schon zu spät zum Reagieren ist.
Chregi Hansen
Das Thema hat jetzt auch die Schweiz erreicht. Im Frühling 2024 musste in der Ostschweiz Rindfleisch wegen zu hoher PFAS-Werte aus dem Verkauf genommen werden. Vor wenigen Wochen traf es die Fischer am Zugersee, ihre Hechte und Egli sind ebenfalls zu stark belastet und dürfen ab sofort nicht mehr als Lebensmittel verkauft werden.
«Viele verstehen das Verbot nicht und sagen: Das haben wir früher auch gegessen. Aber früher wussten wir auch nichts über die Gefahren», sagt Martin Scheringer. Der studierte Chemiker ist Privatdozent an der ETH Zürich und gilt als führender Experte rund ums Thema PFAS. Seit über 15 Jahren beschäftigt er sich damit. In Dottikon spricht er auf Einladung von Umwelt Dottikon und Häggligrüen über die lauernde Gefahr in Böden und Wasser. Und er ist auch Protagonist im Dokumentarfilm «PFAS – Gift für die Ewigkeit», der dem Publikum zur Einstimmung gezeigt wird. «Das ist ein gut gemachter Film», so Scheringer. «Und das sage ich nicht, weil ich darin vorkomme. Sondern weil der Film deutlich macht, wie komplex das Problem ist.»
Industrie läuft Sturm
Es geht in der Diskussion um per- und polyfluorierte Alkylverbindungen, kurz PFAS genannt. Dabei handelt es sich um eine Gruppe von mehreren Tausend synthetischen Industriechemikalien, die seit den 1970er-Jahren in grossem Umfang eingesetzt werden. Sie besitzen viele Vorteile, sind beispielsweise fett-, schmutz- und wasserabweisend und thermisch und chemisch äusserst stabil. Aber sie haben auch Nachteile. PFAS sind in der Umwelt nahezu nicht abbaubar und werden daher auch als «Ewigkeitschemikalien» bezeichnet. Und viele von ihnen sind gesundheitsgefährdend, können beispielsweise Krebs verursachen. «Die chemische Industrie weiss seit 50 Jahren von diesen Gefahren. Aber sie produziert munter weiter», so die Kritik des Experten.
Inzwischen sind die PFAS aber zu einem grossen Thema geworden. Mehrere Firmen sehen sich mit Millionenklagen konfrontiert. In den USA wurden bereits Vergleiche in der Grössenordnung von 1,2 Milliarden Dollar abgeschlossen. In Italien wurden die Manager eines Textilkonzerns wegen der Verschmutzung von Böden und Wasser zu Gefängnisstrafen verurteilt. Doch ein Umdenken findet nicht statt. «Die Italiener haben ihre Patente nach Indien verkauft, da werden jetzt auf die gleichen Art die gleichen Produkte hergestellt», berichtet Scheringer. Die EU prüft derzeit Beschränkungen und Verbote für ganze Gruppen von PFAS, dagegen läuft die Industrie Sturm. «Leider schliessen sich auch einzelne Regierungen dem Widerstand an, weil sie ihre Industrie schützen wollen. Daher ist damit zu rechnen, dass die geplanten Einschränkungen, wenn überhaupt, nur stark abgeschwächt kommen», erklärt der Professor.
Keine Kennzeichnungspflicht als Problem
Die Industrie argumentiert, dass diese Stoffe unersetzbar seien. «Das gilt für ganz wenige Produkte, beispielsweise in der Medizinaltechnik», macht Scheringer deutlich. Für andere Bereiche, etwa in der Textilbranche, gebe es genügend Alternativen. Als Beispiel nennt er das Backpapier. Das enthält heute PFAS. «Backpapier gibt es aber schon viel länger. Es geht also auch ohne», macht Scheringer deutlich. Das Problem sei, dass es keine Kennzeichnungspflicht gebe, der Kunde also nicht weiss, was er erhält. Allerdings hätten einige Unternehmen gemerkt, dass der Verzicht auf PFAS sich positiv auswirken kann, also gutes Marketing darstellt. Das grösste Problem sei aber, dass es bereits Unmengen an PFAS in den Böden und im Wasser gebe. Und diese sich so unkontrolliert ausbreiten. Gerade auch in Nahrungsmitteln. «Davor kann auch kein Label schützen». sagt der Chemiker.
Der grosse Vorteil dieser Stoffe, die Stabilität und Langlebigkeit, ist auch ihre grosse Gefahr. Sie sind kaum und wenn nur unter höchstem Aufwand abbaubar. «Es ist, wie wenn man Milch in den Kaffee giesst. Die bringt man nachher auch nicht mehr aus», macht der Referent einen Vergleich. Wichtig sei, jetzt die Quellen zu schliessen, damit nicht weitere Stoffe in die Böden gelangen. Von der Industrie erhofft sich Scheringer wenig Unterstützung. Aber viele Behörden hätten das Problem erkannt und machen Druck. Auch in der Schweiz. «Die Ämter nehmen ihre Aufgabe ernst. Leider ist die Botschaft noch nicht bei den Politkern angekommen. Und jeder Kanton hat andere Regeln», so der Professor. Er jedenfalls würde sich freuen, wenn er sein Wissen und seine Erkenntnisse auch einmal dem Bundesrat präsentieren dürfte. «Eigentlich ist es fast schon zu spät, aber wir müssen jetzt endlich handeln», so sein Aufruf am Schluss des Abends.

