Die Dinge genau ausleuchten
17.07.2026 Dottikon, Region Unterfreiamt, PorträtGelungener Start
Zu Gast beim neuen Ammann von Dottikon
Ungewöhnliche Situation im Dottiker Gemeinderat: Der langjährige Ammann Roland Polentarutti ist noch immer Mitglied der Regierung, verzichtete aber auf das Amt des Gemeindeammanns. Neues ...
Gelungener Start
Zu Gast beim neuen Ammann von Dottikon
Ungewöhnliche Situation im Dottiker Gemeinderat: Der langjährige Ammann Roland Polentarutti ist noch immer Mitglied der Regierung, verzichtete aber auf das Amt des Gemeindeammanns. Neues Oberhaupt der Gemeinde ist seit diesem Jahr Patrick Keller. Er ist Finanzexperte, interessiert sich aber mehr für Menschen als für Zahlen. --chh
Patrick Keller ist seit dem 1. Januar Gemeindeammann in Dottikon und zieht eine erste Bilanz
Erst kümmerte er sich um die Finanzen der Gemeinde. Jetzt hat er das Gesamte im Blick. Patrick Keller hat klare Vorstellungen für die Zukunft. Sieht sich aber als Teamplayer. «Ich will nicht allein entscheiden», sagt er.
Chregi Hansen
Er arbeitet viel mit Zahlen. Aber ihn interessieren vor allem die Menschen. Das gilt für sein Amt als Gemeindeammann und Verantwortlicher des Ressorts Finanzen in Dottikon, aber auch in seinem Beruf als selbstständiger Finanz- und Steuerberater. «In meiner früheren Tätigkeit bei der Bank sah ich nur die finanzielle Situation eines Kunden. Als Steuerberater weiss ich fast alles über ihn», sagt Patrick Keller. Der Gang in die Selbstständigkeit ermöglichte es ihm zudem, mehr Zeit für seine Familie zu haben. Und für sein Amt als Gemeinderat. «Ich kann mir meine Arbeit relativ frei einteilen», sagt er.
Seit Januar 2014 ist er Mitglied der Exekutive, seit einem halben Jahr auch noch amtierender Ammann. Zuvor wirkte er schon in der Fiko mit. Dafür wurde er damals angefragt, «weil ich an der Gemeindeversammlung immer mal wieder ‹dumme› Fragen gestellt habe», wie er schmunzelnd erklärt. Aber von Finanzen hat er eben eine Ahnung. Keller hat erst angefangen, Physik zu studieren und dann mit einem Master in Wirtschaft (Finance und BWL) abgeschlossen und lange für eine grosse Schweizer Bank gearbeitet. Er kümmert sich seit 12 Jahren auch um die Finanzen der Gemeinde. Und die präsentieren sich, im Vergleich zu allen umliegenden Gemeinden, hervorragend. Dottikon ist nicht verschuldet, sondern hat ein grosses Vermögen – aktuell rund 5000 Franken pro Einwohner.
Gute Finanzen haben Gründe
Keller ist sich bewusst, dass viele «neidisch» sind auf Dottikon. «Die gute Finanzlage ist einerseits historisch bedingt, zum anderen auch das Ergebnis einer klugen, langjährigen Politik», ist er überzeugt. Dottikon hatte und hat gute Unternehmungen und auch private Steuerzahler. In den letzten Jahren haben natürlich die guten Abschlüsse der Dottikon ES geholfen. «Aber zur Wahrheit gehört auch, dass es etliche Jahre gab, in denen das Unternehmen wegen des schlechten Geschäftsverlaufs gar keine Steuern gezahlt hat», fügt er an. In den letzten Jahren hat Dottikon zudem von einer Art Generationenwechsel profitiert, viele Liegenschaften wurden verkauft, die Grundstückgewinn- und die Erbschaftssteuern fielen üppiger aus als sonst. «Das wird sich in Zukunft vermutlich wieder ändern», so der Finanzvorsteher. Aber Angst muss die Gemeinde keine haben, fügt er an.
Natürlich steigen auch die Ausgaben an. Aber Dottikon hat immer gut geschaut zu seiner Infrastruktur, ist Keller überzeugt. Der aktuelle Gemeinderat habe sich jetzt die Schulraumplanung zum Ziel gesetzt. «Wir spüren den Corona-Effekt. Es kommen zwei Jahrgänge, die deutlich grösser sind als andere. Jetzt geht es darum, wo und wie wir für diese Klassen Platz finden», sagt der Ammann. Das bedeutet nicht, dass man gleich neuen Schulraum bauen will, denn danach sollten die Zahlen wieder sinken. «Aber wir müssen Lösungen finden für diese Zeit.» Das Schulhaus Risi ist zudem energetisch nicht auf dem heutigen Stand. «Da braucht es grössere Investitionen.» In Sachen Schulraum stimmt sich Dottikon eng mit Hägglingen ab – aller historischen Rivalitäten zum Trotz. Der Schulverband, so Keller, ist eine gute Sache, «wir arbeiten gut zusammen». Dies auch in gewissen Verwaltungsbereichen. «Die Sticheleien in der Bevölkerung gibt es manchmal noch immer. Aber politisch kooperieren die beiden Gemeinden bestens.»
