In der Ruhe des Nordens
21.07.2026 Wohlen, MusikNeues von Pianist Nicolas Streichenberg alias «Yes It’s Ananias»
Der Wohler Pianist «Yes It’s Ananias» veröffentlicht mit «Kummitus, Pt. V» dieses Jahr bereits seine vierte Single. Erstmals in seinem Schaffen spielen ...
Neues von Pianist Nicolas Streichenberg alias «Yes It’s Ananias»
Der Wohler Pianist «Yes It’s Ananias» veröffentlicht mit «Kummitus, Pt. V» dieses Jahr bereits seine vierte Single. Erstmals in seinem Schaffen spielen Streicher eine zentrale Rolle. Dem Werk gingen prägende Monate voraus, die der Künstler in Finnland verbrachte.
Chregi Hansen
Der Wohler war in letzter Zeit häufig Gast in Finnland, hat hier auch eine Zeit lang gelebt, ein neues Album eingespielt und war auf Tournee. «Kummitus, Pt. V» ist nun der bereits vierte Track aus dem für den Herbst angekündigten fünften Album des Künstlers. Eine zutiefst atmosphärische und vollständig improvisierte Aufnahme, die in nur einem einzigen Take in den Lammaskallion-Studios entstand.
Inspiriert von den weiten emotionalen Landschaften der finnischen Musik und dem nachhallenden Geist Jean Sibelius’ entfaltet sich die Komposition wie ein modernes Requiem. Geisterhafte Klavierharmonien steigen aus der Stille auf, dunkle symphonische Klangflächen entstehen und vergehen, während Melodiefragmente durch die Komposition treiben wie Erinnerungen, die von nordischen Winden getragen werden. Trotz ihrer melancholischen Grundstimmung verfällt die Musik jedoch nie der Hoffnungslosigkeit. Stattdessen sucht sie nach Widerstandskraft und fängt das zutiefst finnische Konzept des Sisu ein – Mut, Ausdauer und stille Entschlossenheit in schwierigen Zeiten.
Tod des Grossvaters als Auslöser
Erstmals in einer Aufnahme von «Yes It’s Ananias» spielen Streicher eine zentrale Rolle. Susanna Syrjäläinen bewegt sich auf ihrem Violoncello durch die Improvisation zugleich als Begleiterin und Zeugin, webt klagende Gegenmelodien um die weitläufige harmonische Architektur des Klaviers und verleiht der geisterhaften Klangwelt eine menschliche Wärme. «Als vorletztes Jahr mein Cello-spielender Grossvater und Musikliebhaber verstarb, da wusste ich, dass auf meinem neuen Album Streicher drauf sein müssen», erklärt der Wohler Musiker. «Ich fand mit Susanna Syrjäläinen eine unglaublich talentierte und präzise Musikerin und Improvisateurin, die innerhalb eines langen Nachmittags glamourös die Lücken füllte, welche diese Melodien gebraucht hatten.» Als Bewohnerin der Gegend des Tuusula-Sees, der Heimat von Jean Sibelius, einer ganz grossen Inspiration des Wohlers, war sie für Streichenberg die passende Partnerin. «Ich verdrückte Tränen, als ich sie die Musik einspielen hörte», erzählt er.
Enge Beziehungen zu Finnland
Mit «Kummitus, Pt. V» gelingt dem Künstler eine zutiefst persönliche Hommage an Finnland: an seine Landschaften, seine Geschichte, seine Widerstandskraft und seinen Glauben daran, dass selbst nach dem längsten Winter das Licht zurückkehrt. Begleitet wird das neue Musikstück von einem Super-8-Film, der aus originalen Filmaufnahmen der Grossmutter des Künstlers montiert wurde. Die Bilder entstanden während mehrerer Jahre, die sie mit ihrer Familie in Island verbrachte. So werden jene Einflüsse des Nordens sichtbar, die sowohl seine Familiengeschichte als auch seine künstlerische Vorstellungskraft bis heute prägen. «Ich freue mich schon, das Video zu veröffentlichen, das der finnische Filmemacher Anssi Lihtonen produziert hat», schaut Streichenberg voraus.
Dass sein neues, fünftes Album in Finnland entstanden ist, hat seine Gründe. Seit über 20 Jahren beschäftigt er sich mit finnischer Musik. «Finnland hatte viele Hits. Man denkt zu selten an die 90er-Jahre und die grossen Erfolge in der Dance-Szene», erklärt er. Wirklich inspiriert wurde er aber durch eine Begegnung mit Tontechniker Valtteri Väänänen in Basel. Dieser spielte eine Welttournee mit der Band «French Films», die für den Wohler seine persönlichen «Beatles» wurden. «Ich besitze keine einzige ‹Beatles›- Platte, jedoch alle von ‹French Films›», berichtet Streichenberg.
