«Diskussion greift zu kurz»
28.07.2026 Vereine, WohlenEnsembles statt Häuser schützen
Für Philipp Simka, Präsident des Vereins «Schöner Wohlen», ist klar: Es reicht nicht, nur einzelne Gebäude unter Schutz zu stellen. Viel wichtiger sei es, die Identität eines Quartiers zu ...
Ensembles statt Häuser schützen
Für Philipp Simka, Präsident des Vereins «Schöner Wohlen», ist klar: Es reicht nicht, nur einzelne Gebäude unter Schutz zu stellen. Viel wichtiger sei es, die Identität eines Quartiers zu erhalten. Dazu fehlen noch die Instrumente.
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Interview mit Philipp Simka, Präsident des Vereins «Schöner Wohlen»
Ist der heutige Umgang mit historischer Bausubstanz noch zeitgemäss? Diese Frage stellte «Schöner Wohlen», nachdem klar war, dass das Restaurant «Gotthard» abgerissen wird. Im Interview erklärt der Präsident, warum sein Verein beim Thema Gebäudeschutz ein Umdenken fordert.
Chregi Hansen
In einer Pressemitteilung von «Schöner Wohlen» erwähnten Sie verschiedene Gebäude, die eventuell schützenswert sind, die aber gemäss aktueller Regelung vorbehaltlos abgebrochen werden könnten. Können Sie erklären, warum diese erhalten werden sollen?
Philipp Simka: Ich möchte das ganz bewusst nicht tun. Das hat zwei Gründe. Erstens fehlt mir bei den meisten dieser Häuser das notwendige historische Fachwissen, um ihre Schutzwürdigkeit seriös beurteilen zu können. Genau das kritisieren wir ja selbst: Ob ein Gebäude schutzwürdig ist, sollte nicht aufgrund persönlicher Einschätzungen oder spontaner Sympathien entschieden werden, sondern auf Grundlage einer fachlichen Untersuchung. Zweitens würde eine Diskussion über einzelne Häuser vom eigentlichen Thema ablenken.
Warum setzen Sie sich dennoch für den Schutz alter Gebäude ein?
Der Vereinszweck von «Schöner Wohlen» besteht nicht in erster Linie darin, möglichst viele historische Gebäude unter Schutz zu stellen. Unser Anliegen ist eine Ortsentwicklung, die Wohlen langfristig zu einem lebendigen Zentrum mit Identität und hoher Aufenthaltsqualität macht. Genau darauf wollte unsere letzte Pressemitteilung aufmerksam machen. Wir haben darin bewusst keine Aussage darüber gemacht, welche Gebäude schützenswert sind und welche nicht. Vielmehr wollten wir aufzeigen, dass die heutige Regelung der Bau- und Nutzungsordnung aus unserer Sicht weder zweckmässig noch fair ist.
Wie kommen Sie zu dieser Einschätzung?
Das lässt sich gut anhand von Gebäuden illustrieren, die auch von vielen Laien spontan als erhaltenswert empfunden würden, rechtlich jedoch bis zur nächsten Revision der BNO ohne vertiefte Prüfung abgebrochen werden könnten. Es gibt in Wohlen tatsächlich zahlreiche Gebäude, bei denen wir der Meinung sind, dass sie zumindest eine professionelle Abklärung verdienen würden. Genau das haben wir auch im Fall des Lüthi-Tschiemer-Hauses und des Restaurants Gotthard verlangt. Wir haben nie gefordert, dass diese Gebäude zwingend erhalten bleiben müssen. Wir haben lediglich verlangt, dass ihre historische Bedeutung überhaupt untersucht wird, bevor unumkehrbare Tatsachen geschaffen werden.
Aber mit einer Liste solcher Gebäude könnten Sie eine wichtige Diskussion lancieren.
Unserer Ansicht nach wäre es wenig zielführend, wenn wir nun beginnen würden, Listen von Gebäuden zu veröffentlichen, die aus unserer Sicht schutzwürdig sein könnten. Damit würden wir zwangsläufig in Konflikt mit den betroffenen Eigentümerinnen und Eigentümern geraten und unserem eigentlichen Ziel keinen Dienst erweisen. Hinzu kommt, dass Schutzwürdigkeit häufig missverstanden wird.
Was meinen Sie damit?
Viele Menschen gehen selbstverständlich davon aus, dass besonders schöne historische Gebäude geschützt werden sollten. Gleichzeitig stossen Schutzabklärungen oft auf Unverständnis, wenn ein Gebäude architektonisch unscheinbar oder gar als hässlich empfunden wird. Das derzeit viel diskutierte Kantonsspital Baden zeigt dieses Spannungsfeld exemplarisch. Aus denkmalpflegerischer Sicht handelt es sich um einen bedeutenden Zeitzeugen. In der öffentlichen Wahrnehmung dominiert hingegen fast ausschliesslich die subjektive Einschätzung seiner ästhetischen Qualität.
Und nach welcher Einschätzung soll dann entschieden werden?
