Carmen Bärtschi, Zürich, vormals Bremgarten und Wohlen.
Es geschah an einem verschlafenen Sonntagmorgen. Die Sonne schien durch die Fenster und tauchte den Küchentisch in sanftes Licht. Tochter und Mann schliefen noch, der Kaffee ...
Carmen Bärtschi, Zürich, vormals Bremgarten und Wohlen.
Es geschah an einem verschlafenen Sonntagmorgen. Die Sonne schien durch die Fenster und tauchte den Küchentisch in sanftes Licht. Tochter und Mann schliefen noch, der Kaffee dampfte. Die Welt war ok. Doch da passierte es. Mein Mann kam in die Küche, nahm das letzte Joghurt aus dem Kühlschrank – mein Joghurt – und sagte beiläufig: «Du siehst müde aus.» Und plötzlich war die innere Zufriedenheit weg: Frust, leiser Ärger schlichen sich ein. Es war natürlich nicht schlimm, trotzdem versaute es den Moment. Der Negativitätsbias hatte zugeschlagen. Ein uraltes menschliches Programm, das dafür sorgt, dass wir uns besser an das erinnern, was potenziell gefährlich ist. Früher waren das Säbelzahntiger. Heute sind es Sätze, Blicke, kleine Kränkungen im Alltag. Unser Gehirn speichert sie zuverlässig ab – als wären sie überlebenswichtig.
Die guten Dinge passieren zwar weiterhin. Komplimente, Nähe, kleine Momente von Verbundenheit. Aber sie gleiten oft durch uns hindurch. Das Negative jedoch bleibt hängen. Es wird wiederholt, innerlich kommentiert, manchmal sogar gehegt wie ein stacheliger Kaktus. Im Familienalltag zeigt sich dies ebenso wie in der Arbeitswelt. Ein Kompliment des Chefs – ich warte auf das «Aber». Meine Tochter sagt: «Du bist eine gute Mama.» – ich erinnere mich an unseren Streit vor einem Jahr. Es ist, als würde unser innerer Fokus immer wieder auf das Unfertige, das Ungelöste springen. Vielleicht erklärt das auch, warum wir heute so schnell von «Trauma» sprechen. Nicht, weil alles ein Trauma wäre – sondern weil unser System darauf ausgerichtet ist, Belastendes tiefer abzuspeichern. Doch der Negativitätsbias ist kein Feind. Eher ein übervorsichtiger Teil in uns. Einer, der schützen will und dabei manchmal übertreibt. Was also tun? Oft hilft bereits das Wissen darum sowie eine akzeptierende Haltung, wenn man sich dabei ertappt. Dann zu schmunzeln, den Fokus auf das Hier und Jetzt auszurichten und so dem, was jetzt ist, Raum zu geben. Vielleicht spüren wir dann Dankbarkeit, wenn wir sehen, dass da zwar kein Joghurt mehr ist, dafür aber Milch, Eier und frische Erdbeeren. Und ein lächelnder Partner, der aus diesen Zutaten gerade Pancakes mit Erdbeerkompott zubereitet.