Heidi Ehrensperger, Bremgarten.
Es gibt Wörter, die auf mich einen Zauber ausüben. «Grueje» ist so eines. Wenn ich es nur schon höre, bin ich entspannter und ruhiger. Wie schreibt man dieses Wort und woher kommt es? Ich ...
Heidi Ehrensperger, Bremgarten.
Es gibt Wörter, die auf mich einen Zauber ausüben. «Grueje» ist so eines. Wenn ich es nur schon höre, bin ich entspannter und ruhiger. Wie schreibt man dieses Wort und woher kommt es? Ich habe im Idiotikon nachgeschaut. Nein, das ist nicht das Verzeichnis aller Idioten oder derjenigen, die Länder regieren. Das sind viele Bände, die die alemannische Sprache vom Spätmittelalter bis in die Gegenwart dokumentieren. Sie sind online abrufbar.
Offenbar kommt «grueje» vom mittelhochdeutschen Wort «geruowen», was «zur Ruhe kommen» heisst. «I mues grueje» meint also, dass ich mich ausruhen will. «Sind er am Grueje?» war offenbar eine Grussform an Feldarbeiter oder Rebleute, die gerade beim Znüni oder Zvieri sassen. Grueje kann man drinnen und draussen. Ein Bänkli mit Aussicht bietet sich an oder das Sofa in der Stube. Ich erinnere mich an eine Bäuerin, die partout kein Sofa in ihrer Stube haben wollte, weil ihr Mann sich da sonst drauflegen und schlafen würde. Manchmal schlief er dann auf dem fahrenden Traktor ein. Somit könnte man sagen, Grueje sei auch eine lebensrettende Massnahme.
Grueje im Sinne von Innehalten kann man auch in einer leeren Kirche. Beim letzten ArtWalk haben viele Menschen in der Bremgarter Stadtkirche die Möglichkeit genutzt, die Skulptur mit den Fäden zu betrachten und dabei «es bitzli z’grueje».
Im Bernbiet wird das Wort «löije» verwendet. Obwohl man da gerne an einen in der Sonne liegenden Löwen denkt, kommt der Ausdruck nicht daher. Der Ursprung des Wortes ist ungeklärt.
Übrigens sagt man auch: «Im Winter gruejet die ganz Natur.» Da wären wir beim Winterschlaf, den man sich manchmal auch für die Menschheit wünscht.
Ich habe zusätzlich den kleinen Sprachatlas der deutschen Schweiz konsultiert. Da findet man nicht nur Ausführungen zu meinem obigen Thema, sondern Erklärungen für unterschiedliche Bezeichnungen, die bei uns im Haushalt immer wieder für Konflikte sorgen.
Mein Mann braucht in der Küche «Zibele», während ich auf «Bölle» bestehe. Jetzt lese ich in diesem handlichen Buch, dass es sich da um West-Ost-Gegensätze handle, die sich in einer alten Kulturgrenze zeigen, die als «Brünig-Napf-Reuss-Grenze» bekannt sei. Jäso.