Da wirken, wo man wohnt
Zurück zu den Finanzen. Der Grossteil der Ausgaben ist gebunden, da hat die Gemeinde kaum Einfluss. «Und wenn man bei dem Wenigen, was man selber beeinflussen kann, auch noch mit Sparen anfängt, macht man schnell die Bürger sauer, weil es dann um die Vereine oder die Attraktivität des Dorfes geht.» Aber auch wenn vieles gebundene Aussagen sind, lohne sich ein Blick hinter die Kulissen. «Ich will verstehen, wieso die Situation so ist. Dann ergibt sich allenfalls die Möglichkeit, etwas zu ändern.» Als Beispiel nennt er das Sozialwesen. Dottikon investiert viel in die Betreuung der Sozialhilfebezüger, arbeitet sogar mit einem Jobcoach zusammen. «Das kostet, aber volkswirtschaftlich haben wir einen Nutzen, wenn diese Personen ins Arbeitsleben eingegliedert werden.» Schwer zu schaffen macht Dottikon hingegen der Anstieg der Pflegekosten. «Da sind uns auf kommunaler Ebene die Hände gebunden, das Thema müsste man auf einer höheren Ebene anpacken», so Keller. Er selber hat dahingehend keine Ambitionen. Grossrat werden, das ist kein Thema. «Ich bin parteilos und will hier etwas bewirken, wo ich lebe.» Die Dinge genau ausleuchten, nach Lösungen suchen und den langfristigen Nutzen ansteuern, das ist seine Devise. Patrick Keller kommt aus der Privatwirtschaft. Und das dortige Denken will er auch auf die Gemeindebeene übertragen. Auch diese müsse in gewissen Bereichen unternehmerisch handeln und denken. Da kann die Digitalisierung viel beitragen, in diese will Dottikon mehr investieren. Auch die KI wird zum Thema. Aber letztlich sind das nur Arbeitsinstrumente. «Auch die Einstellung muss sich ändern. Unsere Bevölkerung sind unsere Kunden», macht er deutlich.
Leiden unter dem Verkehr
Ein anderes Thema, das ihn beschäftigt, sind die beiden Verkehrsachsen. Denn die Hoheit bei Planung und Ausführung in Sachen Sanierung liegt beim Kanton – und der scheint weniger Eile zu haben. «Wir leiden unter dem Verkehr und möchten die Strassen entschleunigen. Bei der anstehenden dritten Etappe der Sanierung Bahnhofstrasse haben wir das klar zum Ausdruck gebracht. Zum Beispiel mit der Bushaltestelle auf der Strasse. Vor allem der Lastwagenverkehr ist für uns ein Problem und eine grosse Gefahr.» Das Thema beschäftigt nicht nur Dottikon, sondern die ganz Region. Gerade auch, weil sich viele Logistikfirmen hier angesiedelt haben. «Nicht bei uns, aber wir sind eben auch betroffen.»
Eine gute Zusammenarbeit mit den umliegenden Gemeinden, die ist ihm enorm wichtig. Über den Schulverband, über das Altersheim, aber auch über verschiedene Leistungsverträge mit Wohlen ist man eng mit den Nachbarn verbunden. Die Kommunikation unter den Gemeinden will Dottikon noch mehr fördern. «Wir sind eng vernetzt hier. Wir müssen heute viel mehr Themen regional angehen.» In der Repla wird dies schon getan, aber man könne das auch in anderen Bereichen angehen. Er plädiert dafür, nach Kooperationen zu suchen, bevor man ein Problem habe. Das bedeute nicht, dass man gleich fusionieren müsse. Aber auch dieser Gedanke ist für ihn kein Schreckensgespenst. «Vorher muss man aber wissen, was es bringt – für alle Beteiligten.»
Lehren aus dem Volleyball
Er selber lebt seit 24 Jahren hier. Er kam der Liebe wegen nach Dottikon. Inzwischen ist er zwar geschieden, die Liebe zur Gemeinde ist aber geblieben. «Dottikon mag auf den ersten Blick kein sehr attraktives Dorf sein. Und hat das Problem, dass es gleich durch zwei vielbefahrene Kantonsstrassen zerschnitten wird. Aber wir verfügen über eine funktionierende Infrastruktur, über ein breites Ladenangebot, ein grosses Schulangebot und ein Schulhaus, das für viele Anlässe genutzt werden kann. Dottikon bietet seinen Einwohnern etwas und hat eine ideale Grösse», ist er überzeugt. Der tiefe Steuerfuss von 92 Prozent ist für einige sicher auch attraktiv. Und die Bünzrenaturierung hat das Dorf nach Kellers Ansicht enorm aufgewertet. «Der Bünzpark wird rege genutzt und entwickelt sich zu einem Begegnungsort.»
