Höchstens Leichtmatrose
04.08.2026 Region UnterfreiamtAuf dem Schiff
Im Rahmen der Serie «Redaktoren schnuppern» war Redaktor Josip Lasic bei der Schifffahrtsgesellschaft Hallwilersee und konnte dort die vielfältigen Aufgaben der Crew kennenlernen, die auf den Schiffen tätig ist. Daneben erhielt er ...
Auf dem Schiff
Im Rahmen der Serie «Redaktoren schnuppern» war Redaktor Josip Lasic bei der Schifffahrtsgesellschaft Hallwilersee und konnte dort die vielfältigen Aufgaben der Crew kennenlernen, die auf den Schiffen tätig ist. Daneben erhielt er auch einen kleinen Exkurs in die Geschichte der SGH.
--jl
Sommerserie «Redaktoren schnuppern»: Als Schiffsbegleiter auf dem Hallwilersee
Leichtmatrose, Matrose, Schiffsführer, Captain: In wenigen Stunden auf zwei Hallwilersee-Schiffen lerne ich neue Begriffe – und merke schnell, dass ich selbst nur als Schiffsbegleiter durchgehe. Hinter der gemütlichen Rundfahrt stecken Ausbildung, Verantwortung und viel unsichtbare Arbeit.
Josip Lasic
Mein erster Auftrag beginnt noch vor der Abfahrt. Matrosin Mireille Klauser fragt mich, ob ich den Boden eines der Schiffe wischen möchte. Ich sage gerne zu und stelle anschliessend in den Raucherbereichen Aschenbecher auf. Dann prüft die Crew die Vorräte. Ich fülle Bier und Mineralwasser auf, damit an Bord genügend Getränke bereitstehen. Solche Handgriffe bleiben den Passagieren meist verborgen.
Jetzt stehe ich an der Anlegestelle Meisterschwanden «Delphin». Mit mir arbeiten Schiffsführer Andreas Kneubühl, Matrosin Mireille Klauser und ein weiterer Matrose, der für die Gastronomie zuständig ist. Kurz darauf steigt der erste Passagier ein. An jeder Anlegestelle zählt die Crew mit zwei Klickern, wie viele Gäste aus- und einsteigen. «Das liefert einerseits Zahlen für die Statistik und dient gleichzeitig der Sicherheit», erklärt Kneubühl: «Steigt beispielsweise an der nächsten Station niemand aus oder ein, bleibt unser Bestand bei einem Gast. Ist dieser plötzlich nicht mehr an Bord, suchen wir ihn sofort und klären, was passiert ist.» Zum Glück bleibt uns ein solcher Notfall erspart. Stattdessen serviere ich dem Passagier einen Kaffee.
Unser Kurs führt von Meisterschwanden «Delphin» über Seengen, Birrwil, Beinwil am See und Meisterschwanden «Seerose» zurück zum Ausgangspunkt. Die Rundfahrt dauert eine Stunde und 15 Minuten. Auf dem See sind wir nicht allein. Ich frage Kneubühl, ob sich die anderen so verhalten, wie es für eine sichere Fahrt nötig wäre. Er schüttelt lächelnd den Kopf. Viele kennen die Vorfahrt der Kursschiffe und weichen aus. Andere ignorieren sie oder wissen nichts davon. Dann gibt die Crew ein Signal. Reagiert niemand, muss das Kursschiff ausweichen. An Sonntagen, wenn viele Menschen auf dem See unterwegs sind, ist das nicht einfach. Für mich ist klar: Schon bei ruhigem Verkehr würde ich ein solches Schiff nicht lenken wollen.
Mehr als ein schwimmendes Restaurant
Danach wechsle ich auf das Schiff der Mittagsrundfahrt. Sie gehört zu den zahlreichen Themenfahrten auf dem Hallwilersee. Die Schifffahrtsgesellschaft lockt je nach Saison mit der Abendrundfahrt am 1. August, dem Fondue-Schiff, dem Raclette-Schiff, dem Winterbrunch oder dem Pastaboat. Jeden Mittwoch können Gäste zudem ihre Mittagspause an Bord verbringen, ein Dreigangmenü geniessen und während rund zweieinhalb Stunden über den See fahren.
