GASTKOLUMNE
Carmen Bärtschi,
wohnt in Zürich, vormals Wohlen und Bremgarten.
Neulich wollte ich auf Instagram nur schnell nach einem Rezept für Regenbogenkuchen suchen. Zehn Minuten später ...
GASTKOLUMNE
Carmen Bärtschi,
wohnt in Zürich, vormals Wohlen und Bremgarten.
Neulich wollte ich auf Instagram nur schnell nach einem Rezept für Regenbogenkuchen suchen. Zehn Minuten später wusste ich, welcher Hund astrologisch zu mir passt, dass ein selbst ernannter Biohacker mit Butter im Kaffee unsterblich werden will (Bulletproof Coffee) und dass ich offenbar dringend eine Fussmaske mit Schneckenschleim brauche. Das Rezept für den Regenbogenkuchen? Das habe ich bis heute nicht gefunden.
Falls Dir das bekannt vorkommt: Willkommen in Cory Doctorows Welt der «Enshittification». Frei übersetzt auf Deutsch: die Scheissifizierung von Plattformen. Gemeint ist der schleichende Verfall digitaler Plattformen. Erst wollten sie das Herz von uns gewinnen. Dann das Geld der Werbekunden. Und heute zählt nur noch, wie viel Geld-Big-Tech Firmen mit unserer Aufmerksamkeit verdienen können.
Es ist wie bei einem Lieblingscafé. Zuerst gibt es guten Kaffee, freundliche Bedienung und selbst gebackenen Kuchen. Dann kostet der Cappuccino zwei Franken mehr, der Kuchen kommt tiefgekühlt aus einer Fabrik und der Kellner fragt, ob Sie gegen Aufpreis in der V.I.P.-Sofaecke sitzen möchten.
Auch unsere Feeds folgen diesem Rezept. Früher sah ich Ferienfotos von Freundinnen und Freunden. Heute kämpfe ich gegen Clickbaits von Influencern und Werbetreibenden und gegen Videos, in denen Waschbären Ravioli essen. Nichts gegen Waschbären. Die sind wirklich unglaublich süss, wenn sie mit ihren kleinen Pfoten Ravioli mampfen (#dopaminkick). Aber irgendwie frage ich mich schon, wann sie wichtiger geworden sind als Menschen, die ich tatsächlich kenne.
Das Gemeine daran: Es passiert so langsam, dass wir uns daran gewöhnen. Wir schimpfen, rollen mit den Augen und scrollen weiter. Genau darauf setzt das System. Jede Sekunde Aufmerksamkeit ist bares Geld wert.
Vielleicht wäre die radikalste Gegenbewegung erstaunlich unspektakulär: das Handy weglegen. Mit jemandem Kaffee trinken. Oder einen Regenbogenkuchen nach Rezept von Betty Bossy backen.
Und falls dabei ein Waschbär auftauchen sollte, dürfen Sie natürlich filmen, wie er Ihren Regenbogenkuchen frisst. Aber nur, wenn Sie das Bild Ihren Freund*innen schicken und nicht dem Algorithmus.