Weil die Details so wichtig sind
31.07.2026 Wohlen, KulturWahrsager bringt Poesie
Circus Monti feiert in einer Woche Premiere in Wohlen
«Poussière d’étoiles» heisst die neue Monti-Inszenierung. Auf Deutsch: Sternenstaub.
Stefan ...
Wahrsager bringt Poesie
Circus Monti feiert in einer Woche Premiere in Wohlen
«Poussière d’étoiles» heisst die neue Monti-Inszenierung. Auf Deutsch: Sternenstaub.
Stefan Sprenger
Ein ungeschickter Wahrsager bildet den roten Faden in der neuen Monti-Show und sorgt für Zirkuspoesie. Am Freitag, 7. August, ist die Premiere. Natürlich zu Hause, in Wohlen. Die 14 Artistinnen und Artisten stammen aus aller Welt. Haiti, Kolumbien, Kanada, Kuba, Kolumbien, Frankreich – und aus der Schweiz. Sie werden die Zuschauer an den 10 Gastspielorten in rund 125 Vorstellungen verzaubern.
Die Disziplinen sind wie immer sehr vielfältig. Jonglage, Fangstuhl, Strapaten, Vertikalseil und natürlich darf die Clownerie nicht fehlen. «Wir haben versucht, alle einzelnen Komponenten, von der Artistik über die Musik, die Kostüme und das Licht, möglichst optimal aufeinander abzustimmen. Es stecht sehr grosses Teamwork dahinter. Und wir hoffen, dass wir etwas erschaffen haben, was den Menschen gefällt», sagt Itzel Viruega, die zusammen mit Jérémie Robert das Konzept und die Regie von «Poussière d’étoiles» verantwortet.
Johannes Muntwyler, Direktor des Circus Monti, sagt: «Es ist etwas Neues, etwas anderes. Ich glaube und hoffe, dass es den Zuschauern gefallen wird.» Nach dem Premieren-Wochenende in Wohlen geht die grosse Tour los, die Ende November endet. Ein Einblick an der Medieninfo verspricht schon mal Wunderbares.
Heute in einer Woche findet die Premiere des Circus Monti statt
Mit den Auftritten zu Hause startet der Wohler Circus zu seiner 42. Tour. 125 Vorstellungen an zehn Orten warten auf das Team. Vieles scheint wie immer zu sein. Und doch ist es eine Herausforderung, jedes Jahr wieder ein Programm zu entwickeln, welches das Publikum begeistert.
Chregi Hansen
Seit gut acht Wochen sind Itzel Viruega und Jérémie Robert in Wohlen, um mit den 14 Artisten und Artistinnen das neue Programm einzuüben. Doch die Vorbereitungen begannen schon viel früher. «Bereits seit zwei Jahren sind wir im Austausch mit der Familie Muntwyler. Es gab Besuche in Montreal und viele Gespräche», erzählen die beiden künstlerischen Leiter. In die Schweiz kamen die Mexikanerin und der Franzose, die mittlerweile in Kanada leben und arbeiten, dann zwar mit einer Idee. «Aber das Programm selbst entsteht erst im Austausch mit den Artisten und den anderen des Leitungsteams», so Robert.
Wahrsager sorgt für Chaos
Im Zentrum des neuen Programms mit dem Titel «Poussière d’étoiles» (zu Deutsch «Sternenstaub») steht ein Wahrsager. In seinem Zelt, umgeben von flackernden Lichtern und duftendem Rauch, verspricht er, die Geheimnisse des Schicksals zu enthüllen. Er wagt es, die Zukunft vorauszusagen. Und bringt damit das Leben aus dem Gleichgewicht. Die neue Inszenierung entfaltet sich denn auch als artistische Reise zwischen Gelächter, Staunen und Missverständnissen. In Momenten wahrer Anmut wird spürbar, dass gerade im Scheitern eine besondere Kraft liegt: Misserfolge verwandeln sich in reine Zirkuspoesie und lassen etwas Wunderbares entstehen.
Itzel Viruega begann ihre Karriere als Kunstturnerin, wechselte 2005 zum Zirkus und unterrichtet seit 2010 an der École Nationale de Cirque in Montreal. Sie hat schon mit dem Cirque du Soleil, der kanadischen Nationalmannschaft im Synchronschwimmen und dem kolumbianischen Kulturministerium zusammengearbeitet. In der Schweiz ist sie zum ersten Mal. Wobei: «Ich war als Kind einmal auf einer Reise ein paar Tage in diesem Land», schmunzelt sie. Für Regie-Partner Jérémie Robert ist es hingegen ein Wiedersehen. Seit 2004 trat er als Artist mit Spezialdisziplin Schleuderbrett in der ganzen Welt auf, 2015 war er mit dem Monti auf Tour. Damals führte Marie-Josée Gauthier Regie. «Sie ist auch jetzt involviert, sie ist für uns wie eine Mentorin», sagt Robert.