In diesem Dorf Ammann sein zu können, das erfüllt ihn mit Stolz. Und war auch ein Ziel von ihm. Die Situation ist besonders, weil der frühere Ammann Roland Polentarutti noch immer Mitglied des Gemeinderates ist. «Es hat einige Gespräche gebraucht, aber jetzt haben wir eine gute Lösung», ist Keller überzeugt. Im Rat möchte man auf Polentaruttis Wissen und Erfahrung nicht verzichten. Er selber sei sicher ein ganz anderer Typ als sein Vorgänger. Ihm ist aber in erster Linie ein Anliegen, dass der Gemeinderat als Team funktioniert. «Das habe ich vom Volleyball gelernt», erklärt er. «Da ist man nur so stark wie der Schwächste auf dem Feld.» Dottikon habe das Glück, dass alle fünf Gemeinderäte sehr engagiert sind und sich sehr stark für die Zukunft der Gemeinde interessieren. Jeder und jede bringe eine eigene Sichtweise ein, das sei wertvoll. «Wir haben es gut miteinander, auch wenn wir nicht immer gleicher Meinung sind. Wir haben aber auch viel dafür investiert, denn es gab früher auch andere Zeiten.» Umgekehrt spürt der Gemeinderat ein grosses Vertrauen der Bevölkerung. «Die letzte Gemeindeversammlung hat das wieder deutlich gemacht», so Keller. Transparent sein und offen kommunizieren und diskutieren, das ist dem 56-Jährigen wichtig.
Sprache als Schlüssel zur Integration
Für ihn selber hat sich nach dem «Aufstieg» vom Vize zum Ammann nur wenig verändert. «Ich bin mehr im Gemeindehaus, weil ich jetzt auch die Personalführung unter mir habe.» Anderseits konnte er gewisse Aufgaben angeben. Was ihn stark beschäftigt, ist der wachsenden Ausländeranteil, der in Dottikon bei 43 Prozent liegt. Das ist historisch bedingt und hat mit den Arbeitern zu tun, die seit Jahrzehnten ins Dorf kamen. «Dottikon hatte schon immer einen hohen Ausländeranteil. Aber jetzt wird es mehr spürbar. Dies wegen der fehlenden Sprachkenntnisse und der mangelnden Bereitschaft, unsere kulturellen Werte anzunehmen.» Gerade die Schule bekommt das zu spüren. In Zukunft will Dottikon mehr in die Sprachförderung investieren. Denn Integration ist nur über die Sprache möglich, diese vermittelt auch Kultur. Und das ist Keller wichtig. «Die kulturellen Werte gewisser Bevölkerungsgruppen entsprechen nicht den unsrigen», sagt er diplomatisch. Und gewisse Verhaltensweisen, seitens Schüler oder Eltern, seien nicht akzeptabel. «Es fehlt teilweise am nötigen Respekt.»
Den Zeitaufwand für sein Amt beziffert er auf rund 40 Prozent. Grosse Hobbys liegen da kaum noch drin. Keller geht gerne Skifahren und Wandern und versucht, viel Zeit mit seinen beiden erwachsenen Kindern, seiner Partnerin und seinen Freunden zu verbringen. Und wie hat er sein erstes Jahr als Ammann erlebt? «Bisher war alles positiv. Am meisten Freude habe ich an unseren Gemeinderatssitzungen. Ich fühle mich enorm getragen. Wir entwickeln uns zu einem sehr guten Team. Das ist mir wichtig, ich will nicht der Chef sein, der alles allein bestimmt.» Wenn es aber nötig wäre, kann er durchaus einen präsidialen Entscheid fällen. Bei den Repräsentationsaufgaben hingegen, muss er sich nicht unbedingt vordrängen. «Es braucht nicht immer den Ammann, der ein Grusswort überbringt.»
Er fühlt sich wohl. In seinem Amt. In seinem Dorf. Das ist spürbar. «Wir sind sicher keine Super-Gemeinde. Aber eben auch keine schlechte. Wir sind vor allem eine gut funktionierende Gemeinschaft», so sein Fazit. Die Umgebung sei schön, die Verkehrsanbindung hervorragend. In Dottikon funktioniert vieles gut. Damit dies so bleibt, dafür will sich Keller weiter einsetzen.


