«Viel Wertvolles erleben dürfen»
27.03.2026 Wohlen, PorträtDie Aargauer Regierung sei gegen aussen stets geschlossen aufgetreten und vermittelte einen kompakten Eindruck. «Das schuf Vertrauen», betont Peter Wertli. Er blickt mit dieser Einschätzung auf 13 Jahre Tätigkeit als Regierungsrat, er war in dieser Zeit zudem dreimal ...
Die Aargauer Regierung sei gegen aussen stets geschlossen aufgetreten und vermittelte einen kompakten Eindruck. «Das schuf Vertrauen», betont Peter Wertli. Er blickt mit dieser Einschätzung auf 13 Jahre Tätigkeit als Regierungsrat, er war in dieser Zeit zudem dreimal Landammann. Und vor genau 25 Jahren trat er als Regierungsrat zu-New Kia Picanto rück. «Ich denke positiv und mit einem guten Gefühl an meine Zeit in der Regierung», so Wertli heute. --dm Cool. Modern. Erfrischend.
Interview mit Peter Wertli: Der ehemalige Regierungsrat zu seinem Rücktritt vor 25 Jahren und zur Aktualität
Das Freiamt und Aarau waren stets seine Lebensmittelpunkte. Als Bezirks- und Oberrichter führte sein Weg in die Aargauer Regierung. 13 Jahre lang war Peter Wertli Teil der Aargauer Regierung, vor einem Vierteljahrhundert trat er als Regierungsrat zurück. «Ich hatte eine gute Zeit und eine spannende Aufgabe», sagt er heute.
Daniel Marti
Vor 25 Jahren, Ende März 2001, sind Sie aus der Aargauer Regierung zurückgetreten. Welche Erinnerungen haben Sie an die 13 Jahre in der Regierung?
Peter Wertli: Ich denke positiv und mit gutem Gefühl an diese Zeit zurück. 1988, im Anschluss an eine parteiinterne Ausmarchung, wurde ich, quasi in einem neuen «Freiämtersturm», in die Regierung gewählt. Für fünf Jahre übernahm ich das Gesundheitsdepartement. Danach für acht Jahre das Erziehungsdepartement. Dreimal durfte ich der fünfköpfigen Regierung als Landammann vorstehen. Es waren überaus spannende und interessante, aber auch sehr intensive Jahre. Ich durfte in dieser Zeit das Geschehen im Kanton und die Entwicklung von Staat und Gesellschaft aktiv mitgestalten.
Woran erinnern Sie sich besonders und gab es schwierige Momente?
Als Gesundheitsdirektor konnte ich die gute Arbeit meines Vorgängers fortsetzen. Schwierig war die Bewältigung des damaligen Ansturms im Asylbereich. Einzelne Gemeinden weigerten sich, Asylbewerber unterzubringen. Ich musste das dennoch verlangen und gegen Widerstand konsequent durchsetzen. Damit schaffte ich mir wohl nicht nur Freunde.
Der Wohler Jean-Pierre Gallati ist aktuell Gesundheitsdirektor. Sie verfolgen die Arbeit Ihres Nachfolgers sicher. Was sagen Sie zu seinem Wirken?
Jean-Pierre ist als Gesundheitsdirektor bereits mein vierter Nachfolger. Er ist zugleich, welch grosser Zufall, auch unser Nachbar im Luegisland. Also darf ich wohl nichts Schlechtes über ihn sagen. Spass beiseite: Er macht einen guten Job. Ruhig, überlegt, engagiert und entscheidungsfreudig. Er scheut sich auch nicht, unzutreffende Aussagen und Behauptungen klar und gut begründet richtigzustellen, erforderlichenfalls auch gegenüber Parteikollegen. Nach seiner Wahl habe ich ihm grosszügig offeriert, er dürfe künftig jeweils am frühen Morgen vor mir aus der Tiefgarage fahren.
Wie lief es damals im Erziehungsdepartement?
Ich startete mit dem in der Lehrerschaft und in der Bevölkerung intensiv und kontrovers diskutierten «Leitbild Schule Aargau» als grundlegendes Planungsdokument. Der Bildungsauftrag und eine Standortbestimmung der Schule Aargau wurden formuliert und in zwölf Leitsätzen die künftige Entwicklung aufgezeigt. Das war ein langwieriger und spannender Prozess. In der öffentlichen Diskussion zeigte sich die enorm unterschiedliche oder gar gegensätzliche Erwartungshaltung an die Schule und deren Aufgabe. Und mittendrin in diesem Spannungsfeld eine engagierte Lehrerschaft. 1996 beschloss der Grosse Rat das für die künftige Arbeit und Schulentwicklung bedeutsame Leitbild.
Gab es weitere Herausforderungen, die es zu meistern galt?
Weitere anspruchsvolle Geschäfte und Projekte waren insbesondere das Gesamtkonzept und Dekret für die Lehrerbildung, die Regionalisierung der Oberstufe, der Gesamtbericht zur Führung der Schule vor Ort, die Neugestaltung der Maturität samt Einführung der Berufsmaturität wie auch die zeitraubenden Vorarbeiten für eine interkantonale Fachhochschule. Im Kulturbereich wurden die Leitlinien zur Kulturpolitik formuliert und der Erweiterungsbau des Kunsthauses prägte unsere Arbeit.
