Eine eigene kleine Welt
31.07.2026 Wohlen, VereineSelbst etwas erschaffen
Sommerserie «Immer noch da»
Der Freiämter Eisenbahn Amateur Club FEAC ist einer von über 80 Modelleisenbahnvereinen in der Schweiz. Auf seiner Anlage hat er in mehreren Tausend Stunden eine eigene kleine Welt erschaffen. Die 23 Mitglieder sind von ihrem Hobby nach wie vor begeistert. Doch es ist schwierig geworden, junge Mitglieder für diese Leidenschaft zu gewinnen. --jl
Sommerserie «Immer noch da»: Zu Besuch beim Freiämter Eisenbahn Amateur Club FEAC in Wohlen
Mehr als 80 Modelleisenbahnvereine gibt es in der Schweiz. Fast allen fehlt der Nachwuchs. Der Freiämter Eisenbahn Amateur Club FEAC hat mit der 14-jährigen Serafina Weiss erstmals eine junge Frau als Mitglied aufgenommen. Die Eisenbahnfreunde hoffen, weitere junge Menschen für ein Hobby zu begeistern, das Leidenschaft, Kreativität und Fingerfertigkeit verbindet.
Josip Lasic
Wie würde es aussehen, wenn der Wohler Bahnhof ein «ShopVille» wie der Zürcher Hauptbahnhof hätte? Im Klubhaus des FEAC hinter der Bleichi gibt es eine Antwort darauf. Dort haben die Mitglieder den Bahnhof Wohlen so nachgebaut, wie er vor dem Umbau von 1983 aussah. Darunter liessen sie ihrer Fantasie freien Lauf und bauten eine Unterführung mit zahlreichen Geschäften. Beim FEAC können sie ihre Kreativität ausleben. Doch das Interesse an Modelleisenbahnen schwindet. «Vor 50 Jahren war das anders», sagt Vereinspräsident Alan Rees. «Damals hatte fast jedes Kind eine Eisenbahn. Heute ist das selten.»
Wer heute Züge steuern oder Bahnhöfe bauen will, kann dies längst auch am Bildschirm tun. «Viele Jugendliche beschäftigen sich lieber mit dem Handy oder dem PC», sagt Rees. Der Bau einer Modelleisenbahnanlage verlangt deutlich mehr Zeit und Handarbeit. «Ich fühle mich wohler, wenn wir gemeinsam mit unseren Händen etwas erschaffen, statt nur herumzuklicken.» Dabei ist Rees selbst EDV-Spezialist. Er hat die Steuerung der Anlage programmiert. Der Verein zählt 23 Aktivmitglieder. Viel grösser war er nie. «Unser Problem ist aber die Überalterung», sagt Vizepräsident Ernst Rosenberg. Die meisten Mitglieder sind im Rentenalter. Eine Ausnahme ist Serafina Weiss, das jüngste Mitglied und die erste Frau in der Vereinsgeschichte. Rosenberg betont allerdings, dass Frauen den Verein schon früher tatkräftig unterstützt hätten. «Bei einem Teil der Anlage, den ich gebaut habe, half mir meine Frau entscheidend. Sie unterstützte mich bei vielen Details und investierte zahlreiche Stunden in die Bepflanzung, die Häuser und die Figuren.» Serafina Weiss erklärt, was sie am Hobby reizt: «Ich habe Freude an kleinen Dingen. Egal was – Hauptsache klein. Und Eisenbahnen begeistern mich.»
Eigenbau – sowohl Eisenbahn als auch Klubhaus
Klein ist vor allem der Massstab der Anlage. Die Mitglieder gründeten den Verein 1975 und verlegten die ersten Schienen im Schulhaus Junkholz. Bald fehlte dort der Platz. 1983 bauten sie ihr eigenes Klubhaus mit 200 Quadratmetern: 130 für den Anlagenraum, 70 für den Gesellschaftsraum mit Küche.
Rund 4700 Stunden Fronarbeit steckten sie in den Bau. Jeden Donnerstag treffen sich die Mitglieder im Klubhaus. «Aber wir arbeiten nicht immer an der Anlage», sagt Rosenberg. «Manchmal sitzen wir einfach zusammen, essen und reden.» Bei grösseren Projekten wird auch an anderen Tagen gearbeitet. Jeder hat einen Schlüssel und kann kommen, wann er möchte. «Einige bauen Teile zu Hause und bringen sie mit, um sie in die Anlage zu integrieren», erklärt Rees. Besonders gross ist der Enthusiasmus bei Umbauten. «Dann wollen alle schnell fertig werden, damit die Züge wieder fahren können.»
