«Der coolste Job der Welt»
15.07.2025 Bremgarten, ArbeitNach 44 Jahren absolvierte Marco Bianchi seine letzte Fahrt im Führerstand
Die BDB verabschiedete erneut einen verdienten Mitarbeiter in die Pension. Der unverkennbare Bremgarter Marco Bianchi war seit Jahrzehnten auf den Schienen der Region unterwegs. ...
Nach 44 Jahren absolvierte Marco Bianchi seine letzte Fahrt im Führerstand
Die BDB verabschiedete erneut einen verdienten Mitarbeiter in die Pension. Der unverkennbare Bremgarter Marco Bianchi war seit Jahrzehnten auf den Schienen der Region unterwegs. Weggefährten erinnerten an Episoden eines erfüllten Berufslebens im Dienste der Bahn.
Walter Minder
Rund 60 Ehemalige und Mitarbeitende der Bremgarten-Dietikon-Bahn (BDB), Familienangehörige und Freunde erwarteten am späteren Freitagnachmittag die Ankunft vom Zug 7650 am Bahnhof Bremgarten. Dann wurde es still, ein Besucher: «Er kommt, die Barriere senkt sich für Marco zum letzten Mal!» und schon fuhr die S17 ein, die Frontscheibe dekoriert mit dem Plakat «Marcos Fahrt in die Pension».
«Ich habe Hunger»
Im Führerstand winkte Marco Bianchi, die Gäste klatschten, dann stand der fahrplanmässige Zug am späteren Freitagnachmittag still, und Bianchi erschien freudestrahlend in der offenen Türe. Ein letzter Blick in den Führerstand und schon wurde er von seinen Kolleginnen und Kollegen in Beschlag genommen. Ein pensionierter Bähnler meinte lachend: «Schön, dass es noch solch alte Krieger gibt wie uns!» Der frisch Pensionierte wurde von Oliver Marfurt, Standortleiter Lokpersonal BDB/LTB, begrüsst. Dieser hatte den Abschiedsanlass für den langjährigen Mitarbeiter der Bremgarten-Dietikon-Bahn (BDWM Transport AG) organisiert.
Mit seiner unverkennbaren Stimme meldete sich dann Bianchi mit den Worten: «Ich habe Hunger, ich habe Durst, kommt endlich mit zum Werkstatt-Vorplatz, wo eine Festbeiz auf uns wartet. Es ist Selbstbedienung, das Geld hat nicht mehr gereicht für die Anstellung eines Service-Teams.» Eine Aufforderung, die er nicht wiederholen musste, denn schon bald wurden dort die eigenhändig gefüllten Gläser mit den besten Wünschen auf ihn angehoben.
Kein Freund von Algebra
René Fasel ist als Leiter Bahnproduktion bei der Aargau Verkehr AG (AVA) verantwortlich für den bedarfsgerechten Unterhalt der Fahrzeuge in den Werkstätten Bremgarten und Schöftland sowie im Depot Dietikon. «Der 1961 in Wallisellen geborene Marco ‹Baba› Bianchi ist vorläufig der letzte Mitarbeiter, den ich durch die Pensionierung verabschieden muss oder darf.» Bereits vor einigen Tagen war mit dem Zufiker Urs Schlittler ein anderer verdienter Bähnler verabschiedet worden (vgl. Ausgabe dieser Zeitung vom 8. Juli).
Schmunzelnd erinnerte Fasel anschliessend an verschiedene Episoden aus Bianchis Jugendzeit. So habe dieser als Schüler in Lenzburg in der Algebra fünf Mal eine Eins geholt, sodass sich sein Lehrer entschieden habe, im Zeugnis zu vermerken: «Marco hat sich im Fach Algebra ordentlich Mühe gegeben». Für die Lehre als Mechaniker war dies aber kein Problem. Vielmehr war sie eine gute Grundlage, um seinen Traum eines Tages verwirklichen zu können, nämlich Lokführer zu werden.
Via SBB zur WM
Im zweiten Anlauf klappte dann die Ausbildung zum Lokführer bei der SBB, für die er zu Beginn der 80er-Jahre während fünf Jahren unterwegs war. Im Dezember 1985 bewarb er sich schliesslich als Wagenführer/Kondukteur bei der im Dezember 1916 in Betrieb genommenen Wohlen-Meisterschwanden-Bahn
(WM). In dieser Funktion startete er am 1. April 1986 zu seiner Jungfernfahrt von der Bünz in Richtung Bahnhof Fahrwangen-Meisterschwanden. Doch wirtschaftliche Probleme sowohl im Personen- als auch im Güterverkehr bedeuteten in den 90er-Jahren das Ende der WM, und Bianchi wechselte auf den 1. März 1996 als Wagenführer zur BDB. Bianchi: «2010 habe ich für kurze Zeit in den Bereich Stichkontrolle/Sicherheit gewechselt, aber schon bald war ich wieder im Führerstand unterwegs, sodass ich meinen Bubentraum weiterhin Tag für Tag ausleben durfte.» Fasel zu den Gästen: «Marco ist und bleibt ein Unikum und überhaupt kein Kind von Traurigkeit!»
Drei Zigaretten von Bremgarten nach Dietikon
Auch Marfurt erinnerte auf humorvolle Art und Weise an verschiedene Highlights aus den 39 Jahren, die Bianchi bei der BDB gearbeitet hat. So sei bis im Dezember 2005 das Rauchen in öffentlichen Verkehrsmitteln noch erlaubt gewesen, «also hat es für Marco auf jeder Fahrt für drei Zigaretten im Führerstand gereicht». Und bei den regelmässigen ärztlichen Kontrollen sei der hohe Blutdruck immer wieder ein Thema gewesen, Bianchi habe einfach viel zu viel Red Bull getrunken.
Dann übergab Marfurt im Namen des ganzen AVA-Teams einige Abschiedsgeschenke, bevor sich Bianchi an ein, zwei Episoden erinnerte. So habe ihn an seinem ersten Arbeitstag bei der WM-Bahn der Depotchef in Fahrwangen als der verhinderte Lokführer von Zürich betitelt. «Es war eine schöne Zeit, ich durfte den coolsten Job der Welt geniessen!»
Und seine allererste Fahrt im SBB-Führerstand? – Die führte ihn von Zürich nach Romanshorn, jene bei der WM von Wohlen nach Fahrwangen. Wie es sich für einen Eisenbähnler gehört, freut sich Bianchi, jetzt mehr Zeit in seine Modelleisenbahn investieren oder in seinem Wohnwagen im Camping Sulz und auf dem Fussballplatz verbringen zu können. Denn er ist mit Begeisterung Trainer des Junioren Fa-Teams vom FC Bremgarten.