Der Grossteil der diesjährigen Artisten genoss eine Ausbildung in Kanada. Für die beiden künstlerischen Leiter ist das kein Zufall. «Kanada und Monti, das passt. In Kanada wie auch beim Monti legt man viel Wert auf Details und Disziplin, achtet aber auch auf den Gesamteindruck. In unserem Land entsteht eine neue Generation von Artisten, die genau so arbeiten will», sagt Jérémie Robert. Junge Menschen, die auch zu Experimenten bereit sind. So wird am Schluss des Programms eine Gruppennummer mit Perche (Stangenakrobatik) gezeigt. «Keiner hat zuvor etwas in dieser Disziplin gemacht, alle mussten es neu lernen. Das braucht Mut», lobt Direktor Johannes Muntwyler.
Traditionen bewahren und immer wieder Neues wagen
Er beobachtet das Geschehen aus dem Hintergrund, seine aktive Zeit in der Manage ist wohl für immer dabei, von den Montis ist einzig Tobias Muntwyler wieder aktiv im Einsatz. Aber Vater Johannes kann einschätzen, was die jungen Artisten von heute leisten. «Ich habe auch schon Perche-Nummern gemacht. Erst mit meinem Bruder, dann mit meinen Söhnen. Ich weiss, was es dazu braucht», sagt er. Mit diesem Element kehrt eine ganz alte Disziplin in die Manage zurück. Umgekehrt bringt Robyn Haefeli eine Nummer am Roue Cyr, einer eher neuen Abwandlung des Rhönrads ins Programm. «Sie zeigt damit Figuren, die man vor Kurzem noch für unmöglich gehalten hat», schwärmt der Direktor. Es ist genau diese Mischung aus alter Zirkus-Tradition und innovativen Ideen, die den Monti jedes Jahr so besonders macht. Und eben das Achten auf alle Details
Die Vorbereitungen laufen eine Woche vor der Premiere auf Hochtouren. Kostümbildnerin Barbara Tschumi muss sich für den Pressetermin abmelden, sie hat noch einiges zu ändern an den Kleidern. «Jeder Artist erhält zwei identische Kostüme, die massgeschneidert sind auf ihre Figur und ihre Nummer», erklärt Muntwyler. Darum kann sie erst mit der Arbeit anfangen, wenn die Crew hier ist. Auch in Sachen Bühnenbild wird alles auf den letzten Drücker fertig. So ist die Farbe der Rutschbahn noch nicht ganz getrocknet, was sich auf die Kostüme auswirkt, wie der Direktor erzählt. Sohn Nicola hat das Bühnenbild erst gezeichnet und dann auf 3D-Pläne ausgedruckt. Auch hier liegt die Krux im Detail, der Hintergrund soll sich im Laufe des Vorführung wie eine Muschel öffnen. Das erweist sich als schwieriger als gedacht.
Willkommene Kühlung
Intensive Wochen hat auch Thierry Epiney hinter sich. Zum 6. Mal ist er für die Musik zuständig. «Ich fange mit dem Komponieren erst an, wenn ich die Artisten kennengelernt habe», sagt der Walliser. Dabei unterhält er sich nicht nur über ihre Nummern, sondern auch über Farben, Ideen, das Leben generell. «Ich will Musik schreiben, die komplett zur Person passt», so Epiney, der sich freut, dass der Monti auch dieses Jahr wieder so tolle Musiker an Bord hat. Entspannt wirkt hingegen Jasper Baan Hofman, der für das Licht zuständig ist. Der Monti hat in den letzten Jahren viel in das Lichtsystem investiert, fasst alles lässt sich jetzt vom Computer aus programmieren und ausrichten. «Das gibt im Vorfeld mehr Arbeit. Aber wenn das Programm steht, wird es einfacher auf der Tour», sagt er. Investiert wurde vor einigen Jahren auch in ein Kühlsystem. Darüber ist man in der jetzigen Zeit besonders froh. Man wagt sich gar nicht vorzustellen, wie die laufenden Proben im Zelt ohne Kühlung wären.