Für mich werden die Aufgaben nun rar. Ohne Gastroausbildung kann ich die Crew nur begrenzt unterstützen. Am liebsten würde ich beim An- und Ablegen helfen: Leinen festmachen, den Steg auslegen, Gäste an Bord lassen. Das traue ich mir als Laie zu. Die Crew sieht das anders. Ohne Ausbildung zum Leichtmatrosen muss ich aus Versicherungsgründen auf Distanz bleiben. Eine andere Erkenntnis überrascht mich: Die Crewmitglieder müssen nicht schwimmen können. Auch ein Rettungsschwimmerbrevet ist nicht vorgeschrieben. Für Notfälle sind sie trotzdem ausgebildet. Mein spontaner Rettungsversuch würde wohl eher neue Probleme schaffen. Bereits auf dem ersten Schiff zeigt mir Mireille Klauser auf einem Plan, wo sich die Sicherheitsausrüstung befindet. Rettungsringe, Rettungswesten, Feuerlöscher, Erste-Hilfe-Kästen, Brandschutzdecken, Rettungswege und Notausgänge: Alles hat seinen festen Platz. Auf dem zweiten Schiff beschränkt sich meine Arbeit fast ganz aufs Zählen der Passagiere. Bei grossem Andrang ist das immerhin nützlich. Wenn zwei Crewmitglieder Ein- und Aussteigende getrennt zählen, sinkt das Risiko von Fehlern. Bis dahin wirken die Schiffe auf mich vor allem wie schwimmende Restaurants. Ganz falsch ist das nicht. Der Grossteil der Fahrten dient heute dem Tourismus. Ursprünglich hatten die Schiffe jedoch eine andere Funktion. Als Ende des 19. Jahrhunderts die Seetalbahn ihren Betrieb aufnahm, blieb das andere Seeufer lange schlecht erschlossen. Die Schifffahrtsgesellschaft sollte Arbeiter aus Gemeinden wie Beinwil und Birrwil nach Meisterschwanden, Fahrwangen oder weiter nach Wohlen bringen. Dort benötigte die Strohindustrie Arbeitskräfte. Heute fährt kaum jemand mit dem Schiff zur Arbeit. Ausflügler, Gruppen und Gäste der Themenfahrten prägen das Bild.
Der lange Weg zum Schiffsführer
Wer auf dem Hallwilersee anfängt, steigt als Leichtmatrose ein. Dafür sind 15 begleitete Fahrtage, mehrere Kurse und eine Prüfung nötig. Nach weiteren 50 Fahrtagen und zusätzlichen Ausbildungen folgt die Prüfung zum Matrosen. Danach führt eine weitere Ausbildung zum Schiffsführer, der das Schiff lenken darf. Zum Captain oder Kapitän wird man auf einem anderen Weg. «Das ist kein Titel, den du dir mit Prüfungen und Aufgaben verdienen kannst», sagt Ueli Haller, Geschäftsführer der Schifffahrtsgesellschaft Hallwilersee. «Er wird für besondere und langjährige Verdienste um die Schifffahrt auf dem Hallwilersee verliehen.» Die Schifffahrtsgesellschaft beschäftigt elf Schiffsführer, aber nur vier Kapitäne. Bestandene Prüfungen gelten nicht automatisch auf anderen Seen. Auf anderen Gewässern unterscheiden sich Schiffe, Anlegestellen, Wetterbedingungen und Reglemente. Auf Flüssen gelten nochmals andere Vorgaben. Die wenigsten Mitarbeitenden arbeiten Vollzeit für die Gesellschaft. Viele Leichtmatrosen und Matrosen üben daneben einen anderen Beruf aus. Auch der Unterhalt der Flotte gehört zur Arbeit. Die Schifffahrtsgesellschaft Hallwilersee besitzt fünf Schiffe: die MS Brestenberg, die MS Delphin, die MS Seetal, die MS Hallwil und die MS Seerose. Jedes Jahr holt die Gesellschaft eines davon aus dem Wasser. Dann stehen Reparaturen, Sanierungen und Malerarbeiten an.
Der ganze See nur am Sonntag
Den gesamten Hallwilersee befahren die Schiffe regulär nur sonntags. Unter der Woche setzt die Gesellschaft auf kürzere Kurse, um Kosten und Nachfrage besser aufeinander abzustimmen. Wer trotzdem den ganzen See befahren will, kann unterwegs umsteigen. Auch Sonderwünsche erfüllt die Crew nach Möglichkeit.
Nach wenigen Stunden endet meine Schnupperzeit. Zum Leichtmatrosen reicht es nicht. Dafür fehlen mir Ausbildung, Prüfung und Erfahrung. Als Schiffsbegleiter habe ich dafür verstanden, wie viel Arbeit nötig ist, damit andere scheinbar mühelos über den Hallwilersee gleiten können.
«Redaktoren schnuppern»
In dieser Sommerserie blicken Redaktorinnen und Redaktoren hinter die Kulissen von anderen Berufen. Sie begleiten jemanden mindestens einen halben Tag lang, packen mit an und berichten darüber.
Bereits erschienen: Stefan Sprenger als Kosmetiker, Ausgabe vom 14. Juli. Thomas Stöckli als ARA-Hilfsarbeiter, Ausgabe vom 21. Juli. Monica Rast als Hundefriseurin, Ausgabe vom 24. Juli. Sabrina Salm als Tofurei-Mitarbeiterin, Ausgabe vom 28. Juli. Annemarie Keusch als Bauamtsmitarbeiterin, Ausgabe vom 31. Juli.



