Die poetischste Liebeserklärung
30.06.2026 Wohlen100 Jahre Historische Gesellschaft Freiamt: Festvortrag von Fabian Furter um und über das Freiamt
Freiamt. Die Bezeichnung hat eigentlich ausgedient, meint Historiker Fabian Furter. Trotzdem ist sie sehr geläufig. Und die Freiämter sind erst noch stolz auf ...
100 Jahre Historische Gesellschaft Freiamt: Festvortrag von Fabian Furter um und über das Freiamt
Freiamt. Die Bezeichnung hat eigentlich ausgedient, meint Historiker Fabian Furter. Trotzdem ist sie sehr geläufig. Und die Freiämter sind erst noch stolz auf ihr Hoheitsgebiet – weil das Freiamt mit Identität und Gemeinsamkeiten gleichgestellt wird.
Daniel Marti
Er tastete sich langsam heran an seinen Festvortrag. Und stellte dann fest, dass so ein Festvortrag zur Historischen Gesellschaft Freiamt gar nicht so einfach ist. Fabian Furter sah es sogar als Androhung, wenn er nur 100 Ereignisse zum 100-jährigen Bestehen betonen würde. Trotzdem nannte er ein paar Ereignisse, die zur Gründungszeit (1926) der Gesellschaft passen.
Nur noch 100 Angestellte in der Strohindustrie
So haben beispielsweise im Jahr 1928 rund 12 000 Personen am Festzug der 900-Jahr-Feier des Klosters Muri teilgenommen. Im Jahr 1928 gab es in Wohlen Widerstand gegen den Bau des Kinos Capitol an der Bahnhofstrasse. Doch die Gewerbefreiheit lässt ein Verbot nicht zu, lässt der Gemeinderat verlauten. «Heute wären wir froh …», fügte er schmunzelnd an.
Oder im Jahr 1934 sackte die Zahl der Angestellten in der Freiämter Hutgeflechtindustrie innerhalb eines Jahres von 3300 auf 1000 ab. «Im gleichen Jahr halten die Frontisten im ‹Sternen› eine öffentliche Kundgebung ab. Die Ränge sind voll», so Furter weiter. Die Begeisterung sei mässig gewesen. Ein paar Wochen später folgt ein Marsch der Nazis von Dietikon nach Wohlen. 500 Mann mit Nazifahnen. Auf dem Sternenplatz Reden und Gegenproteste. Wüste Schlägerei. «Damit hatten die Frontisten die letzten Sympathien im Freiamt verspielt.» Und zum Schluss 1945: Im Schloss Hilfikon werden KZ-überlebende Jugendliche aus Buchenwald versorgt und ihnen wird geholfen, «damit sie ins Leben zurückfinden».
Es waren also bewegte Zeiten. Zurück in die Gegenwart. Fabian Furter gibt zu, dass er zum Freiamt eine innige Beziehung hat, obwohl er inzwischen in Baden wohnt. Er bezeichnet sich gerne als Freiämter, nicht etwa als Badener.
Identität, Gemeinsames, Liebeserklärung
Aber warum ist Freiamt ein so geläufiger Name? «Politisch-administrativ hat der ja seit der Helvetik ausgedient, also seit bald 230 Jahren. Warum sage ich als Wohler, als Murianerin oder als Aristauer: Ich bin ein Freiämter, ich wohne im Freiamt? Kein Mensch im Bezirk Baden käme auf die Idee, zu sagen: Ich bin ein Grafschäftler, ich komme aus der Grafschaft Baden. Dabei ist das genau das Gleiche.» Beide Gebiete wurden 1798 in die Helvetische Republik integriert. «Das muss also irgendwas mit Identität zu tun haben. Freiämterinnen und Freiämter haben etwas Gemeinsames», folgert er.
Fabian Furter hat einen persönlichen Bezug zum Freiamt. Fast alles sind Jugenderinnerungen. Open Air und Pfingstlager im Guggibad, Bremgarten an der Reuss bei der Militärbrücke und im Kuzeb. «Mit Bremgarten war aber auch eine latente Angst vor der rechtsradikalen Mutschellenfront verknüpft.» Auch Muris Klosterhof, inklusive Fasnacht, zählt er auf. Alpenzeiger und Jungenbahl in Wohlen, das Fischbacher Mösli oder die Mohrenköpfe aus Waltenschwil erwähnte er noch. Und diesen «mystischen Bodennebel, wie es ihn nur im Freiamt gibt», betonte er und gab zum Nebel noch eine persönliche Wertung ab. «Er ist für mich die poetischste Liebeserklärung an das Freiamt.»