Ausruhen gibt es nicht
Die Tour führt in die gewohnten zehn Städte. Die Standorte bleiben gleich, die Termine mit einer kleinen Ausnahme auch. «Das ist wichtig für uns, wie wir letztes Jahr gesehen haben», sagt Muntwyler. 2025 mussten die Daten in Winterthur und Luzern getauscht werden. «In Luzern fiel unser Gastspiel dann in die Ferien, das bekamen wir zu spüren», so der Direktor. Überhaupt: Wer glaube, dass sich der Monti auf seinem Erfolg ausruhen kann, der täuscht sich. «Wir verzeichnen zwar hohe und sogar steigende Zuschauerzahlen. Aber es gibt keine Garantie, dass dies so bleibt. Wir fangen jedes Jahr bei null an, müssen die Leute jedes Jahr von Neuem gewinnen», sagt Johannes Muntwyler. Immerhin: Bisher verläuft alles nach Plan, das Team ist komplett, für die Feinarbeit bleibt noch eine Woche Zeit. Und um vorherzusagen, dass auch dieses Jahr ein Erfolg wird, braucht es keine Wahrsager.
Die Fakten zur Tournee Der Circus Monti ist dieses Jahr vom 7. August bis 29. November auf der Tour, die in Wohlen startet und in Zürich auf dem Zürcher Kasernenplatz endet. Dazwischen steht das Zelt in Windisch, Basel, Wettingen, Aarau, Luzern, Bern, Solothurn und Winterthur.
Die Artistinnen und Artisten stammen diesmal aus nicht weniger als acht Ländern: Argentinien, Haiti, Kanada, Kolumbien, Kuba, Frankreich, Kanada und der Schweiz. Zu erleben sind sie in den Disziplinen Roue Cyr, Jonglage, Handstand, Fangstuhl, Russischer Barren, Strapaten, Vertikalseil, Kontorsion, Clownerie und in mehreren artistischen Gruppennummern. Das Zirkusorchester unter der Leitung von Michał Kołodziej besteht aus sechs Musikern, fünf stammen aus Polen, einer aus Belarus.
Der Aufwand für die Tour ist gross. Acht Lkws, drei Traktoren, elf Lieferwagen, drei Teleskoplader, ein Kompaktlader, sieben Abrollmulden, vier Sattelauflieger, 29 grosse Materialund Holzwagen, 35 Campingwagen sowie 25 Personenwagen werden dafür benötigt. Insgesamt stehen während der Saison rund 65 Mitarbeitende (inklusive Artisten und Musikern) im Einsatz. Das grosse Bogenzelt mit einem Durchmesser von 30 Metern und einer Höhe von 10 Metern bietet Platz für 750 Zuschauer. Für den Aufbau werden rund neun Stunden benötigt, für den Abbau vier. Da der Monti nur noch an zehn Orten haltmacht, fällt diese Arbeit deutlich weniger oft an. Zum Vergleich: In seinem allerersten Jahr 1985 waren es noch 100 Gastspiele während acht Monaten, 2014 auf der letzten langen Tour 44 Gastspielorte während acht Monaten, jetzt noch zehn Gastspielorte während vier Monaten. --red
Infos und Tickets: www.circus-monti.ch
Monti als Leuchtturm
Besondere Auszeichnung durch den Kanton
Zum Schluss hat Johannes Muntwyler noch zwei positive Nachrichten zu verkünden. Die Zeltvermietung läuft nach einer nicht einfachen Zeit wieder auf Hochtouren. Tobias Muntwyler, der diese Sparte leitet, hat viele Gespräche mit Veranstaltern geführt, um zu erfahren, welche Art von Zelten in Zukunft gefragt sind. Und entsprechend hat man dann auch investiert. «Das hat sich gelohnt. Wir waren zuletzt mit vielen Zelten auf dem Gurten und am Paleo Festival in Nyon präsent», freut sich Muntwyler.
Zudem wurde der Circus Monti vom Kanton Aargau zu einem Kultur-Leuchtturm ernannt, spielt jetzt also in einer Liga mit dem Künstlerhaus Boswil, dem argovia philharmonic, dem Stapferhaus Lenzburg und anderen. «Diese Auszeichnung freut uns sehr. Wie erachten sie als Wertschätzung für unsere Arbeit», sagt Muntwyler. Und dies in einer Zeit, in der man immer wieder liest, dass sich der Zirkus in der Schweiz in einer Krise befindet. Für den Monti jedenfalls trifft dies definitiv nicht zu. --chh