Das Kulturgesetz beurteilt historische Gebäude nach bestimmten Kriterien. Massgebend sind insbesondere ihre historische, gesellschaftliche, politische, wirtschaftliche oder wissenschaftliche Bedeutung sowie ihre baukünstlerische, handwerkliche oder technische Qualität. Persönliche Geschmacksfragen oder die subjektiv empfundene Schönheit sind dagegen ausdrücklich keine Kriterien für die Schutzwürdigkeit. Genau deshalb greift die Diskussion über einzelne Gebäude aus unserer Sicht zu kurz.
Warum tut sich Wohlen so schwer bei dieser Thematik?
Das eigentliche Problem besteht darin, dass Wohlen im Gegensatz zu vielen Nachbargemeinden über keinen klar ablesbaren historischen Ortskern verfügt. Die Geschichte des Dorfes verteilt sich auf verschiedene Quartiere und Strassenzüge. Gerade deshalb kommt dem Zusammenhang zwischen den Gebäuden eine besondere Bedeutung zu. In der Denkmalpflege spricht man dabei vom Ensemble. Das heisst: Nicht einzelne Häuser prägen die Identität eines Ortes, sondern ihr Zusammenspiel. Erst mehrere Gebäude machen die Geschichte eines Quartiers lesbar. Deshalb überzeugt uns auch die heutige Schutzsystematik nur bedingt. Einzelne Häuser unter Schutz zu stellen, genügt nicht, wenn das historische Umfeld gleichzeitig nach und nach verschwindet.
Können Sie ein konkretes Beispiel für ein solches Problemgebiet geben?
Entlang der oberen Zentralstrasse könnten – rein rechtlich – nahezu sämtliche Gebäude durch Neubauten ersetzt werden. Erhalten blieben lediglich das Restaurant Rössli, die Paul-Walser-Fabrik und das ehemalige Geschäft Strebel. Jedes dieser Gebäude wäre für sich genommen weiterhin geschützt. Trotzdem wäre die historische Zentralstrasse als Ganzes nicht mehr erkennbar. Die Geschichte dieses Strassenzuges wäre verloren, obwohl einzelne Denkmäler überlebt hätten. Deshalb sind wir überzeugt, dass die eigentliche Herausforderung der Zukunft nicht im Schutz einzelner Häuser liegt, sondern in der Weiterentwicklung ganzer Quartiere.
Gibt es auch positive Beispiele?
Bei vollständig neu geplanten Arealen gelingt das in Wohlen oft erstaunlich gut. Wenn auf einer freien Fläche ein neues Quartier entsteht, entstehen häufig überzeugende städtebauliche Lösungen. Die eigentliche planerische Herausforderung beginnt aber dort, wo bestehende Quartiere weiterentwickelt werden sollen.
Schutz von ganzen Quartieren: Besteht nicht die Gefahr, dass die Gemeinde zu stark eingreift in das Eigentum der Bürger?
Ein historisch gewachsenes Quartier so umzubauen, dass es heutigen Bedürfnissen entspricht und gleichzeitig seine Identität bewahrt, ist natürlich anspruchsvoll. Es verlangt mehr planerisches Können und mehr gestalterischen Willen. Solche Lösungen entstehen erfahrungsgemäss aber nur dann, wenn die Rahmenbedingungen sie auch einfordern. Vor diesem Hintergrund ist auch die Liste der Gebäude in unserer Pressemitteilung zu verstehen. Wir behaupten ausdrücklich nicht, dass diese Häuser die gesetzlichen Voraussetzungen einer Schutzwürdigkeit erfüllen. Das können und sollen unabhängige Fachpersonen beurteilen.
Trotzdem macht sich auch Ihr Verein stark für den Erhalt.
Wir sind überzeugt, dass jedes einzelne dieser Gebäude einen Beitrag zur Identität seines Quartiers leistet. Geht eines davon verloren, verliert nicht nur das Gebäude selbst an Bedeutung – das gesamte Umfeld verändert sich. Vielleicht lässt sich das mit einem einfachen Bild erklären: Ein schönes Gesicht bleibt auch dann noch ein schönes Gesicht, wenn ihm ein Zahn fehlt. Fehlen jedoch immer mehr Zähne, verändert sich der gesamte Ausdruck. Irgendwann erkennt man zwar noch das Gesicht – aber seine Ausstrahlung ist verloren. Genau darin sehen wir die eigentliche planerische Herausforderung für Wohlen.
Was bedeutet das für die Ortsplanung?
Neben einer zeitgemässen Regelung für historisch wertvolle Gebäude braucht es künftig auch Instrumente, welche die Qualität und Identität ganzer Quartiere stärker berücksichtigen. Denn lebenswerte Ortsentwicklung entsteht nicht allein durch gute Architektur einzelner Gebäude, sondern durch das harmonische Zusammenspiel eines ganzen Strassen- und Quartierbildes. Und vielleicht sollte man beim Städtebau die gleiche Regel anwenden wie beim Zahnarzt: Einen Zahn zieht man erst dann, wenn man sicher ist, dass er wirklich nicht mehr zu retten ist.



