Das Puff im Schulhaus
15.05.2026 Wohlen, SchuleVolkshochschule lud zu einem «Gang durch Anglikon» mit Daniel Güntert
Der «Gang durch Wohlen» gehört seit bald 20 Jahren zu den Rennern im Angebot der Volkshochschule. Diesmal führte Lokalhistoriker Daniel Güntert die Interessierten ...
Volkshochschule lud zu einem «Gang durch Anglikon» mit Daniel Güntert
Der «Gang durch Wohlen» gehört seit bald 20 Jahren zu den Rennern im Angebot der Volkshochschule. Diesmal führte Lokalhistoriker Daniel Güntert die Interessierten in Quartiere ausserhalb Wohlens – nach Anglikon. Dort sind die Spuren der Zwangsfusion vor mehr als 100 Jahren noch immer spürbar.
Chregi Hansen
Manchmal sind es die sprachlichen Feinheiten, welche den Unterschied machen. Von Anglikon geht man nach Wohlen «ufe», umgekehrt läuft man nach Anglikon «hindere». Zwei Wörter, welche die Machtverhältnisse klar machen. In Anglikon fühlte man sich nach der Zwangsfusion lange von oben herab behandelt. «Gerade in Gesprächen mit älteren Anglikern ist das immer noch spürbar», sagt Daniel Güntert.
Der Rundgang entstand vor rund zwei Jahren aus Anlass des 50-Jahr-Jubiläums des Dorfvereins Anglikon. Nun fand er in angepasster Form Aufnahme ins Programm der Volkshochschule. Und zog Bewohner aus beiden Dorfteilen an. Wie immer wusste der Lokalhistoriker auf dem Spaziergang viele Anekdoten zu berichten über einzelne Gebäude und Personen. Und natürlich war auch der Grund des Zusammenschlusses Thema. Und damit auch die Angliker Schule.
80 Kinder in einem Schulzimme unterrichtet
Wobei sich das erste Schulhaus im damaligen 500-Seelen-Ort an einem ganz anderen Ort befand. Und zwar an der Unterdorfstrasse 6. Hier unterrichtete Lehrer Konrad bis zu 80 Kinder von der 1. bis 8. Klasse in einem einzelnen Zimmer. Dass sich hier einst ein Schulhaus befand, wissen die wenigsten. Bekannt ist das Gebäude vielen noch unter dem Namen «Romantika» als ehemaliges Puff und Rotlicht-Etablissement. Heute ist es ein ganz normales Wohnhaus, dessen Geschichte langsam in Vergessenheit gerät.
Anfang des 20. Jahrhunderts befand dann der Kanton, dass das Haus nicht mehr den Anforderungen genügt. Also machten sich die Angliker an die Planung eines neuen Schulhauses. «Doch die ersten eingerichteten Pläne fanden keine Zustimmung. Es wurden weitere, moderne Zimmer verlangt und auch eine Turnhalle», weiss Güntert zu berichten. Der Forderung kamen die Angliker nach – mit der Folge, dass die finanzielle Belastung zu gross wurde. Worauf der Kanton die Zwangsfusion mit Wohlen anordnete. Bei der Eröffnung 1907 war dann ganz viel Volk anwesend: Vertreter von Kanton und Gemeinden, von Behörden und Vereinen, die «Musig» natürlich und viele mehr. «Nur für die Schüler selbst hatte es keinen Platz mehr bei der Feier», erzählt Güntert schmunzelnd.
