«König des Waldes» ist zurück
31.03.2026 Landwirtschaft, Natur, KelleramtDer Rothirsch ist wieder da
Herausforderungen für Forst und Landwirtschaft
Vom Biber weiss man: Die Rückkehr von einst heimischen Wildtieren birgt Herausforderungen. Das ist beim Rothirsch nicht anders. Noch sieht man die imposanten Tiere kaum, ...
Der Rothirsch ist wieder da
Herausforderungen für Forst und Landwirtschaft
Vom Biber weiss man: Die Rückkehr von einst heimischen Wildtieren birgt Herausforderungen. Das ist beim Rothirsch nicht anders. Noch sieht man die imposanten Tiere kaum, doch im Raum Kelleramt und Mutschellen sind sie schon ziemlich verbreitet. Nun erobern sie auch die Landschaft westlich der Reuss zurück. Besonders wohl ist es ihnen in lichten Wäldern. --tst
Der Rothirsch ist willkommen – verursacht allerdings auch Schäden in der Landwirtschaft und vor allem im Forst
Der Einsatz für die Wildtiere verbindet sie, den Jäger des Reviers Bünzen-Rottenschwil und den Biologen der Stiftung Reusstal. gemeinsam empfingen Adrian Seiler und Niklaus Peyer zum Informationsanlass über den Rothirsch.
Thomas Stöckli
Was ist das dort hinten? Schnell sind die Ferngläser gezückt. Nein, kein Hirsch: Der braune Fleck an der Stillen Reuss entpuppt sich als Reh. Später macht Niklaus Peyer, Biologe der Stiftung Reusstal, noch auf einen Milan aufmerksam, der unweit seines Nests im Geäst des Auenwalds sitzt. Als er auffliegt, bestätigt sich Peyers Vermutung: Es handelt sich um einen Schwarzmilan, deutlich erkennbar am Schwanz, der nicht so stark gegabelt ist, wie jener des häufigeren Rotmilans.
Von der Albiskette her kommend
Ein Rothirsch zeigte sich auch im weiteren Verlauf des gemeinsamen Anlasses von Jägerschaft und Stiftung Reusstal in Rottenschwil nicht. Das wäre auch ein zu grosser Zufall gewesen. «Am ehesten findet man noch ihre Spuren», sagt Adrian Seiler, also den Kot – in Jägersprache: «Losung» – oder die Trittspuren im Schnee oder im weichen Untergrund, führt der Obmann der Sektion Bezirk Muri von Jagd Aargau und Jäger im Revier Bünzen-Rottenschwil weiter aus.
Der Biber hat sich die Lebensräume im Reusstal oberhalb des Kraftwerks Bremgarten bereits seit 2008 zurückerobert. «Er hilft bei der Renaturierung», so Peyer, «schafft aber auch Konflikte.» Etwa durch die Schäden, die sein Verhalten an Forst und Landwirtschaft anrichtet. Da sei die Stiftung Reusstal in vermittelnder Rolle gefordert, so Peyer: «Wir wollen ein Miteinander ermöglichen.» Gleiches gilt auch für den Rothirsch. Vor 150 Jahren durch die intensive Bejagung und den Verlust von Lebensräumen komplett ausgerottet, ist er nun von der Albiskette her wieder eingewandert. Zuerst ins Kelleramt, mittlerweile auch über die Reuss ins Oberfreiamt. «Der Hirsch schwimmt problemlos über die Reuss», so Adrian Seiler.
Imposante Erscheinung
Mit teilweise über 200 Kilogramm Lebendgewicht, anderthalb Metern Schulterhöhe und imposantem, bis 20 Kilogramm schwerem Geweih gilt der Hirschstier als «König des Waldes». «Er stellt etwas dar», formuliert es Seiler zurückhaltend. Auch in der Mythologie spielt das grösste hiesige Wildtier eine gewichtige Rolle, etwa als Vermittler zwischen Himmel und Erde. Die Hirschkuh bringt es auf bis zu 110 Kilogramm. Die Lebenserwartung liegt in freier Wildbahn bei rund 10 bis 15 Jahren.
Den Namen hat der Rothirsch von der rötlich-braunen Färbung seines Sommerfells. Während der Brunft wächst den Stieren zudem eine Mähne. Im Winter ist das Fell dichter, länger und gräulich. Während die Augen vor allem auf Bewegungen reagieren – was auch in der Dämmerung sehr gut funktioniert, sind der Geruchssinn und das Gehör besonders gut ausgeprägt, sagt Adrian Seiler: «Die Ohren kann der Hirsch unabhängig voneinander bewegen. Das ermöglicht es ihm, die Herkunft von Geräuschen genau zu orten.
Der Rothirsch bewegt sich am liebsten in lichten Wäldern mit angrenzenden offenen Flächen. Weiter benötigt er Zugang zu Wasserstellen und Suhlen, um sich lästiger Parasiten zu entledigen. Das alles findet er offenbar auch im Reusstal und gegen den Lindenberg: «Der Hirsch ist da», sagt Seiler. «Und er bleibt», schiebt er nach. Seine Aussage untermauert er mit aktuellen Sichtungen, etwa vom Vortag in Beinwil, wo ein «Kahlwild-Rudel», bestehend aus drei Hirschkühen – in eine Fotofalle tappte. Zwei Tage eher wurde eine Gruppe in Mühlau gesichtet.
Nicht nur Freude
Die Rückkehr des Rotwilds dürfte Naturfreude und wohl auch grosse Teile der Bevölkerung freuen. Doch nicht alle teilen diese Begeisterung. So sind die Tiere für Schäden am Mais bekannt. Und noch mehr im Forst. Will man Jungbäume wirkungsvoll gegen Rothirsche schützen, muss man mit doppelt so hohen Kosten rechnen wie bisher gegen Rehschäden. Konkret knicken die Hirsche Pflanzen ab, um an die jungen Triebe zu kommen. Weiter nagen sie auch die Rinde ab, was die Bäume eingehen lässt.
«Der Hirsch ist willkommen», so das Fazit von Adrian Seiler. Damit das so bleibt, achte man von Anfang an durch Bejagung, dass der Neue nicht Überhand nimmt. Wobei das nicht ganz einfach ist: Im Gegensatz zum Reh ist der Hirsch viel weniger standorttreu, also weiter unterwegs, wobei er Stellen, an denen er schlechte Erfahrungen gemacht hat, nachhaltig meidet. Wenn sich die Tiere gestört fühlen, ziehen sie sich zudem in den Forst zurück, was dort das Aufkommen von Schäden erhöht.
Und was empfehlen die Fachleute, um selbst einmal Rotwild in freier Wildbahn zu sichten? «Achten Sie auf Ihre Sinne», sagt Adrian Seiler. Weiter rät er dazu, langsam und bewusst unterwegs zu sein, bevor man aus dem Wald kommt, stehen zu bleiben und sich umzusehen. So könne man allenfalls Wildtiere wahrnehmen, bevor diese ihrerseits die Menschen feststellen sich in Sicherheit bringen.
Leinenpflicht für Hunde
Jeweils vom 1. April bis zum 31. Juli gilt im Wald und am Waldrand für Hunde Leinenpflicht. Dies, um die Brut- und Setzzeit der Wildtiere nicht zu stören. Alle Besucherinnen und Besucher des Walds sind während dieser Zeit gebeten, aus Rücksicht auf die Wildtiere die Waldwege nicht zu verlassen und den Wald tagsüber zu geniessen. In der Nacht und in der Dämmerung sind die Wildtiere besonders aktiv und sollen nicht gestört werden.




