Sanierung eines historischen Juwels
21.07.2026 Bremgarten, KulturDie 190 Jahre alte ehemalige Spinnerei in der Unterstadt erhält derzeit ein Facelifting
Das Gewand des Utz-Altbaus neben dem Hermannsturm wird derzeit sorgfältig restauriert. 1837 war das Gebäude als Baumwollspinnerei erbaut worden. Vor über 70 Jahren ...
Die 190 Jahre alte ehemalige Spinnerei in der Unterstadt erhält derzeit ein Facelifting
Das Gewand des Utz-Altbaus neben dem Hermannsturm wird derzeit sorgfältig restauriert. 1837 war das Gebäude als Baumwollspinnerei erbaut worden. Vor über 70 Jahren startete Georg Utz hier seine Bremgarter Firmengeschichte. Entsprechend will man dort dem bis heute wichtigen, geschichtsträchtigen Haus Sorge tragen.
Marco Huwyler
Carsten Diekmann ist zwar ursprünglich ein Norddeutscher. Doch längst fühlt sich der 57-Jährige auch als Bremgarter. Vor neun Jahren hat er den Posten als Geschäftsführer beim grössten Arbeitgeber des Reussstädtchens angetreten und seinen Lebensmittelpunkt hierher verlegt. Entsprechend oft und gerne ist er im Städtli unterwegs. «Da kam mir letzthin der Gedanke – so viele historische Altstadt-Gebäude wurden in den letzten Jahren herausgeputzt und restauriert. Eigentlich sollten wir da nachziehen.»
Mit wir meint Diekmann die Georg Utz AG. Und deren historisches Altbaugebäude in der Bremgarter Unterstadt. Eine ehemalige Baumwollspinnerei, die auf eine fast 190-jährige Geschichte zurückblickt. «Von der Bausubstanz her wäre kein Umbau nötig. Das Gebäude ist in Schuss», erklärt der Utz-Geschäftsführer. «Doch visuell machte es keine gute Falle mehr», findet er.
Eine halbe Million investiert
So wurden intern beim Bremgarter Traditionsunternehmen die Hebel in Bewegung gesetzt, daran etwas zu ändern. 500 000 Franken sind für die Restaurierung der Gebäudefassade nun vorgesehen. Diese ist nun in vollem Gang. «Alles hat ein bisschen länger gedauert als ursprünglich erwartet», erklärt Diekmann. Schliesslich steht die ehemalige Baumwollspinnerei unter Substanzschutz. «Entsprechend wollte die Altstadtkommission in das Projekt miteingebunden sein.» Gemeinsam wurde die Restaurierung schliesslich bis ins Detail so aufgegleist, dass sie seit Mai ortsbildverträglich und historisch adäquat umgesetzt werden kann. «Dabei musste einiges beachtet werden. Beispielsweise mussten wir gemäss den Vorgaben der Altstadtkommission einen Farbton verwenden, wie er auch 1837 bereits zum Einsatz hätte kommen können», erklärt Diekmann. «KEIM 50020» ist es schliesslich geworden. Ein sehr heller, warmer Beigeton, der an feinen, hellen Sand erinnert.
Steine aus dem Originalsteinbruch
Besonders bemerkenswert auch: Die neuen Steine aus Muschelkalk, mit denen die Sandsteinfassungen der Fenstereinfassungen restauriert werden, stammen aus demselben Dottiker Steinbruch wie die Originalsteine bei der Grundsteinlegung des Spinnerei-Gebäudes anno 1837. «Wir waren einigermassen verblüfft, als wir feststellten, dass dieser immer noch betrieben wird.», lächelt Diekmann. «Natürlich ein wunderbarer Zufall und perfekt für die Sanierung.»
Neben den Fassungen werden auch die Fenster ersetzt und die gesamte Fassadenoberfläche des Gebäudes sorgfältig ausgebessert, instand getellt und neu gestrichen. Bis Ende Jahr sollen die akribischen Arbeiten noch dauern – auf dass bis dann die ehemalige Spinnerei in neuem Glanz erstrahlt. Für Diekmann ein wichtiges Firmenprojekt, das auch ein Zeichen nach aussen und an ganz Bremgarten darstelle. «Wir investieren damit bewusst in ein bedeutendes Industriegebäude der Bremgarter Geschichte – das auch sinnbildlich für die Utz-Firmengeschichte steht», sagt er. «Nicht zuletzt ist es auch ein weiteres, langfristiges Bekenntnis zum Standort Bremgarten.»
