Auf Augenhöhe begegnen
28.07.2026 WohlenBegegnungen ermöglichen
Neues Projekt der Integra Wohlen
Raus aus der internen Werkstatt, rein ins richtige Leben. Was für viele in der Integra schon lange normal ist, war für die Menschen in der Kreativwerkstatt bisher nur ein Wunsch. Dank ...
Begegnungen ermöglichen
Neues Projekt der Integra Wohlen
Raus aus der internen Werkstatt, rein ins richtige Leben. Was für viele in der Integra schon lange normal ist, war für die Menschen in der Kreativwerkstatt bisher nur ein Wunsch. Dank dem neuen Projekt «BegägnigSchaffe» ist dies nun auch für sie möglich. Die Wohler Institution geht den Weg der Inklusion konsequent weiter. Und wurde jetzt gar für einen Preis nominiert.
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Ein neues Projekt der Integra ist für den INSOS Innovationspreis nominiert
Unter dem Motto «Begägnig-Schaffe» verlassen Menschen mit erhöhtem Betreuungsbedarf die Kreativwerkstatt der Integra und übernehmen im Auftrag verschiedene einfache Arbeiten. Damit werden Grenzen zwischen Institution und Gesellschaft abgeschafft.
Chregi Hansen
Nicole Steimer strahlt über das ganze Gesicht, wenn sie über die bisherigen Einsätze erzählt. Die junge Frau lebt in einer Wohngruppe der Integra und arbeitet normalerweise in der Kreativwerkstatt. Dank dem neuen Projekt kommt sie nun auch nach draussen. Sie absolvierte zum Beispiel Einsätze in der Badi, wo die Integra bei der Saisonvorbereitung mitgeholfen hat. Begeistert erzählt Steimer, was sie beim Fötzele alles gefunden hat, und schwärmt von den Pommes frites und den tollen Leuten des Badi-Teams.
Es sind solche Momente, welche die Integra fördern will. Das Team «BegägnigSchaffe» bringt Menschen mit Beeinträchtigung mit Betrieben, Organisationen, Schulen und Menschen aus der Nachbarschaft zusammen. «Wir übernehmen sinnvolle, leichte Tätigkeiten wie Botengänge, Akten schreddern, Blumengiessen, PET-Entsorgung, «Fötzele», Einkäufe erledigen, Flyer verteilen und vieles mehr», heisst es dazu im Flyer, den die Mitarbeitenden der Kreativwerkstatt gleich selbst überall verteilt haben. Auch dabei hat Steiner mitgeholfen. Und sich über die vielen Begegnungen gefreut.
Ankommen in der Gesellschaft
Die Idee dazu stammt von Manuela Bernasconi, Gruppenleiterin der Kreativwerkstatt. «Die Integra öffnet sich immer mehr. Setzt sich ein für Inklusion. Schafft Begegnungen. Wieso nicht auch für diejenigen, die in der Kreativwerkstatt arbeiten?», fragte sie sich. Hier sind diejenigen beschäftigt, die stärker beeinträchtigt sind und mehr Unterstützung benötigen. Hier werden normalerweise Eigenprodukte hergestellt, wie Weihnachtskarten, Taschen, Deko-Blumen oder auch das «Strohfüür», die eigene Anzündhilfe. Begegnungen mit Menschen ausserhalb der Institution sind selten – das soll sich in Zukunft ändern.
Rund 60 Personen im Alter von 18 bis 65 Jahren sind in der Kreativwerkstatt beschäftigt. Ein Teil wohnt auch in der Integra, andere kommen von extern. Sie alle sollen nun die Möglichkeit haben, auch Aufträge ausserhalb der Institution zu übernehmen. «Wir möchten die Grenzen zwischen innen und aussen öffnen und Begegnungen schaffen. Auch unsere Klienten sollen mitten in der Gesellschaft ankommen und spüren, dass sie einen wichtigen Beitrag leisten. Und die entsprechende Wertschätzung erhalten», erklärt Bernasconi. Damit lassen sich auch mögliche Berührungsängste abbauen, die es in Teilen der Gesellschaft noch immer gibt, Die Integra spricht nicht nur von Inklusion, sie lebt sie vor.
