Allrounder ist nun Ehrenpräsident
30.06.2026 WohlenGeneralversammlung der Historischen Gesellschaft Freiamt im Schlössli: 100-Jahr-Jubiläum gefeiert
Ein ganzes Jahrhundert – das ist wahrlich historisch. Die neue Ausgabe «Unsere Heimat» ist da eine willkommene Begleiterin. Für Martin Allemann ...
Generalversammlung der Historischen Gesellschaft Freiamt im Schlössli: 100-Jahr-Jubiläum gefeiert
Ein ganzes Jahrhundert – das ist wahrlich historisch. Die neue Ausgabe «Unsere Heimat» ist da eine willkommene Begleiterin. Für Martin Allemann war es auch der ideale Moment, um das Präsidium an Andrea Moll weiterzugeben. Als Belohnung für seine grossen Verdienste wurde er zum ersten Ehrenpräsidenten der Gesellschaft ernannt.
Daniel Marti
Sie hätten gross feiern können, die Mitglieder der Historischen Gesellschaft Freiamt. Denn 100 Jahre lang leistete die Gesellschaft Bemerkenswertes – vor allem mit der Jahresschrift «Unsere Heimat». In fast 400 Artikeln wurde nicht nur die Historie aufgezeigt, sondern das Freiamt immer wieder in den Mittelpunkt gerückt. Man feierte gediegen und im kleinen Rahmen. Ein Apéro im Schlössli symbolisierte das Jubiläum. An geschichtsträchtiger Stätte wurde auf die runde Zahl angestossen. Allerdings erst nach getaner Arbeit. Nach der Generalversammlung.
Ein Trio startete von Wohlen aus
Ein umfassender Rückblick auf die 100 Jahre von Präsident Martin Allemann war Pflichtprogramm. «Drei Gründerväter waren die treibenden Kräfte.» Leo und Anton Wohler konnten Emil Suter begeistern, bei archäologischen Grabungen mitzumachen. Wenig später gründete das Trio die Gesellschaft. Der Name wurde nach einem Jahr bereits präzisiert. Weil sich die Gesellschaft von Wohlen aus schnell ausdehnte, vor allem Richtung Oberfreiamt. Aus der Historischen Gesellschaft Wohlen und Umgebung wurde die Historische Gesellschaft Freiamt (siehe auch Ausgabe vom vergangenen Dienstag).
Die aktuelle Doppelnummer «Unsere Heimat» kam pünktlich auf das kleine Jubiläumsfest heraus. Lokalhistorikerin Corina Haller lieferte dabei das Meisterstück ab. Ihre Masterarbeit an der Uni Bern «Der Niedergang der Stroh- und Hutgeflechtindustrie im Freiamt» weist über 100 Seiten auf. Am Jubiläumsanlass musste Corina Haller leider passen. Prüfungsstress.
Andrea Moll, die erste Präsidentin
An der GV stand vor allem Präsident Martin Allemann im Mittelpunkt. Er hatte schon im Vorjahr angekündigt, dass er in diesem Jahr zurücktreten würde. Es sei ein schöner Moment, jetzt die Verantwortung abzugeben. Der scheidende Präsident war zudem als Schriftenverwalter tätig, war treibende Kraft bei Redaktion und Layout bei der Jahresschrift «Unsere Heimat». «Meine Tätigkeit bei der Historischen Gesellschaft Freiamt war stets eine Herzensangelegenheit», betonte Martin Allemann (siehe auch Artikel unten).
Allemann schätzt sich glücklich, dass Andrea Moll das Präsidium übernimmt. Die ehemalige FDP-Grossrätin (2002 bis 2015) und ehemalige Gemeinderätin von Sins ist vor 40 Jahren ins Freiamt gezogen, seither sei sie begeisterte Freiämterin. Andrea Moll ist seit dem Jahr 2000 als Aktuarin im Vorstand tätig, sie kennt also die Historische Gesellschaft bestens. Sie wolle das Bestehende weiterführen und die Tradition bewahren, zusammen mit dem Team. Denn der Vorstand der Historischen Gesellschaft Freiamt sei ja wichtiger als sie, sagte Andrea Moll. «Der Vorstand entscheidet, in welche Richtung es in Zukunft gehen wird, aber wir werden sicher nicht gross vom Bewährten abweichen.» Es geht darum, «Geschichte weiterhin erlebbar zu machen».
Auch für die neue Präsidentin steht die Jahresschrift «Unsere Heimat» im Mittelpunkt. Und dort sollen durchaus auch einfache Themen Platz finden. «Es dürfen hochstehende Geschichten sein und auch solche über den normalen Alltag, aber immer mit Qualität.»
Sie komme vom äussersten Zipfel des Freiamts, ganz südlich, aus Sins, erklärt Andrea Moll noch. Und sie sei ger Martin Allemann. «Aber er ist ja immer noch beratend da.» Dass Andrea Moll die erste Präsidentin in der hundertjährigen Geschichte der Gesellschaft ist, mag sie gar nicht gross herausstreichen. «Ob eine Frau oder ein Mann den Vorstand präsidiert, das ist doch keine wichtige Frage und spielt auch keine Rolle. Unser Hauptthema ist die Geschichte, die wollen wir bewahren.» Und dann betonte sie noch, dass Vorstand und Autorenteam wie gute Angestellte funktionieren. «Allerdings ohne Lohn.»
Erster Ehrenpräsident, der perfekte Allrounder
Über einen besonderen Lohn durfte sich Martin Allemann freuen. Der scheidende Präsident wurde zum ersten Ehrenpräsidenten der Historischen Gesellschaft Freiamt ernannt – begleitet von langen Standing Ovations. «Er ist immer als Allrounder unterwegs gewesen», sagte die neue Präsidentin über den scheidenden Präsidenten. «Seine ausgezeichnete Vernetzung» sei ein Gewinn für die Gesellschaft gewesen.