Es gab sicherlich auch wichtige Kontakte über die Kantonsgrenzen hinaus …
Selbstverständlich. Es gab viele solche Kontakte und Begegnungen. Zum Beispiel mit Bundesräten, mit anderen Kantonsregierungen und mit Vertretern der Wirtschaft. Als Vertreter des Kantons Aargau war ich Mitglied der Diözesankonferenz des Bistums Basel. Eindrücklich war für mich als Vertreter der Aargauer Regierung im Jahr 1995 die Privataudienz bei Papst Johannes Paul II anlässlich der Seligsprechung der Freiämter Ordensfrau Maria Bernarda Bütler in Rom.
Alle Begegnungen und Termine ergaben eine gefüllte Agenda …
Der Kontakt mit der Bevölkerung war mir wichtig, ich habe diesen jeweils echt genossen. Auch die vielen Repräsentationspflichten habe ich gerne wahrgenommen. Natürlich war es nicht immer einfach, an einem schönen Sonntagnachmittag statt daheim im Garten in einer damals oft noch verrauchten Turnhalle zu sitzen. Doch ich betrachtete meine Teilnahme auch als Zeichen der Anerkennung für die im Milizsystem und meist ehrenamtlich geleistete Arbeit. Es freute mich, bei vielen Besuchen unseren schönen Kanton mit seinen selbstbewussten und eigenständigen Regionen noch besser kennen und schätzen lernen zu dürfen.
Als Regierungsrat muss man mit Kritik umgehen und leben können. Wie war das bei Ihnen?
Das ist so. Viele rieten mir gut gemeint zu einer dicken Haut. Ich hielt dagegen, man müsse eine dünne Haut bewahren können, um echt zu spüren, was die Menschen bewege. Aber man müsse belastbar sein und allfälligen Schwierigkeiten mit der nötigen Gelassenheit begegnen.
Die Mediensituation war damals eine andere. Heute mit der digitalen Welt ist alles schneller, komplexer, vielfältiger. Gab es vor 25 Jahren deswegen weniger Kritik als heute?
Kritik, auch berechtigte, gab es auch früher. Diese war jedoch bezüglich Absender besser fassbar. Heute, mit der Möglichkeit von Anschuldigungen im Internet, ist diese leider oft anonymer häufiger und aggressiver geworden, so nehme ich das zumindest wahr.
Erkennen Sie im Rückblick auch gemachte Fehler, haben Sie Schwächen?
Aber klar, wer macht in so vielen Jahren keine Fehler? Bezüglich Schwächen müssen Sie wohl besser meine Frau fragen. Zumindest als Privatchauffeur und Chef an der Geschirrspülmaschine tauge ich.
Ist Ihnen nach erlebnisreichen Jahren der Abschied aus der Regierung schwergefallen?
Nein. Ich hatte eine gute Zeit, für die ich sehr dankbar bin. Doch in meiner Schlussansprache im Grossen Rat habe ich es so gesagt: «Es gibt eine Zeit zu dienen und eine Zeit zu gehen.» Gefreut und berührt hat mich die gespürte Wertschätzung und die grosse Anerkennung der geleisteten Arbeit, die ich bei meiner Verabschiedung im Grossen Rat, im Regierungsrat und im Departement erfahren durfte.
Vor der Regierungszeit waren Sie als Gerichtspräsident in Bremgarten und dann als Oberrichter tätig. Wie kam es dazu?
Mein Vater war beruflich am Obergericht tätig. Durch ihn wurde ich während der Kantonsschulzeit mit der Rechtswissenschaft näher vertraut. In der Folge schloss ich an der Universität Zürich das Studium der Jurisprudenz ab. Anschliessend kam ich – als Bürger von Zufikon wunschgemäss in meiner Heimatregion Freiamt – als Gerichtsschreiber ans Bezirksgericht Bremgarten. 1973 wurde ich als Gerichtspräsident gewählt. In dieser interessanten und vielfältigen Aufgabe erlebte ich während zwölf Jahren eine anforderungsreiche Zeit. Ich erhielt wie später während vier Jahren auch am Obergericht Einblick in viele Schicksale, Sorgen und Nöte der betroffenen Menschen. Der Richterberuf mit der Recht findenden und Recht sprechenden, aber auch vermittelnden Seite erfüllte mich und entsprach zutiefst meinem Naturell.
Nach der strengen Regierungszeit haben Sie es jedoch ruhig genommen?
Ganz so ruhig wurde es nicht. Für einige Jahre behielt ich das Präsidium der Sozialversicherung Aargau und blieb Mitglied in Verwaltungs- und Stiftungsräten. Für das Jahr 2003 ernannte mich der Regierungsrat zum Präsidenten des Patronatskomitees für das Jubiläumsjahr «200 Jahre Kanton Aargau».