Weitere Aufträge erwünscht
Der Einsatz in der Badi ist dabei ein ideales Vorzeigeprojekt. Hier haben die Klienten beim Fötzele geholfen, haben die Blätter gewischt, beim Putzen Hand angelegt. Sie übernehmen damit eine wichtige Aufgabe, damit sich die Besucher der Badi später wohlfühlen. «Unsere Leute sind bei ihren Einsätzen immer begleitet», macht die Leiterin des Projekts deutlich. Und sie wünscht sich noch viel mehr Einsätze. Kann sich etwa Arbeiten in den Schulen, im Altersheim, aber auch für Firmen oder im privaten Bereich vorstellen. Etwa Jäten oder Blumengiessen im Garten. Oder ein Gang zur Entsorgungsstelle. «Wir haben jetzt die ersten Arbeiten geleistet, die Erfahrungen sind sehr positiv», so die Initiantin. Die Einsätze sind kostenlos, auch wenn die Kunden jeweils gerne etwas geben. «Es geht aber nicht ums Geld. Es geht um das gute Gefühl. Um ein Dankeschön. Und die Wertschätzung», macht Bernasconi deutlich. Und freut sich auf viele weitere Anfragen. «Uns ist einfach wichtig, dass sich alle Menschen auf Augenhöhe begegnen», sagt Bernasconi.
Dabei wird genau abgewogen, ob ein Einsatz machbar ist und Sinn macht. «Wir dürfen unsere Klienten auch nicht überfordern», sagt sie. Die Arbeit müsse Sinn machen. Aber auch so einfach, dass sie von den Menschen mit Beeinträchtigungen erledigt werden kann. «Es darf nicht sein, dass das Betreuerteam alles erledigen muss», sagt sie. Die Arbeitseinsätze sind zudem nur eine Ergänzung zur Arbeit in der Werkstatt, die nach wie vor einen wichtigen Stellenwert hat. Schliesslich werden die Produkte jetzt auch im Café Hoi verkauft.
Das Projekt «BegägnigSchaffe» wurde im letzten Jahr entwickelt und ist diesen Frühling gestartet. «Das Projekt entspricht genau unserer Philosophie», sagt Jacqueline Stierli, Mitglied der Geschäftsleitung der Integra. Und es sorgt bereits national für Aufsehen. Ist es doch für den INSOS-Innovationspreis nominiert. INSOS ist der nationale Branchenverband der Dienstleister für Menschen mit Behinderungen. «Grenzen-los!? Grenzen hinterfragen, verschieben, überwinden», so lautet das Motto des diesjährigen Kongresses Ende August in Interlaken. In diesem Zusammenhang wurden Projekte gesucht, welche in diesen Grenzbereichen angesiedelt sind. Die besten werden am Kongress vorgestellt.
Inklusion ist nicht nur ein Wort
«Wir haben die Ausschreibung gesehen und sofort gewusst: Dieser Preis ist wie für uns gemacht, wir müssen den einfach gewinnen», sagt Stierli und schmunzelt. Tatsächlich leistet die Integra bereits viel für die Inklusion, beispielsweise mit ihren beiden Gastro-Betrieben. Und sie will dies noch mehr tun, aktuell mit dem Projekt «BegägnigSchaffe». Inklusion entsteht nicht durch Konzepte, sondern durch konkrete, wiederholende Begegnungen im Alltag, ist die Integra überzeugt. Das aktuelle Projekt überwindet dabei die unsichtbare Grenze zwischen «drinnen» und «draussen», indem es echte Begegnungen auf Augenhöhe ermöglicht, ausserhalb von Betreuungsstrukturen, mitten in der Gesellschaft. Diese Begegnungen im Alltag bauen Vorurteile ab und lassen ein neues Miteinander entstehen.
Aktuell ganz vorne in der Beliebtheit
Das Integra-Projekt liegt gut im Rennen – aktuell erhält es in der Publikumsabstimmung am meisten Unterstützung von allen 26 Projekten. Die Chancen sind also gut, dass die Wohler Delegation ihre Idee auf der Bühne vorstellen darf. «Wir nehmen sowieso am Kongress teil. Aber es wäre natürlich toll, wenn wir auch noch einen Auftritt kommen und unsere Projekt noch bekannter wird», sagt Stierli. Noch wichtiger ist ihr aber, dass «Begägnig-Schaffe» mehr Resonanz erhält in Wohlen und Umgebung. «Das Projekt ist ein echter Gewinn. Nicht zuletzt für unsere Klienten. Wir sehen, dass sie ihre Fähigkeiten steigern», sagt Stierli. Aber auch dem Betreuerteam machen die Einsätze draussen viel Spass, auch wenn sie mit Aufwand verbunden sind. «Wir können sehen, wie die Klienten aufblühen», erzählt Bernasconi.
In Zukunft will die Integra noch mehr bedürfnisorientiert arbeiten und sinnvolle Einsatzmöglichkeiten entsprechend der Entwicklungsstufe schaffen. Die Zeiten, in denen im Kreativatelier einfach ein wenig gebastelt wurde, sind definitiv vorbei.



