«Magie dieser Orgel entfalten»
08.03.2022 BremgartenDie neue Stadtorganistin Susanna Soffiantini ist glücklich im Städtli
Seit rund einem Jahr hat Bremgarten eine neue Stadtorganistin. Die junge Italienerin Susanna Soffiantini sprüht nach einer ruhigen coronageprägten Anfangsphase vor Tatendrang. In ...
Die neue Stadtorganistin Susanna Soffiantini ist glücklich im Städtli
Seit rund einem Jahr hat Bremgarten eine neue Stadtorganistin. Die junge Italienerin Susanna Soffiantini sprüht nach einer ruhigen coronageprägten Anfangsphase vor Tatendrang. In Bremgarten und seiner Metzler-Orgel sieht sie viel Potenzial schlummern.
Marco Huwyler
Dass Susanna Soffiantini vor wenigen Jahren noch keinen Satz Deutsch sprach, ist kaum zu glauben. Am sympathischen Dialekt hört man zwar, dass die junge Frau aus Italien stammt, doch nach Worten ringen muss sie kaum einmal. Durchdacht und eloquent gibt Soffiantini Auskunft über Arbeit, Musik und ihr neues Leben in Bremgarten. «Man lernt schnell, wenn man sich im Alltag ausdrücken muss. Und ich bin ja doch schon eine Weile im deutschsprachigen Raum», lächelt sie darauf angesprochen bescheiden. Nach Stationen in Lienz und Basel ist Soffiantini mittlerweile seit einem Jahr in Bremgarten wohnhaft.
Fasziniert von der «Königin»
Als sie sich für eine Karriere als Musikerin entschied, hätte die Italienerin indes nie daran gedacht, dass es sie dereinst in ein kleines Städtchen im schweizerischen Aargau verschlagen würde.
Nachdem Soffiantini während der Kindheit in Brescia lange Jahre Klavier und Geige gespielt hatte, wagte sie sich als Teenagerin erstmals an die «Königin der Instrumente». «Mich haben Orgeln immer wahnsinnig fasziniert. Ihre Geschichte, ihr Charakter und ihre gewaltige Erhabenheit.» Soffiantini begann mit der Ausbildung zur professionellen Organistin am Conservatorio Luca Marenzio in ihrer Heimatstadt. Schnell zeigte sich, dass sie mit viel Talent gesegnet ist. Den Bachelor schloss sie mit Auszeichnung ab. Genauso wie den Master, den die angehende Organistin aufgrund eines befreundeten Musikers dann in Basel absolvierte. «Als Musiker in unserem Metier muss man international denken und offen sein. Im Studium lernte ich Menschen aus der ganzen Schweiz kennen», erzählt Soffiantini. Die Schweiz und ihr neues Umfeld gefielen der jungen Italienerin. Und so beschloss sie, noch eine Weile hier zu bleiben. In Biel-Benken fand die Organistin schliesslich ihre erste Festanstellung in einer Kirche. Doch die Ortschaft und vor allem der Umfang der dortigen Stelle wurden ihr bald einmal zu klein, sodass sie sich nach einer neuen Aufgabe umzusehen begann.
Beglückender Tagesausflug
In Bremgarten war derweil Andrea Kobi nach zehn Jahren von ihrem Engagement als Stadtorganistin zurückgetreten. Die Stadtkirche St. Nikolaus mit ihrer prächtigen Metzler-Orgel suchte einen Nachfolger. «Als ich die Stelle ausgeschrieben sah, googelte ich als erstes ‹Bremgarten›», lacht Soffiantini. Und was die Suchmaschine an Resultaten ausspuckte, gefiel der Italienerin. «Ich war wirklich begeistert. Noch in derselben Woche unternahm ich einen Tagesausf lug ins Städtli.» Dabei manifestierte sich ihr durchwegs positiver erster Eindruck. «Ich kam zum Schluss, dass ich hier sehr gerne leben möchte. Also habe ich mich beworben.»