Viele Geschichten gibt es auch rund um die Post. Die befand sich früher im Unterdorf im stattlichen Haus der Familie Vock. Gebaut wurde es im Jahr 1805, und die Familie Vock hat über etliche Generationen die Post geführt. Interessant: Der Haupteingang der Post befand sich auf der Westseite des Hauses. Weil die Bewohner des Oberdorfs aber nicht ums Haus laufen wollten, nutzten sie einfach den Hintereingang. In den 70er-Jahren befand die Post dann, dass die Filiale an die Hauptstrasse gehört. Das Land stellte die Gemeinde zur Verfügung, die Kosten für den Bau musste das Posthalter-Paar selbst tragen. Herbert Vock, der letzte Posthalter, war für viel mehr zuständig als das Vertragen der Briefe, das auch schon mal von Beamten mit der Stoppuhr überwacht wurde. «Er war Seelsorger, Spitex, Helfer in allen Notlagen. Er war eine Institution im Dorf», weiss Güntert aus Erzählungen. 2005 erfolgte aber die Schliessung. Nur der Name der Bushaltestelle erinnert noch an die Vergangenheit.
Altes Fabrikareal ist heute Paradies für Vögel
Prägend für Anglikon war auch die 1876 gegründete Textilfärberei Schärer, deren hoher Kamin quasi das Wahrzeichen des Dorfteils darstellt. Dass der Turm erhalten werden konnte, bezeichnet Güntert als Glücksfall – die Swisscom hat darauf eine Mobilfunk-Antenne eingerichtet. Auch das Kesselhaus mit den beiden grossen Öfen ist noch immer erhalten. «Das ganze Areal ist ein industrieller Zeitzeuge, auch wenn die Gebäude heute ganz anders genutzt werden», so der Lokalhistoriker. Und auch Ornithologen kommen hier auf ihre Kosten, gibt es doch regelmässig von Mauerseglern und Schwalben genutzte Nistkästen, und ein Falke kommt regelmässig zum Brüten vorbei. Lediglich die Störche ignorieren den extra für ein Nest vorbereiteten Kamin. Zumindest bis jetzt.
Viel Spannendes und Erheiterendes gab es auf dem Rundgang zu hören. So etwa, dass der grosse Hof von Peter Vock einst auch eine Beiz war. Das macht Sinn, den hier führte der Weg zur Kirche in Villmergen vorbei, wo die Angliker die Messe besuchten. «Und an einem solchen Weg braucht es natürlich eine Beiz.» Dass Anglikon bis 1917 kirchlich zu Villmergen gehörte, sei noch heute spürbar, so Güntert. Noch immer gebe es Bewohner des Dorfteils, die lieber da begraben werden wollen.
Die Sache mit dem Kirchenpatron
Gerne wäre Anglikon auch eine eigene Pfarrei gewesen, schliesslich hat man bereits 1515 eine eigene Kapelle gebaut. Mitte des 18. Jahrhunderts gab das Kloster Muri dann nach und erlaubte Gottesdienste. Dies aber unter der Bedingung, dass neu der Heilige Franz Xaver Kirchenpatron sei und nicht mehr Antonius. Allerdings stehen direkt neben dem grossen Gemälde von Franz Xaver zwei Statuen von Antonius. «Die Angliker waren eben immer etwas subversiv», so Güntert. Noch immer hat die Kapelle eine gewisse Bedeutung und steht auch unter Schutz. Einziger Blickfang im schlicht gehaltenen Raum ist ein klassizistischer Säulenaltar, dessen Marmor rot, blau und grau schimmert. Wobei sich der Marmor beim näheren Betrachten als geschickt bemaltes Holz entpuppt.
Viel zu bieten
Natürlich gab es viele weitere Geschichten. Über das Milchhüsli oder den Dorfladen. Über das Ratsherrenhaus oder den Gedenkstein an den Aktivdienst der Feldbatterie 68 während des Zweiten Weltkrieges. Den Überfall auf die Post. Und und und. Der Rundgang macht deutlich, dass Anglikon einiges zu bieten hat. Für die eigene Bevölkerung. Aber auch für die nicht immer so geliebten Wohler. Nächstes Jahr geht es dann quasi zu den Nachbarn der Angliker, genauer ins Wilquartier, wie Güntert ganz zum Schluss verriet.