Ein gelungenes Jubiläum. Wie sind Ihre Erinnerungen?
Es war ein sehr gehaltvolles Jubiläum mit einem eindrücklichen Festakt in der Aarauer Stadtkirche und grossem Festumzug. Bundesrat Deiss mit Fricktaler Wurzeln hielt die Festrede. Über das ganze Jubiläumsjahr hinweg gab es in allen Regionen des Kantons über 100 interessante Jubiläumsprojekte zu verschiedenen historischen, kulturellen und gesellschaftlichen Themenbereichen. Wie bei jedem Kantonsjubiläum war es ein grosses Anliegen der Regierung, die Gemeinschaft in unserem vielfältigen Kanton mit seinen historischen Regionen zu stärken.
Ausgeprägt geruhsam wurde es also nicht. Anders als in den Jahren in der Regierung stehen Sie politisch nicht mehr an der Front. Doch wie beurteilen Sie aktuell das Politgeschehen?
Ich betrachte das mit kritischem Blick nicht nur positiv. Die auch bei uns feststellbare Polarisierung im politischen Diskurs macht mir Sorgen. Sie verzögert oder verhindert gar mangels Kompromissbereitschaft in unserem ohnehin eher trägen demokratischen System ab und zu rechtzeitige gute Lösungen. Auch ist das Geschehen generell öfters oberflächlicher geworden. Mit Blick über die Landesgrenzen hinaus beunruhigen mich in geopolitisch ohnehin unruhigen Zeiten, auch mit Querblick auf unsere militärisch ungenügende Verteidigungsbereitschaft, bedrohlich näher gerückte Kriege und weltweite Konfliktherde. Mich irritiert zudem, wie ein einzelner Machtmensch wenig berechenbar, teils irrational und gar widerrechtlich das Weltgeschehen derart beeinflussen oder gar diktieren kann.
Gibt es auch positive Einschätzungen?
Ich stelle positiv fest, dass viele auch junge Menschen uneigennützig bereit sind, sich tatkräftig für die Gemeinschaft zu engagieren und hierfür wertvolle Arbeit zu leisten. Das stimmt mich zuversichtlich, auch in anspruchsvollen Zeiten die aktuellen und künftigen Herausforderungen als Staat und Gesellschaft meistern zu können.
Welche Aufgaben und Verpflichtungen haben Sie heute noch?
Nun, mit über 80 Jahren nehme ich es wesentlich ruhiger. Wieder dazugekommen ist eine beratende Funktion bei der Ferrowohlen AG. Mit meiner Frau Irène geniesse ich kulturelle und gesellschaftliche Anlässe und geruhsame Tage im Feriendomizil im Bündnerland. Vermehrt kann ich nun wertvolle Zeit mit meiner Familie und mit den Grosskindern verbringen.
Abschliessend: Sie sind zufrieden mit Ihrer Berufszeit?
Im Rückblick darf ich sagen: Ich hatte als Richter und als Regierungsrat beruflich eine gute Zeit und eine spannende, erfüllte Aufgabe. Ich konnte viele interessante und durch ihre Persönlichkeit beeindruckende Menschen kennenlernen und Freundschaften erfahren. Bis heute habe ich auch menschlich viel Wertvolles erleben dürfen. Ich erfuhr viel Glück und bin dafür zutiefst dankbar. Ich betrachte dies auch als Verpflichtung zu Solidarität mit benachteiligten Menschen, die solches Glück nicht erfahren haben und erfahren dürfen.
Persönlich
Peter Wertli war 13 Jahre lang Regierungsrat. Dabei war er fünf Jahre im Gesundheitsdepartement (mit Gesundheit, Sozialem, Militär und Zivilschutz), danach führte er acht Jahre das Erziehungsdepartement (mit Bildung, Kultur und Sport). Dreimal war er Landammann (1992/1993, 1995/1996 und 2000/2001).
1973 wurde Wertli zum Gerichtspräsidenten des Bezirksgerichts Bremgarten gewählt. Dort war er zwölf Jahre, dann folgten vier Jahre am Obergericht des Kantons Aargau.
Wertli war in früheren Jahren Mitglied der Schulpflege seiner Heimatgemeinde Zufikon sowie Präsident des Bezirksschulrates Bremgarten. Nach seiner Zeit als Regierungsrat war er ab 2002 für acht Jahre Stiftungsratspräsident des Spitals Muri. «Eine gewichtige und spannende Aufgabe», sagt er heute.
Von 2004 bis 2015 konnte er als Verwaltungsrat der Ferrowohlen AG den erfolgreichen Aufbau der langjährigen grossen Industriebrache zu einem modernen Industriepark mitgestalten. Zudem gründete er 2012 den Verein «Freunde Strohmuseum», den er in der Folge auch präsidierte.
Peter Wertli (Jahrgang 1943) wohnt mit seiner Frau Irène in Wohlen. Er ist verheiratet und Vater von zwei erwachsenen Söhnen. Als Hobbys spielt Peter Wertli gerne Seniorentennis, ist auf Wanderungen oder mit dem E-Bike unterwegs.


