Vordenkerin in Frauenfragen
22.05.2026 WohlenDie Heldin des Frauenrechts
Der Aargauische Katholische Frauenbund erinnert sich an die mutige Gertrud Heinzelmann
In Wohlen wurde sie geboren und da ist sie auch beerdigt – die Juristin und Pionierin Gertrud Heinzelmann (1914–1999). ...
Die Heldin des Frauenrechts
Der Aargauische Katholische Frauenbund erinnert sich an die mutige Gertrud Heinzelmann
In Wohlen wurde sie geboren und da ist sie auch beerdigt – die Juristin und Pionierin Gertrud Heinzelmann (1914–1999). Unerschrocken kämpfte sie für die Rechte der Frau sowohl auf politischer Ebene als auch in der katholischen Kirche.
Monica Rast
Das Grab wirkt unscheinbar, die Schrift verblasst allmählich. Der Wohler Historiker Dieter Kuhn besucht das Grab von Gertrud Heinzelmann auf dem Friedhof in Wohlen regelmässig. Dabei hat die Pionierin unermüdlich, unbeirrbar und unerschrocken für das Recht der Frau gekämpft. Spöttisch wurde die heranwachsende Gertrud «Betplätz» genannt, weil sie einen Sinn für Mystik und Spiritualität hatte.
Während die Knaben mehr Unterricht in Mathematik und Naturwissenschaften genossen, strickten und flickten die Mädchen ebenso viele Schulstunden und blieben folglich auf ihren Nähkörben sitzen, während die Knaben das Gymnasium besuchten.
Prägende Momente
Die katholische Männerwelt präsentierte sich machtvoll. Sei es im Verein, einer Partei oder in der Kirche. Es waren die Widersprüche der Modernisierung, die das Aufwachsen von Gertrud Heinzelmann prägten. In ihrer Biografie gibt es zwei prägende Momente – den Zweiten Weltkrieg und die Bekanntmachung des Bundesrates, dem Europarat beizutreten.
Die Freiämter Juristin brach in der Geschichte der katholischen Kirche ein Tabu. Für ihre Doktorarbeit beschäftigte sich Heinzelmann mit theologischen Schriften, denn ursprünglich wollte sie Theologie studieren, was ihr aber verwehrt blieb. Bei ihrer Lektüre machte sie eine Entdeckung: Einerseits war der Mann das höhere Prinzip und die Frau hingegen etwas Mangelhaftes. Anderseits seien alle Menschen, also Mann und Frau, als Abbild Gottes gleich. Und jeder getaufte Mensch war berechtigt, sämtliche Sakramente, inklusive der Priesterweihe, zu empfangen. So forderte sie 1962 zum zweiten Vatikanischen Konzil die Weihe von Priesterinnen und stiess dabei auf wütende Ablehnung. Daneben kämpfte die Kirchenkritikerin für das politische Frauenstimm- und Wahlrecht. Gertrud Heinzelmann hat viele Jahre für das Recht der Frau gekämpft und marschierte dafür bis auf den Bundeshausplatz. Vom Kampfgeist Heinzelmann spürt man in letzter Zeit wenig. Man merkt eine allgemeine Gleichgültigkeit und einen Trend zur Romantisierung traditioneller, oft konservativer Rollenbilder der Frau auf Social Media. Dank Anlässen wie jenem vom Frauenbund geraten mutige Frauen wie Gertrud Heinzelmann nicht in Vergessenheit.
Vortrag und Podium zum Thema «Heute Frau sein in Politik und Kirche»
Die Pfefferoni-Anlässe des Aargauischen Katholischen Frauenbunds (AKF) widmen sich Themen aus Politik, Gesellschaft und Kirche. Sie sind aktuell, kritisch, provokativ und kontrovers und laden alle interessierten Frauen und Männer ein, sich zu informieren, diskutieren und philosophieren.
Monica Rast
Mit dem Thema «Heute Frau sein in Politik und Kirche» widmet sich die Veranstaltung der AKF einer Pionierin und Vorkämpferin für Frauenrechte in Kirche und Gesellschaft.
Die Wohlerin Gertrud Heinzelmann (1914–1999) setzte sich unermüdlich für die Gleichstellung der Frau in Kirche und Theologie ein. «Wir wollen mit unserer Veranstaltung uns nicht nur an eine besondere Frau erinnern, sondern uns von ihrer Unerschrockenheit und Kraft anstecken lassen», meint Caroline Küng, Leiterin AKF Fachgruppe Spiritualität. Zusammen mit Lilo Veraguth, Frauenbund, und Dieter Kuhn, Historiker, luden sie die Autorin und Historikerin Barbara Kopp zu einem inspirierenden Abend ein.
