«Katastrophale finanzielle Lage»
30.06.2026 Wohlen, FinanzenDer Einwohnerrat behandelte gestern Montagabend den Geschäftsbericht und die Jahresrechnung
Die Jahresrechnung 2025 ist positiv ausgefallen mit einem Plus von einer Million Franken. Dies täuscht aber keineswegs über den völlig ungenügenden ...
Der Einwohnerrat behandelte gestern Montagabend den Geschäftsbericht und die Jahresrechnung
Die Jahresrechnung 2025 ist positiv ausgefallen mit einem Plus von einer Million Franken. Dies täuscht aber keineswegs über den völlig ungenügenden Finanzhaushalt der Gemeinde Wohlen hinweg. Praktisch alle Fraktionen zeichnen ein düsteres Bild.
Daniel Marti
Geht es «nur» um die konkreten Zahlen der Jahresrechnung der Gemeinde Wohlen, dann tönen Parteien und Gemeinderat zufrieden. Die Rechnung zeigt sogar ein erfreuliches Bild: Statt des erwarteten Defizits von 1,3 Millionen Franken resultierte ein Überschuss von rund einer Million Franken. Das ist um 2,3 Millionen Franken besser als ursprünglich budgetiert.
Ein Steuerplus sowie höhere Beteiligungserträge der IB Wohlen AG sorgten für die positive Rechnung. Aber die Tendenzen sind laut Daniel Heinrich, Präsident der Finanz- und Geschäftsprüfungskommission, «einfach nicht gut». Vor allem die Ausgaben im Gesundheitsbereich zeigen ein negatives Bild. «Da wurde massiv zu tief budgetiert. Das sind aber Kosten, welche die Gemeinde nicht beeinflussen kann.»
Die aktuellen Schulden nannte Heinrich gleich zweimal: 95,2 Millionen Franken. Pro Kopf betragen die Schulden über 4200 Franken. Tendenz auch hier steigend. Er schaue mit Sorgen auf den Steuerertrag, «und ich empfehle künftig pragmatische Lösungen bei Investitionen. Denn die finanzielle Lage ist katastrophal.»
Lernen, Nein zu sagen
Bei diesem Punkt – also bei der Gesamtbetrachtung – hakten alle Parteien nach. «Die Finanzlage macht uns sehr grosse Sorgen. Die 95 Millionen Franken Schulden sind eigentlich nicht zu fassen», betonte Stefan Nauer für die SVP. «Die Verschuldung ist kritisch», sagte Matthias Schneider für die SP. «Die finanzielle Lage bleibt angespannt», hielt Philippe Stäger für die GLP fest. «Der finanzielle Spielraum schrumpft stark», meinte Lionel Zingg für die FDP. «Wir haben sicher keine gute Finanzlage. Die Pro-Kopf-Verschuldung macht Angst. Und die steigende Verschuldung bereitet uns Kopfzerbrechen», so Daniel Heinrich für die Mitte. Diesen Voten konnte Finanzministerin Claudia Hauri nicht viel entgegenhalten. «Denn vier von sechs Kennzahlen sind im roten oder tiefroten Bereich», so Hauri.
Von den Gesamtinvestitionen in der Höhe von 17,4 Millionen Franken konnte die Gemeinde Wohlen lediglich 6 Millionen selber finanzieren. Dies ergibt einen Selbstfinanzierungsgrad von 34,6 Prozent und ist ungenügend, gefordert sind im Minimum 50 Prozent.
«Wir befinden uns in einem Investitionszyklus, trotz miserablen Kennzahlen», fasste Hauri zusammen. «Wir müssen künftig priorisieren. Wir müssen lernen, Nein zu sagen.» Und wir müssen im Budget 2027 unbedingt den Nettoaufwand senken», fügte Nauer für die SVP noch an.
Höherer Steuerfuss ist unausweichlich
Geht es nach der GLP braucht es künftig eine «konsequente Priorisierung. Denn es braucht eine Balance zwischen den Gemeindeaufgaben und dem Verantwortungsbewusstsein», sagte Philipp Stäger. Man dürfe jetzt nicht den guten Rechnungsabschluss alleine betrachten, «das greift zu kurz».
Für die Freisinnigen kommen die Entwicklungen allerdings nicht überraschend. FDP-Sprecher Lionel Zingg meint damit Wachstum und Überalterung. Diese Trends sind ja bekannt. Auf der anderen Seite ist die Richtung auch bekannt. «Die Gemeinde muss in Schulund Sportanlagen investieren, diese müssen wir sanieren und unterhalten», betonte Daniel Heinrich für die Mitte.
Für die Grünen ist dagegen auch klar, dass sich der Steuerfuss bewegen muss. «Eine Steuerfusserhöhung ist unausweichlich», fordert Patrick Schmid. Er sei jedenfalls gespannt auf den nächsten Finanzplan und das Budget 2027. Denn eines ist für Schmid ebenfalls klar: «Im Bildungsbereich und im Gesundheitswesen haben wir mit hohen Kosten zu kämpfen. Und das wird sich nicht ändern.»
Kanton entschied gegen Wohlen
Matthias Schneider von der SP erinnerte daran, dass das Funktionieren einer Gemeinde keine Selbstverständlichkeit ist. Laut Schneider gibt es keine Gründe für eine finanzielle Entwarnung. Zumal die Änderung des kantonalen Finanz- und Lastenausgleichs gegen Wohlen spricht. Die bürgerliche Mehrheit aus SVP, FDP und Mitte hat im Grossen Rat die Änderung beschlossen – und Wohlen wird aus diesem Topf künftig knapp 450 000 Franken weniger bekommen. Auch das ist eine schlechte Tendenz.
946 Franken für zwei Stunden Die Zahlen der Jahresrechnung 2025 gingen einigermassen locker durch den Einwohnerrat. Bei einer Ausgabe stutzte dann aber Ruedi Donat, Mitte. Der Gemeinderat engagierte den Rechtsanwalt Andreas Meili, Zürich. «Ein Medienspezialist, eine renommierte Anwaltskanzlei», wie Donat erklärte. Es sei eine Sache gegen den «Wohler Anzeiger», so Donat weiter. Der Gemeinderat habe doch mal über den Presserat die Lokalzeitung attackiert. «Der Presserat hat dann entschieden, dass der WA alles richtig gemacht hat», betonte Ruedi Donat richtigerweise.
Darum die Frage: Warum wurde erneut ein spezialisiertes Büro beauftragt? «Was soll denn das?», so Donat. Der Kontakt zwischen Gemeinderat und Anwaltskanzlei fand im Dezember 2024 statt. Die Rechnung betrug für zwei Stunden Arbeit satte 946 Franken. Man solle doch weitere Entgleisungen wie damals beim Presserat vermeiden, erklärte Ruedi Donat.
Auf Anfrage konnte Gemeindeschreiber Christoph Weibel keine Auskunft geben. Ihm sei der Fall nicht bewusst, so Weibel, «wichtig ist ja, dass kein Verfahren angestrebt wurde». Diese Zeitung kann die Angelegenheit natürlich schon einordnen. Es ging um die Berichterstattung betreffend Aufsichtsanzeige gegen den Gemeinderat in Sachen Bauvorhaben Stach AG. Der Auftrag wurde vom damaligen Gemeindeammann Arsène Perroud erteilt. Die Rechnung war an Gemeindeschreiber Christoph Weibel adressiert.
--dm