Und Margrith Kuhn aus Muri durfte sich als neues Ehrenmitglied glücklich schätzen. Sie trat als Kassierin zurück – dies nach 18 Jahren Vorstandstätigkeit.
Für die beiden Zurückgetretenen wurden Iris Frey (Muri) und Cassandra Burri (Büttikon) in den Vorstand gewählt. Diese beiden komplettieren zusammen mit der neuen Präsidentin Andreas Moll, mit Markus Keusch, Villmergen; Annina Sandmeier, Winterthur; Fridolin Kurmann, Bremgarten; sowie Patrick Stocker aus Wohlen den Vorstand.
Beim 100-Jahr-Jubiläum der Historischen Gesellschaft Freiamt gab es also erstmals eine Frau als Ehrenmitglied, eine erste Präsidentin und einen ersten Ehrenpräsidenten zu feiern. Ein würdiger Rahmen für drei Persönlichkeiten.
Rund 2500 Seiten betreut
Martin Allemann – seine Bilanz
Nach 20 Jahren als Präsident tritt Martin Allemann zurück. Er hat die Historische Gesellschaft Freiamt in den letzten beiden Jahrzehnten geprägt. «Ich sah meine Hauptaufgabe – neben der Vereinsführung mit seiner Ressort-Struktur – immer in der Produktion der Jahresschrift», blickt er zurück «Unsere Heimat» soll attraktiv, interessant und ansprechend sein. «Und die Artikel, die darin veröffentlicht werden, sollen einem gewissen wissenschaftlichen Standard entsprechen. Ich meine, dass unsere Jahresschrift diesen Standard seit Jahren erfüllt.» Die 19 Jahresschriften, die er als Redaktor und Layouter zu verantworten hatte, umfassen rund 2500 Seiten. «Sie waren und sind mein Herzensprojekt, ich durfte auch ab und zu darin publizieren.» Logischerweise wünscht er sich, dass weiterhin (junge Hobby-)Historikerinnen und Historiker ihre Arbeiten für die Jahresschrift zur Verfügung stellen. Um dem Vorstand unter Leitung von Andrea Moll den Übergang zu erleichtern, hat er sich bereit erklärt, die nächsten ein bis zwei Jahre die Jahresschrift noch redaktionell und layouttechnisch zu betreuen. Sein Herzensprojekt findet also eine Fortsetzung.
--dm
Das Bewusstsein der Region stärken
Grusswort von Regierungsrat Jean-Pierre Gallati
Präsident Martin Allemann fragte mal freundlich nach, ob denn Regierungsrat Jean-Pierre Gallati zum 100-Jahr-Jubiläum der Historischen Gesellschaft Freiamt ein Grusswort schreiben könnte. Die Antwort aus Aarau fiel deutlich aus. Nein, hiess es aus der Kantonshauptstadt. «Ich komme selber vorbei.» Bei der Historischen Gesellschaft Freiamt fühlte man sich jedenfalls geehrt. Und der Regierungsrat überbrachte «die besten Wünsche für die Zukunft».
Gallati blickte gerne zurück auf die Gründung des Bundesstaates im Jahr 1848. 31 Sitzungen seien nötig gewesen, bis die erste Verfassung erstellt war. «Das ist der Ursprung der einzigen stabilen Demokratie in Europa», so seine Einordnung. Der Bundesrat habe dafür ein Honorar von 36 000 Franken erhalten, sechsmal 5000 Franken, der Vorsitzende erhielt 6000 Franken. Gut investiertes Geld.
Ein Geschichtsfremder birgt Gefahren
Das Schlössli, das älteste Steinhaus von Wohlen, sei der richtige Ort für die Jubiläumsfeier. «Hier nebenan ist der ‹Sternen›, der war Hauptquartier beim Freiämtersturm im Dezember 1830. Damals hatten Restaurants wichtige Funktionen», so der Regierungsrat. Der Freiämtersturm startete im Restaurant Schwanen in Merenschwand, im «Sternen» in Wohlen war das Hauptquartier, das «Rössli» in Aarau war Zielort. Von der Historischen Gesellschaft Freiamt geht laut Gallati Ähnliches aus wie vom Freiämtersturm: «Geschichte schafft Identität.
Aus der Geschichte können wir lernen. Fürs ganze Leben.» Bereits ein Blick in die USA zeigt, «wie gefährlich es ist, wenn ein Volk einem geschichtsfremden Menschen folgt».
Zusammenhalt und Identität
Die politische Linke und die Rechte beanspruchen die Deutung von Geschichte für sich, beide völlig anders. Beide liegen nicht falsch, so Gallati, die Mischung mache es aus. Geschichte sei einfach wichtig, man soll sie weitergeben und lernen daraus, und so könne Geschichte auch «ein Vorbild für die Politik von morgen sein». Und so kam Gallati auf die Jahresschrift der Historischen Gesellschaft zu sprechen. «Unsere Heimat». Die sei ein wichtiges Instrument. Und die Gesellschaft sei gewillt, immer wieder aufzuzeigen, dass es eine Heimat gibt. Die Schrift schaffe Zusammenhalt und Identität, «und das stärkt das Bewusstsein einer Region».
Und «Unsere Heimat» mache Geschichte zugänglich. Und zwar in verschiedenen Bereichen wie Sport, Kultur, Sicherheit. So bewerkstelligt die Historische Gesellschaft Freiamt das Gleiche wie die Historische Gesellschaft Aargau. «Beide erschaffen Brücken.»
--dm


