Schwere Kisten der Erinnerungen
06.03.2026 Region Oberfreiamt, ThemaMit dem Podiumsgespräch «Suizid – reden wir darüber» wurde in Sins eine Debatte angestossen
Es ist ein Thema, über das oft geschwiegen wird. Das will der Pastoralraum Oberes Freiamt ändern. In einer Veranstaltungsreihe in Sins wird das ...
Mit dem Podiumsgespräch «Suizid – reden wir darüber» wurde in Sins eine Debatte angestossen
Es ist ein Thema, über das oft geschwiegen wird. Das will der Pastoralraum Oberes Freiamt ändern. In einer Veranstaltungsreihe in Sins wird das Thema Suizid bewusst angesprochen. Auf den Vortrag im Kulturhaus Küngsmatt folgen drei Filmvorführungen im Cinepol.
Thomas Stöckli
Im Hintergrund läuft klassische Klaviermusik. Der letzte Textausschnitt, den Céline Humm an diesem Abend vorliest, steht nicht in ihrem Buch. Diesmal geht es um ihre Schwester. Die Schwester, mit der sie den ganz persönlichen Verlust teilt, seit sie ihre Mutter durch Suizid verloren haben.
Die Schwester erwähnt den Schmerz, der immer noch da ist, wenn auch nicht mehr so körperlich. Die schönen Erinnerungen, die sich mittlerweile mehr einstellen, den Weg hinaus aus dem Trauertunnel, die kleinen Dinge, die sie wieder zu schätzen gelernt habe. Was bleibt, ist das aussichtslose Sehnen nach einem letzten gemeinsamen Tag. Danach, sich noch einmal als Kind von seiner Mutter in die Arme schliessen zu lassen. «Diesen Abschied gab es nicht – und dieser Abschied wird mir immer fehlen.»
Zum Nachdenken anregen
Auf Céline Humm sei sie im Herbst 2024 aufmerksam geworden, blickt Seelsorgerin Martina Suter zurück. Die Podiumsdiskussion ist der Start in eine Veranstaltungsreihe zum Thema Suizid. Sie will enttabuisieren und zum Nachdenken anregen. Auf das Podiumsgespräch folgen drei Filmvorführungen im Cinepol. Gezeigt werden am 22. April «Hin und Weg», am 25. Juni «Usfahrt Oerlike» und am 19. August «Son», wobei jeweils jemand vom Seelsorgeteam für eine Filmeinführung anwesend sein wird. Es sind drei eindrückliche Filme, die Geschichten von Verlust, Überforderung, Hoffnung und der Frage nach dem Sinn des Lebens erzählen. Sie zeigen, wie Menschen mit schweren Situationen umgehen – und wie wichtig es ist, darüber zu sprechen und einander zuzuhören. Die Einladung zum Auftakt im Kulturhaus Küngsmatt haben rund 40 Interessierte angenommen. Dass es fast ausschliesslich Frauen sind, kommt für die Seelsorgerin nicht überraschend: «Männer verarbeiten den Schmerz anders», weiss sie aus Erfahrung.
Sanfte Hintergrundmusik lässt die Zuhörerinnen bewusst ankommen, noch offene «Tabs» im Kopf schliessen. Mit offenen Fragen stimmt die Referentin ihr Publikum auf den Abend ein: «Wann hast du dir zuletzt eine Pause gegönnt, wann letztmals ehrlich auf ein ‹Wie geht es dir?› geantwortet?» Dann der abrupte Übergang auf nackte Zahlen: «Täglich versuchen in der Schweiz über 80 Menschen, sich das Leben zu nehmen», so die Referentin. Um die tausend Suizide werden in der Schweiz jährlich registriert. Gemäss der WHO bleiben pro Suizidfall im Durchschnitt 135 betroffene Menschen zurück. Familienmitglieder, Freunde, Berufs-, Schul- und Vereinskollegen, Bekannte.
Darüber sprechen
Wie schafft man es als Direktbetroffene zurück in die Gesellschaft? Céline Humm hat mit verschiedenen Leuten gesprochen, darüber ein Buch geschrieben und teilt ihre Erlebnisse seit über einem Jahr an Referaten und Podiumsgesprächen. «Es geht mir nicht um das Buch», stellt sie ihre Prioritäten klar, «sondern darum, einen Raum zu schaffen, um darüber sprechen zu können: Ich bin überzeugt, dass das Heilung bringt.»
In einem Brief an ihr Mami hat sie ihre Gedanken geordnet: «Anouk, mein fünftes Kind, hast du nie kennengelernt», liest sie daraus vor. Und weiter: «Ich hätte ganz schön viel zu erzählen.» Dann kommt sie auf den «gewaltvollen und einsamen Tod» der Mutter zu sprechen, auf «durchgeweinte Nächte» und die «schweren Kisten voller Erinnerungen». Diesen Kisten hat sie sich ganz bewusst gestellt. «Für mich, aber vor allem auch für meine Kinder.»
Noch heute, sechs Jahre nach dem Suizid, gebe es keinen Tag, an dem sie nicht an ihre Mutter denke, sagt Céline Humm. «Ich habe den Tod von meinem Mami in mein Leben eingebettet.» Die Trauer sei immer noch da, wenn auch nicht mehr so wuchtig. «Ich habe sie gut im Griff», so die Referentin. Das sei das Resultat eines bewussten Prozesses. Sie hat sich den Gedanken gestellt und dabei auch professionelle Hilfe in Anspruch genommen. Als bereichernd habe sie erlebt, den Trauerweg gemeinsam mit den eigenen Kindern gehen zu dürfen. Nicht nach einem Plan, sondern möglichst natürlich.