Eine Anlage, die nie fertig ist
Im Klubhaus des FEAC gibt es nicht nur den alten Bahnhof Wohlen zu sehen. Auch der Wohler «Sternen», der verschwundene Bahnhof Villmergen, das Wildegger Jura-Zementwerk, die Rhätische Bahn und fiktive Orte wie «Erwangen» gehören dazu. Mehrere Zehntausend Stunden Arbeit stecken in der Anlage, die ständig erweitert und optimiert wird. «Unser Motto lautet: ‹Die Anlage ist nie fertig›», sagt Rees lächelnd. Serafina Weiss baut derzeit mit einem anderen Mitglied einen weiteren Tunnel. «Aktuell sind wir in der Planung für einen weiteren Ausbauschritt», sagt Rosenberg. Der Verein verfügt jetzt schon über eine softwaregestützte Steuerung. Diese ist aber schon über 30 Jahre alt. «Jetzt wollen wir auf etwas Moderneres wechseln. Das erfordert aber Planung und einen grösseren Umbau.»
Das Vereinsleben beschränkt sich nicht auf die Modelleisenbahn. Am ersten Augustwochenende treffen sich die Mitglieder zum Grillplausch – dieses Jahr wegen Feuerverbots zum Picknick. Im Dezember folgt der Chlaushöck, an Silvester der Apéro. Daneben gibt es Anlässe wie den Tag der offenen Tür, der letztes Jahr zum 50-Jahr-Jubiläum stattfand. Nächstes Jahr soll wieder ein solcher Tag stattfinden, allerdings im kleineren Rahmen. Auch eine Vereinsreise nach Salzburg stand auf dem Programm. «Eine grössere Reise gibt es wieder in zwei Jahren», sagt Rosenberg. «Aber jedes Jahr unternehmen wir einen Tagesausflug, meist zu Eisenbahnen.» Der FEAC lädt auch andere Vereine nach Wohlen ein und besucht deren Anlagen. Obwohl Modelleisenbahnen nicht mehr so populär sind, existieren in der Schweiz noch über 80 Vereine. «Der Altersschnitt ist bei allen ähnlich», ergänzt Kassier Bruno Breitschmid.
Jeder bringt etwas mit
Die Vereinskasse finanziert die fest eingebauten Teile der Anlage. Vieles bezahlen die Mitglieder jedoch selbst. «In manchen Vereinen dürfen Mitglieder keine eigenen Teile verbauen. Bei uns ist das anders», sagt Rosenberg. «Was jemand kauft oder selbst baut, entscheidet er selbst. » Die Gleise kauft der FEAC meist fertig. «Es gibt Vereine, die sie selbst herstellen. Das sieht fantastisch aus, erfordert aber viel Arbeit», erklärt Rosenberg. Der FEAC bindet sich nicht an einen Hersteller, sondern kombiniert verschiedene Systeme und Bauteile.
Handwerkliches Geschick ist hilfreich, aber keine Voraussetzung für den Beitritt. «Jeder hat Talente, die er einbringen kann», sagt Rees. «Nennen Sie mir einen Beruf, und ich sage Ihnen, wie diese Person uns helfen könnte.» Einige Mitglieder wollen im Verein bewusst etwas anderes tun als in ihrem Berufsalltag. Genau diese Vielfalt hält die Anlage am Leben. Der FEAC freut sich deshalb über jedes neue Mitglied. «Was wir hier tun, ist eine Kunst», sagt Rees. «Mit Nachbauten wie dem Bahnhof Wohlen leisten wir auch historische Dokumentation. Dafür brauchen wir neue Mitglieder. »
Alle Informationen zum Verein findet man unter: www.feac.ch/
Die Serie
Die Welt verändert sich stetig, Dinge verschwinden. Als Beispiel: Die Post hat in den letzten Jahren immer mehr Filialen abgebaut. In der Sommerserie «Immer noch da» greift die Redaktion Handwerke, Vereine und Themen auf, die sich über die Jahrzehnte gehalten haben. Von der Wyssebacher Sagi über den «Chäber» in Wohlen bis zur Lohnbrennerei oder zum Oldtimer-Museum. --red