Zwischen Widerstand und Anpassung
«Die Welt von Gertrud Heinzelmann im Freiamt war eine Welt zwischen Widerstand und Anpassung an die Moderne. Ein Landstrich voller Gegensätze, katholisch-konservativ und bäuerlich, zugleich hoch industrialisiert und global ausgerichtet», beginnt die Buchautorin mit «Die Unbeirrbare – wie Gertrud Heinzelmann den Papst und die Schweiz das Fürchten lehrte» die Geschichte der Frauenrechtlerin.
Es ist eine Geschichte um Anerkennung in einer Welt, die von Männern dominiert und bestimmt wird. Sogar der Europarat erlaubte der Schweiz den Beitritt ohne die Unterzeichnung der Menschenrechte. Man müsse die Gesetzgebung erst prüfen. Gertrud Heinzelmann machte darauf hin «en Meis», wie sie es nannte, denn die Gleichberechtigung stand auf dem Spiel. Einige Jahre später wurde mit Vorbehalt die Europäische Menschenrechtskonvention unterzeichnet. Ausgeklammert wurden Frauenstimmrecht und die gleichberechtigte Schulbildung der Mädchen.
Und Heinzelmann wehrte sich erneut. Es kam zum Marsch nach Bern. Zwei Jahre später erhielten die Schweizerinnen 1971 das eidgenössische Stimm- und Wahlrecht. Gertrud Heinzelmann hatte immer mit den Mitteln gekämpft, die der Staat den Bürgern erlaubte. Sie hat sich ausgiebig mit der Frauenbewegung befasst und nirgends gefunden, «dass die Frauen um ihrer blauen Augen und blonden Harren willen einen Fortschritt erzielt hätten».
Herausforderung heute
Gertrud Heinzelmann war eine Vorkämpferin für viele Frauen in politischen und kirchlichen Positionen. So ist es nicht verwunderlich, dass sich rund 30 Frauen (und vier Männer) zu dem Vortrag und Podiumsgespräch im Chappelehof eingefunden haben.
Carmen Frei vom Frauenbund Schweiz fühlt anschliessend an den Vortrag in einem Podiumsgespräch drei Frauen auf den Zahn. Sie möchte das Lebensthema von Gertrud Heinzelmann in die Aktualität übersetzen und das Frau-Sein in Politik und Kirche beleuchten. Die Moderatorin diskutiert mit Martina Arnet (Lehrerin und Einwohnerrätin Wohlen), Aargauer Grossrätin Karin Koch Wick und Katharina Jost Graf, Theologin und Co-Präsidentin Frauenbund Schweiz, über die Herausforderungen der aktuellen Stellung der Frauen.
Alle sind sich einig, dass sie sich immer wieder mit Gegenwind auseinandersetzen müssen. Es braucht deshalb Vernetzungen, Gleichgesinnte und Unterstützung, die in schwierigen Situationen Halt geben. Sie alle haben einen Weg eingeschlagen, der von Hindernissen geprägt ist. Sei es ein Wiedereinstieg in die Arbeitswelt nach der Geburt, die Frage nach der Betreuung der Kinder, das Präsidium in einer katholischen Kirchenpflege oder Anerkennung in einer kirchlichen Tätigkeit.
Sie haben gelernt, Kritik nicht persönlich zu nehmen und für ihr Recht einzustehen. Karin Koch bewundert Heinzelmann: «Ich könnte nicht im grossen Ganzen so für eine Meinung einstehen. Ich brenne eher im Einzelnen. Zum Beispiel bei einer Scheidung der Frau beistehen und für andere Frauen ein Vorbild sein.»
Auch Martina Arnet sieht es wie Koch: «Ich probiere, im kleinen Einfluss zu nehmen, um die Mädchen in meiner Klasse zu stärken. Wenn ich sehe, dass ein Mädchen auf dem Fussballfeld steht, ist das ein Erfolg für mich.» Mit ihrem Engagement möchte sie auch Frauen motivieren, sich für Politik und Kommissionen zu interessieren. «Manchmal setzten wir Frauen uns selber unter Druck», ergänzt die Theologin Katharina Jost, «wir müssen uns nicht beweisen, sondern die Kirche soll uns sagen, warum wir keine Priesterinnen sein können. Und wir sollten nachsichtig mit anderen Frauen sein.»
In einem weiteren Punkt sind sich die Frauen einig: Es braucht beide Geschlechter für eine Gleichberechtigung und die entsprechenden Rahmenbedingungen. «Ich bin dafür, dass jeder seinen Lebensentwurf frei entscheiden kann. Aber wir müssen wachsam bleiben», meint Jost, «wir haben unsere Stellung erkämpft, sie wurde uns nicht geschenkt. Vieles ist nicht selbstverständlich und wir müssen schauen, dass es nicht wieder einen Rückschritt gibt.» Und spricht damit «Tradwife» (kurz für traditionelle Ehefrau» an, wo vor allem auf Social Media «in» ist.



