Wohlen und sein bauliches Erbe
12.06.2026 Wohlen«Schöner Wohlen» zum bevorstehenden «Gotthard»-Abbruch und zum Umgang mit alten Häusern
Der Gemeinderat hat das Abbruchgesuch für das Restaurant Gotthard bewilligt. Die Einsprache von Philipp Simka, Präsident des Vereins Schöner Wohlen, wurde somit abgewiesen. Dieser Entscheid veranlasst Simka, ein paar grundsätzliche Gedanken öffentlich zu machen.
Daniel Marti
Es habe sich abgezeichnet, «dass die juristische Grundlage und der politische Wille für unsere Forderungen für eine historische Einordnung dünn ist. Dies entgegen der Strategiedokumente der Gemeinde», schreibt der Präsident von «Schöner Wohlen». Philipp Simka wehrte sich gegen den Abbruch des Restaurants Gotthard. Das Gebäude sollte für eine Arealüberbauung weichen.
Philipp Simka gibt sich mit der Situation nicht zufrieden. Und er beleuchtet mit einer ausführlichen Pressemitteilung die aktuelle Lage. «Wer in den vergangenen Monaten aufmerksam durch Wohlen spaziert ist, dürfte folgende Entwicklung bemerkt haben: Historische Gebäude verschwinden wieder zunehmend aus dem Ortsbild.» Anfang März wurden zwei der letzten Altbauten an der Bahnhofstrasse abgebrochen. Im Mai fiel das rund 200-jährige Lüthi-Tschiemer-Haus an der Friedhofstrasse. Für das traditionsreiche Restaurant Gotthard wurde nun die Abbruchbewilligung erteilt.
Jeder dieser Fälle hat seine eigene Geschichte. «Gemeinsam stehen sie jedoch stellvertretend für eine Entwicklung, die viele Gemeinden beschäftigt: Wie viel historische Bausubstanz soll erhalten werden? Und wie viel Veränderung verträgt ein Ortsbild?»
Die Gebäude verschwinden – die Diskussion bleibt
Wohlen wächst und entwickelt sich. Neue Wohnungen entstehen, bestehende Areale werden verdichtet. Diese Entwicklung sei grundsätzlich gewollt und entspricht den übergeordneten Zielen der Raumplanung.
Simka weiter: «Gleichzeitig prägen historische Gebäude jene Identität, die einen Ort unverwechselbar macht. Sie erzählen von der industriellen Entwicklung des Dorfes, vom Handwerk, von bäuerlichen Strukturen und von den Menschen, die Wohlen über Generationen hinweg geprägt haben. Sind diese Gebäude einmal verschwunden, bleiben nur Fotografien und Erinnerungen.» Nur: Ist der heutige Umgang mit historischer Bausubstanz noch zeitgemäss?
Inventar ohne rechtliche Wirkung
Viele Einwohnerinnen und Einwohner gehen davon aus, räumt Simka ein, dass historisch wertvolle Gebäude automatisch geschützt sind. Bei den Häusern an der Bahnhofstrasse, beim Lüthi-Tschiemer-Haus und beim «Gotthard» habe zu keinem Zeitpunkt eine Überprüfung stattgefunden, «obwohl diese von verschiedensten Seiten angeregt wurde».
In der Bau- und Nutzungsordnung sind wenige Objekte ausdrücklich als Schutzobjekte festgelegt. Daneben existiert das sogenannte Bauinventar, das zahlreiche weitere historisch oder ortsbildprägende Gebäude dokumentiert. «Dieses Inventar dient ausschliesslich der Erfassung und Beschreibung der Objekte. Ein Eintrag allein verhindert weder einen Umbau noch einen Abbruch», stellt der Präsident von «Schöner Wohlen» klar. Deshalb habe das Ortsbild gelitten. In den vergangenen Jahren verschwanden zahlreiche inventarisierte Gebäude, darunter die ehemalige alte Post am Postplatz, die traditionsreiche Bäckerei Kuhn und zuletzt das Lüthi-Tschiemer-Haus. «Das Inventar dokumentiert den Bestand – seinen Erhalt garantiert es keineswegs.»
Die Inventarlösung als möglicher Weg
Im Rahmen der laufenden Teilrevision der Bau- und Nutzungsordnung wurde deshalb die sogenannte Inventarlösung diskutiert. Die bestehende Schutzliste ist begrenzt und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. «Es gibt Gebäude, die über eine hohe historische Bedeutung verfügen, sie stehen aber weder unter Schutz noch geniessen sie besondere Aufmerksamkeit. Ob diese Objekte tatsächlich schutzwürdig sind, müsste bei der Inventarlösung fachlich beurteilt werden.» Die heutige Schutzliste erfasst nicht zwingend alle Gebäude, die für das Ortsbild von Bedeutung sein könnten.
Was ist eigentlich schützenswert?
Auch darum gilt es zu differenzieren. «Manche Häuser erzählen wichtige Geschichten über die Entwicklung eines Dorfes, obwohl sie architektonisch unscheinbar erscheinen. Umgekehrt ist nicht alles schützenswert, was als schön empfunden wird.»
Die Diskussion über historische Gebäude sei letztlich keine Debatte über die Vergangenheit. «Sie ist eine Debatte über die Zukunft. Mit dem räumlichen Entwicklungsleitbild hat sich Wohlen ausdrücklich das Ziel gesetzt, sein bauhistorisches Erbe zu erhalten und weiterzuentwickeln. Gleichzeitig besteht ein breiter Konsens darüber, dass sich das Dorf weiterentwickeln und neuen Bedürfnissen anpassen muss.»
Zwischen diesen beiden Anliegen einen ausgewogenen Weg zu finden, das gehört laut Simka zu den grossen planerischen Herausforderungen der kommenden Jahre. «Denn über die Zukunft einer Gemeinde entscheiden nicht nur die Gebäude, die neu entstehen. Oft entscheidet sich ihr Charakter gerade daran, welche Gebäude sie trotz allen Veränderungen bewahrt – und welche Geschichten auch künftige Generationen noch im Ortsbild ablesen können.»
Zurück zum «Gotthard»-Gebäude. Ob der Präsident von «Schöner Wohlen» den Abbruchsentscheid an die nächste Instanz weiterziehen wird, das lässt er offen. Man sei zurzeit in Abklärung, lässt er ausrichten.