Grundstein für Utz in Bremgarten
Die 1957 von Georg Utz erworbene Spinnerei erfüllt seit jeher wichtige Funktionen für den Familienbetrieb. 1953 startete der Unternehmer – der später auch Stadtammann werden sollte – hier seine Bremgarter Erfolgsgeschichte. Ursprünglich mietete er das ehemalige Spinnereigebäude für die damalige Produktion von Nähmaschinen-Kreuzstichschlitten. Dafür hatte er hier, in der Bremgarter Unterstadt, mehr Platz als in Zürich, wo die Firma gegründet wurde – weshalb er sie nach Bremgarten verlegte. Vier Jahre später kaufte er das Firmengebäude und erwarb in der Folge das Land rundherum, wo bis heute eine Produktionsstätte und der Hauptsitz des mittlerweile global tätigen Kunststoff-Industrieunternehmens geblieben ist.
Noch heute wichtig im Firmenalltag
Auch sieben Jahrzehnte nach dem Erwerb ist die ehemalige Spinnerei noch immer von Bedeutung für die Georg Utz AG und erfüllt wichtige Funktionen.
Im EG ist die Ausbildung von Lernenden und das Equipment der Feuerwehr-Betriebslöschgruppe stationiert. Im ersten Stock finden die Produktion von Kleinteilen sowie interne Schulungen statt. Darüber liegen Büroräumlichkeiten der Holding. Der dritte und vierte Stock werden als Marketing- und Musterlager genutzt. Darüber hinaus liegt dort bis heute eine Einzelwohnung, die von einem ehemaligen Mitarbeiter bewohnt wird.
Mit dem jetzigen Projekt ist gesichert, dass das historische Utz-Gebäudejuwel bald auch gegen aussen wieder eine tolle Falle macht. Und Geschäftsführer Carsten Diekmann muss beim Sonntagsspaziergang kein schlechtes Gewissen mehr haben, dass der historische Teil «seines» Unternehmens dem Glanz der Altstadt hinterherhinkt. Ganz im Gegenteil.
Wandel über 190 Jahre
Das markante Fabrikgebäude entstand 1837 als Teil der damaligen Baumwollspinnerei in der Au bei Bremgarten, welche durch Jakob und Xaver Weissenbach gegründet wurde. Nach einem Eigentümerwechsel gehörte die Firma 1857 Herrn Schwarzenbach & Cie. 1865 wurde sie in eine Aktiengesellschaft «Baumwollspinnerei zur Auw» überführt. In den Konzessionsakten von 1857 ist zudem die damalige Streichwehranlage dokumentiert, welche das Wasser aus der Reuss in einen Oberwasserkanal leitete, der durch eine kleine Insel von der Reuss getrennt war. Das Radhaus, das ein unterschlächtiges Wasserrad enthielt, schloss an die Stirnseite des senkrecht zum Kanal ausgerichteten Fabrikgebäudes an und überbrückte den Kanal in seiner gesamten Breite. Verschiedene Ausbauschritte erfolgten in den 1870erund 1880er-Jahren. Nach dem Baujahr der erhaltenen Jonval-Turbine (kann heute noch im Kraftwerk Bruggmühle bestaunt werden) ersetzte man wohl 1875 die unterschlächtigen Wasserräder durch diesen neuen Antrieb.
Spinnerei bis 1904, Kraftwerk bis 1970
1896 erfuhr das Fabrikgebäude einen weiteren Umbau. Dabei dürfte das zuvor sieben Meter kürzere Gebäude auf die heutigen Abmessungen verlängert worden sein. Im Inneren ersetzte man wohl gleichzeitig die ursprüngliche hölzerne Tragstruktur durch Gusseisensäulen und Eisenträger. 1904 wurde die Baumwollspinnerei im alten Hauptgebäude stillgelegt. 1957 wurde das Fabrikareal – mit Ausnahme des aus der Wasserkraftanlage entstandenen Kraftwerks – an die Georg Utz AG verkauft, die seit 1953 in Bremgarten ansässig war. Das kleine Kraftwerk ging 1957 an das Aargauische Elektrizitätswerk über, welches die Anlage noch bis 1970 weiterbetrieb. Nach dem Rückbau vom Kraftwerk wurde der Fabrikkanal in der Folge zugeschüttet, und es entstanden die heutigen Parkplätze.



