Marco Huwyler, Redaktor.
Früher, in jener unendlich weit weg anmutenden Zeit der Kinderlosigkeit, war aktives Singen für mich ein schambehafteter Graus. Stand der gesellschaftliche Zwang eines Geburtstags- oder Weihnachtsliedes an, ...
Marco Huwyler, Redaktor.
Früher, in jener unendlich weit weg anmutenden Zeit der Kinderlosigkeit, war aktives Singen für mich ein schambehafteter Graus. Stand der gesellschaftliche Zwang eines Geburtstags- oder Weihnachtsliedes an, bewegte ich zaghaft und verschämt ein bisschen die Lippen. Froh, dass es bald wieder vorbei war.
Heute dagegen trällere ich unbekümmert und ungehemmt daher, was mir gerade durch den Kopf schwirrt. Denn Gesang – selbst meiner – scheint bei Babys und Kleinkindern ein Wundermittel zu sein. Insbesondere Krisen oder Einschlafprobleme lassen sich dadurch unverhofft bewältigen. Und mein Nachwuchs ist eine dankbare und unkritische Zuhörerschaft, die mich bis anhin noch nie ausgebuht hat – im Gegenteil. So bin ich kürzlich mal wieder mit dem Sohnemann auf dem Arm melodisch durch die Wohnung gewackelt. Ich sang – natürlich nicht im Originaltext, sondern mit «Lalala» – die englische Nationalhymne. Warum weiss ich nicht mehr. Es muss wohl kurz nach einem Sportevent gewesen sein. Inspiriert durch die Siegerehrung.
Weil meine Darbietung gefiel, schmetterte ich danach auch gleich noch den Schweizerpsalm hinterher. Was auch meine Tochter anlockte, mit der Frage, was ich denn da eigentlich für schöne Melodien singe. Also erklärte ich ihr, dass es sich um Nationalhymnen handelt. Und dass jedes Land eine eigene davon hat.
Fasziniert von diesem Umstand und den würdevoll feierlichen Melodien will sie seither immer wieder mal eine davon hören. Und das hat Auswirkungen. So kommt es heute vor, dass meine Dreijährige im vollen Bus oder Einkaufszentrum unbekümmert und lautstark eine Hymne zum besten gibt. Wahlweise kommt Frankreich, die Schweiz, England, Italien, die USA oder Deutschland zum Handkuss (mein persönliches Hymnen-Repertoire). Ich ernte dann verwunderte Blicke und das eine oder andere Nasenrümpfen ob meinem vermeintlich überpatriotischen Erziehungsstil.
Nur ich weiss, dass dem töchterlichen Singsang das Gegenteil zugrunde liegt. Melodisch gelebte Ländervielfalt, die auf einer überwundenen Hemmschwelle meinerseits fusst und überdies Babys zufriedenstellt. Deshalb kann ich guten Gewissens vergnügt mitsummen – nur bei der Amerikanischen fällt mir das derzeit trotzdem etwas schwer.