Misstrauisch gegenüber den Obrigkeiten
Weiter zu den Menschen. Wie werden die Freiämterinnen und Freiämter beschrieben? Fabian Furter: «Als katholisch, bodenständig, traditionsbewusst, starke Orientierung nach der Innerschweiz, misstrauisch den Obrigkeiten gegenüber.»
Wer über das Freiamt spricht, der kommt am Freiämtersturm nicht vorbei. «Der legendäre spontane Volksaufstand, wo im Dezember 1830 rund 6000 bewaffnete Bauern und Bürger als Landsturm unter der Führung des «Schwanen»-Wirts aus Merenschwand, Johann Heinrich Fischer, gegen Aarau zogen, um ihrer Forderung nach Mitsprache und Reformen Nachdruck zu verleihen.» Da drüben im «Sternen», Furter sprach im benachbarten Schlössli, hat Fischer Quartier bezogen. «Es gibt wunderbare Zeitzeugenberichte zu dem Ereignis. Als in Aarau ruchbar wurde, dass die Freiämter sich zusammenrotteten. Es hiess, nur ‹Lumpenpack und Gesindel› habe sich auf den Weg gemacht zum Plündern.» Ganz so schlimm sei es nicht gewesen, so der Historiker. «Wir wissen, dass alles gesittet ablief, die Freiämter Aufständischen marschierten in strenger Ordnung in Aarau ein. Es fiel kein einziger Schuss und schnell kam man den Forderungen nach einer Verfassungsrevision nach.»
Fabian Furter mit Nachdruck: «Das Freiamt als politische, administrative Kategorie hatte selbst beim Freiämtersturm schon seit über 30 Jahren ausgedient.» Aber Faktenchecks können nicht schaden: ehemaliges Habsburgerland, Eroberung durch die Eidgenossen 1415 und fortan bis 1798 gemeine Herrschaft. Heute in etwa das Gebiet der beiden Bezirke Bremgarten und Muri, die Geländekammer zwischen Reuss und Hallwilersee.
«Aber warum heisst ein Untertanengebiet Freiamt?» Schon zur Habsburger Zeit genossen die Freien Ämter gewisse Selbstständigkeit in der niederen Rechtsprechung und im Gewohnheitsrecht. Der Begriff Freiamt etablierte sich erst nach der Kantonsgründung 1803, als er als Verwaltungseinheit aufgelöst worden war und seither «nur» noch eine Landschaft und eine Identitätsregion bezeichnet.
«Eine sträfliche Pflichtverletzung»
Fabian Furter reichte auch einen verbalen Applaus an die Schreibenden der Jahresschrift «Unsere Heimat». Dies sei eine «wertvolle Quelle für weitere Forschungen». Die Historische Gesellschaft Freiamt begann eigentlich als Vereinigung von Hobbyarchäologen, die nach Keltengräbern suchten. Die ersten Mitgliederbeiträge dienten dazu, Schaufeln und Pickel anzuschaffen und beim zuständigen Departement Grabungsbewilligungen einzuholen.
In der ersten Ausgabe beschrieben die Gründer der Gesellschaft ihre Aufmerksamkeit, wenn von «aufgedeckten Gräbern, die Hünengestalten bargen, von Lanzen und Speeren, Schmuckgegenständen und Münzen» gesprochen wurde. «Da erwachte in uns ein unwiderstehlicher Drang, auch einmal nach verborgenen Schätzen zu suchen.»
Vor diesem Hintergrund betonte Furter, wie wichtig der Geschichtsunterricht in der Schule ist. Mit dem jetzigen Zustand ist er nicht zufrieden. Das Fach Geschichte gibt es gar nicht mehr, es ist im Fach Räume, Zeiten, Gesellschaft enthalten. «Ich empfinde das als Beleidigung für das Fach Geschichte und als sträfliche Pflichtverletzung», so Furter. «Es wäre wichtig, den Jugendlichen faktenbasiert und didaktisch korrekt die Grundlagen unserer heutigen Welt zu vermitteln, damit sie es nicht über dubiose Kanäle in den sozialen Medien machen.»
All die gegenwärtigen «Verwerfungen und Konflikte» haben laut Furter einen einzigen positiven Aspekt: «Sie zeigen, wie wichtig die Vermittlung der Geschichte ist, und das beginnt vor der Haustür.» Zum Beispiel mit der Jahresschrift «Unsere Heimat».