Wut und Schuldgefühle
Im Buch kommen verschiedene Suizidbetroffene zu Wort. Etwa die Mutter eines 17-jährigen Mädchens, das sich das Leben genommen hat. Sie beschreibt die Tochter, die sie verloren hat, als hilfsbereit und liebevoll. Das Mädchen sei ein Sonnenschein gewesen, es habe gerne gemalt und viel gelacht. Die Frau beschreibt weiter, wie sie lernen musste, «mit den Wellen der Trauer zu schwimmen».
Oder der Schulhausabwart, dem eine Jugendliche unmittelbar vor den Sommerferien vermeintlich glücklich von ihren Zukunftsplänen erzählt hat. Anderthalb Stunden später stürzte sie sich in den Tod. Über 20 Jahre ist das mittlerweile her. 20 Jahre, in denen sich der Mann fragte, weshalb er nichts gemerkt hat. 20 Jahre, in denen er an seiner Menschenkenntnis gezweifelt hat. «Rückblickend wünschte ich mir, ich hätte mit jemandem reden können. Aber da war niemand. Obwohl es die ganze Stadt wusste», zitiert Humm den Mann.
Die Schuldfrage und das Unverständnis setzen den Hinterbliebenen zu. Zumal Suizid in der christlichen Kultur über Jahrhunderte als Todsünde verteufelt wurde. Dieses Stigma schwingt bis heute mit. «Wir sind als Gesellschaft nicht in der Lage, jeden Suizid zu verhindern», stellt Jörg Weisshaupt klar, «und wir haben auch gar nicht das Recht dazu.» Der Gründer des Vereins Trauernetz engagiert sich seit über 20 Jahren in der Suizidnachsorge.
«Nicht Abschied nehmen zu können, das erschwert den Trauerprozess enorm», weiss er. Eine Bestatterin spricht in diesem Zusammenhang von roher Verzweiflung, Schock und Traumatisierung. Ziel sei es entsprechend, dass die Betroffenen den Boden, der ihnen unter den Füssen weggezogen wurde, wieder zu spüren lernen, so Weisshaupt: «Sie sehnen sich nach einer Perspektive, nach einer lebenswerten Zukunft.» Der Weg dahin bedeutet Schwerstarbeit, sagt er und beschreibt Menschen, die ganz viel Energie verlieren, die nicht mehr aufstehen mögen, nicht mehr essen und nicht mehr hinausgehen. Menschen, die sich mit unterschiedlichsten Emotionen konfrontiert sehen, von Trauer über Wut bis hin zu Ängsten vor der Zukunft und davor, wieder Bindungen einzugehen. «Trauernde Menschen nach einem Suizid kennen sich selbst nicht mehr.»
«Glückskiosk» dabei
«Ich habe alle Gefühle durchlebt in der ersten Zeit», bestätigt Céline Humm. Den Ansporn, ihr Buch zu schreiben, verdanke sie ihren Kindern: «Ich fragte mich: Wie schaffe ich es, dass sie sich nicht an den Scherben schneiden, die meine Mutter hinterlassen hat?» In ihren Gesprächen mit anderen suizidbetroffenen Menschen habe sie dann extrem viel Schönes erlebt. Wobei die Gespräche mit ihr bei manchen den Trauerprozess erst angestossen haben
– teils nach mehreren Jahren. Schön findet sie es, zu hören, wenn Menschen zurück ins Leben finden. Als Beispiel nennt sie einen Mann, der seinen Vater verloren hat und mittlerweile selber ein Kind hat.
Nach Sins mitgebracht hat Céline Humm ihren «Glückskiosk». Er dient nach dem Gespräch als Anziehungspunkt, ein «Amuse-Cœur», wie in Leuchtschrift zu lesen ist. Die Besucherinnen dürfen sich etwas Kleines daraus aussuchen. Einen Mini-Rettungsring, ein Seifenblasenfläschchen, ein Stück roten Fadens, um für Orientierung zu sorgen, einen Schlüssel, um Türen zu öffnen, oder einen Deckel – im Idealfall passend zum eigenen Topf. «Prävention beginnt in Begegnungen, in ehrlichen Fragen und der Bereitschaft, die Antwort auch auszuhalten», gibt Weisshaupt seinerseits mit auf den weiteren Lebensweg: «Bleibt aufmerksam. Bleibt verbunden. Bleibt menschlich.»
Hilfe ist nahe
Diese Stellen sind rund um die Uhr für Menschen in suizidalen Krisen und für ihr Umfeld da: Beratungstelefon der Dargebotenen Hand: Telefon 143; Beratungstelefon von Pro Juventute (für Kinder und Jugendliche): Telefon 147; weitere Adressen und Informationen: www.reden-kann-retten.ch.
Adressen für Menschen, die jemanden durch Suizid verloren haben: Refugium – Verein für Hinterbliebene nach Suizid: www. verein-refugium.ch; Nebelmeer – Perspektiven nach dem Suizid eines Elternteils: www.nebelmeer.net; Trauernetz – Perspektiven für Suizidbetroffene: trauernetz.ch.

