Was seine Arbeit ausmacht
10.07.2026 Arbeit, Muri, PorträtFotograf und Journalist Mario Heller aus Muri arbeitet heute von Berlin aus
Mario Heller arbeitet heute an Schauplätzen, die eine gewisse Isolation vereint. Was haben Bäcker-Konditor und Polizist mit ihm zu tun und wieso er mit seiner Familie in Berlin lebt, ...
Fotograf und Journalist Mario Heller aus Muri arbeitet heute von Berlin aus
Mario Heller arbeitet heute an Schauplätzen, die eine gewisse Isolation vereint. Was haben Bäcker-Konditor und Polizist mit ihm zu tun und wieso er mit seiner Familie in Berlin lebt, erzählt der Freiämter. Dazu verrät er, wo er entdeckt hat, dass er eine Grossstadt um sich herum braucht.
Verena Anna Wigger
Bei all dem öffentlichen Ansehen, welches seine Arbeit erfährt, steht für Heller der Mensch im Zentrum. «Jedes Leben ist erzählenswert», sagt er. Und die Schlichtheit seiner Aussage steht im Kontrast zum Chaos, das in seinem Leben manchmal herrsche, wie er erwähnt. Dieses Chaos präge aber auch seine Bilder. Mario Heller ist überzeugt: «Wenn jemand von aussen kommt, dann empfindet dieser es oft als das Wichtigste, das, was man im eigenen Leben gar nicht mehr sieht.»
Die Erfahrung Grossstadt
Genau diese Gegensätze und Plätze, zu denen niemand geht, ziehen Heller an. Dabei sind das keine Krisengebiete. «Es sind isolierte Orte», sagt Heller. Nach Ausbildung und Praktikum bei der «Aargauer Zeitung» zog es ihn nach Russland. Während fünf Wochen erkundete er Moskau. «Das war in der Zeit, in der man noch nach Russland reisen konnte», sagt Heller, der seit zehn Jahren selbstständig arbeitet. Die Zeit in der Weltmetropole hat ihm auch gezeigt, «dass ich eine Grossstadt um mich herum brauche». Nach Abwägungen war ihm klar, Berlin kann diese Stadt sein. So stieg er mit einer Tasche ins Flugzeug und plante, nicht mehr zurückzukommen. Was dann sein rasanter Start untermauerte. Er fand sofort eine Stelle in einer Filmagentur, und nach einem halben Jahr wurde er bei der «Bild am Sonntag» angestellt.
Die Anfänge seiner freien Projekte waren schwierig zu finanzieren, erinnert sich der 34-Jährige. Seine Reisen nach Zentralasien und die dafür benötigten Übersetzer und Reisemittel verschlangen oft mehr, als der Verkauf der Beiträge einbrachte. Damals hatte er das Gefühl, dass er sich eine Zeit lang in diesen Gebieten aufhalten müsse. Das konnten gut fünf Wochen sein. Das änderte sich bereits zwei Jahre später, als einer seiner Beiträge im «The Guardian» publiziert wurde.
Auch durch die Zusammenarbeit mit der Londoner «Panos Picture»-Agentur veränderte sich vieles. Heller, der auf Curaçao eine Reportage über die Menschen und ihr Leben machte, erinnert sich gerne daran. «Diese Reportage wurde ein Dutzend Mal publiziert.» Vor allem, weil sie auch zum Thema Fussball-Weltmeisterschaft passt. Denn die Mannschaft spielt(e) im Turnier gegen Deutschland.
Akribischer planen und aus Erfahrungen gewinnen
Heute plant der freie Fotograf seine Reisen anders. «Acht Tage reichen», sagt er. Dazu bereitet er sich detaillierter vor. Zwar spricht er Deutsch, Englisch, Russisch und Schulfranzösisch auf einem Grundniveau. «Der Austausch in den Ländern geht tiefer», sagt er und sucht sich daher nach wie vor einen Übersetzer, der ihn jeweils begleitet.
Nach einer Reise der Gegensätze fällt es ihm heute einfacher, wieder in seinen Alltag umzuschalten. Dazu tragen vor allem seine beiden ein und vier Jahre alten Kinder bei und seine Partnerin Wlada Kolosowa, die ebenfalls als Journalistin und Buchautorin tätig ist. «Wir teilen uns die freie Zeit stets untereinander auf», so gebe das einen Ausgleich, sagt der 34-Jährige. Er hat sie in seiner neuen Heimat kennen und lieben gelernt. Dass sie Russin ist und Berlin ebenfalls ihre Wahlheimat wurde, gehört wohl zu den Zufallsgeschichten des Lebens.
Die Verbindung zu Muri bleibt
«Es ist eine Berufung und das kann man nicht ändern», sagt Mario Heller zum Fotojournalismus, der während seiner Ferien in Muri weilt. Heute kommt er mit den Kindern wieder regelmässig zurück. Auch wenn er seit zehn Jahren in Berlin lebt: Muri bleibt für ihn ein Fixpunkt. Am Regliweg aufgewachsen, leben seine Eltern immer noch im Wey. Dazu gibt es noch das Projekt aus seiner Studienzeit, welches ihn mit Muri verbindet. Es ist ein noch laufendes Projekt. «Das ist mein stetiger Bezug», sagt Heller. Begonnen hat dies, als er am MAZ in Luzern, das ist die Schweizer Journalistenschule, studierte. Mit der Kamera lief er damals durch das Dorf und versuchte die Ästhetik, das «Bünzlitum» und die Idylle von Muri einzufangen. Das sagt er und entschuldigt sich im gleichen Moment. Denn beim «Bünzlitum» geht es ihm mehr um den Charakter als um die Abwertung seines Geburtsorts.
Diese Einstellung hat ihn «an die Plätze gezogen, an die niemand geht», sagt er. Dort wird der Fotograf und Journalist auch immer wieder mit Mauern und Spiegeln konfrontiert, die sich in Schweigen oder Zurückhaltung offenbaren und Einfluss auf Politik und Gesellschaft haben oder persönliche Überzeugungen hervorbringen. Das fasziniert ihn immer wieder aufs Neue. Hinter diesem ersten Eindruck zu schauen und die Menschen zu porträtieren – diese Gegensätze machen für ihn seine Arbeit aus.
Aus den Bildern seines Geburtsorts plant er, dereinst eine Ausstellung zu realisieren. Doch fehlen ihm dazu noch die Kontakte. Die Frage stellt sich wohl: Würde sich Muri auch freuen, seinen mehrfach preisgekrönten «Sohn» ausstellen zu können?