Die Beziehung wurde intensiviert, Valtteri Väänänen masterte die ersten drei Alben von «Yes It’s Ananias» und nahm seine Musik früh ernst. Mittlerweile besuchte der Wohler Finnland auf mehreren Tourneen, supportete mehrere finnische Acts und Komponisten und tauchte ein in die dortige Jazzszene. Im Pelto Studio hat er zudem diesen Winter unter dem finnischen Pseudonym «Maahanmuuttovirasto» ein «70’s Spy-Piano Crime Album» hergestellt und veröffentlicht. Und nicht zuletzt die Tatsache, dass er bei seinem Aufenthalt den gleichen Seeanschluss hatte wie Sibelius, färbte im kommenden Album ziemlich facettenreich auf die Klangästhetik ab.
Geschichtliche Bezüge einbauen
Das Artwork der Single wurde auf analogem Filmmaterial im historischen Helsinkier Stadtteil Hietaniemi fotografiert, einer der bedeutendsten Kulturlandschaften Finnlands. Zu den dort Bestatteten zählt Finnlands fünfter Präsident Risto Ryti, der neben seiner Ehefrau Gerda Paula Serlachius Ryti ruht. Risto Ryti führte Finnland durch einige der dunkelsten Jahre seiner Geschichte. Während des Zweiten Weltkriegs traf er Adolf Hitler. Seine Präsidentschaft zählt bis heute zu den umstrittensten und folgenreichsten Kapiteln der finnischen Geschichte.
Solche thematischen und geschichtlichen Bezüge sind für Streichenberg nicht neu – schon die bisher veröffentlichten Singles wiesen diese aus. Das Interesse wurde durch diverse Gesprä- che, Besuche in vielen Museen und berühmten Häusern schnell geschärft. «Die Idee, die ganze Weltkriegsthematik, die Politik und das Aufarbeiten der finnischen Vergangenheit in ein Werk einzubinden und in Melodien zusammenzufassen, schien mir plausibel. Dies umso mehr, als Finnland und die Schweiz auf genau 100 Jahre freundschaftliche Diplomatie blicken können», sagt er. «Es ist eine sehr kalte Zeit in der Weltpolitik. Ich als Künstler sehe es als Verantwortung, dies in meinem Schaffen zum Ausdruck zu bringen. Mein Werk soll als Zeitdokument zeitlos klingen und der Situation geschuldet kalt. Trotz analoger Wärme.»
Bewusst Musik hören
Der Wohler Musiker macht sich viele Gedanken zu seiner Arbeit. «Ich höre vertieft Musik, will mich nicht einfach durch einen Algorithmus berieseln lassen und versuche, dies durch den eigenen Plattenspieler und eine grössere Vinyl-Sammlung zu verhindern», erklärt er. Ein echtes Konzept-Album von Anfang bis Schluss zu hören, sei immer noch wichtig, um sich mit der Kunst und den Künstlern auseinanderzusetzen. «So entsteht Verbindung. So verstehe ich die Musik.» Natürlich sei auch modernes Hören, beispielsweise über Spotify, wichtig, um Neues zu entdecken. Wenn man aber ein Album nicht physisch besitzt, wird es vermutlich schnell wieder vergessen sein. Streichenberg ist zudem ein Liebhaber des guten alten Vinyls. «Das Design des Plattencovers, aber auch das Herangehen eines Künstlers, einer Künstlerin ist für mich ebenso interessant wie die Musik. Oft erfährt man im Sleeve mehr dazu.» Für ihn ist auch klar, dass er diesen «finnischen Weg» weitergehen will. «Meine Musik soll Welten eröffnen und im besten Fall Menschen in den Norden treiben. Da gibt es noch richtige Ruhe. Die hat jeder nötig im Jahr 2026», ist er überzeugt.
Bald wieder live zu erleben
Gerne möchte er auch wieder live auftreten. Dafür ist er auf der Suche nach finnischen Musikern, die in der Schweiz leben. Zuvor aber muss er sich erst auf Geldsuche machen, um das Mega-Projekt rückwirkend finanziell zu stemmen. «Ich finde, wir Schweizer Kunstschaffenden sind die mutigsten Investoren der Schweiz. Wir geben unser Hab und Gut, um Momente zu kreieren, die wir selbst schon durchlebt haben. Und teilen dadurch Emotionen und machen sie verständlich für die Menschen, die solche suchen. Für das leben wir. Und für das habe ich dieses Album produziert.»