Im abschliessenden Probespiel der Bewerbungsphase setzte sich Soffiantini gegen die letzten drei verbliebenen Kontrahenten durch. «Als ich die Zusage erhielt, war ich sehr glücklich. Vor allem auch, weil die Aussicht, mit dieser speziellen Orgel arbeiten zu dürfen, für mich ein grosses Privileg darstellt.»
Die spezielle Pandemiesituation bescherte Soffiantini einen gemächlichen Einstand im Städtli. Kirchenbesuche waren erschwert oder unmöglich und das Publikum daher meist spärlich. Auch das Antrittskonzert der neuen Organistin verschob sich und fand schliesslich erst nach acht Monaten im vergangenen August statt. «So hatte ich Zeit zum Üben und mich an die neue Aufgabe heranzutasten. Das war vielleicht gar nicht so schlecht», sagt sie rückblickend.
Soffiantini ist sich bewusst, dass sie sich in einer für Musiker privilegierten Situation befand. «Dank der Festanstellung von 40 Prozent hatte ich keine Existenzprobleme.» Nicht alle ihrer Kollegen hatten dieses Glück. «Ich habe mit einigen stark mitgelitten.» Soffiantini ist daher erleichtert, dass sich die Situation nun entspannt zu haben scheint. In den kommenden Wochen und Monaten will sie in Bremgarten so richtig loslegen und Ideen und Projekte in die Tat umsetzen.
Als Organistin ist die junge Italienerin an der Planung der drei wöchentlichen Messen der Stadtkirche beteiligt, welche sie musikalisch umrahmt. Daneben engagiert sie sich als Vorstandsmitglied im Orgelkreis Bremgarten und absolviert einen weiterbildenden Studiengang in Basel. Vor allem aber ist ihr Alltag geprägt vom Üben. «Wer spontan in die Stadtkirche kommt, hat eine grosse Chance, mich zu hören», lacht Soffiantini. Im Durchschnitt verbringt die Italienerin fünf bis sechs Stunden täglich an der Metzler-Orgel. «Ich schätze es, dass ich als Stadtorganistin neben meinen Aufgaben viel Freiheit habe und mir die Zeit selber einteilen kann.» Als Ausgleich verbringt die 28-Jährige gerne Zeit in der Natur. «Ich mag es, zu spazieren und mich spontan mit einem Buch an Plätzchen niederzulassen, wo es mir gefällt.» So hat Soffiantini schon weite Teile der Umgebung in und um Bremgarten ausgekundschaftet. «Vergangene Woche war ich etwa beim Erdmannlistein», erzählt sie lächelnd. «Ein schöner Ort.»
Orgeln sind wie Menschen
Das Teilzeitpensum als Stadtorganistin erlaubt es Soffiantini, ihre internationale Konzerttätigkeit weiterhin auszuleben. «Das ist wichtig für eine Organistin», sagt sie. Nicht bloss des Prestiges und der Reiseerfahrungen wegen, sondern vor allem, weil man so die Gelegenheit erhält, verschiedene Orgeln zu spielen. «Das ist für mich eine der Faszinationen an unserem Beruf.» Jede Orgel habe ihre eigene Persönlichkeit und ihren eigenen Charakter. «Orgelbegegnungen sind ein wenig wie Menschenbegegnungen und überraschen mich immer wieder», erzählt Soffiantini. «Eine Reise zu einer Orgel ist immer auch eine Reise in die Geschichte und Kultur eines Landes und eine Reise durch verschiedene Traditionen.» Ein Organist müsse sich seinem aktuellen Instrument anpassen und f lexibel sein. «Je nach Orgel spiele ich bei einem Konzert ein anderes Repertoire oder auf eine andere Art und Weise. Die Aufgabe und Herausforderung eines Organisten ist es immer, die jeweilige Orgel zu spüren und so bestmöglich klingen zu lassen.»
Ein besonderer Charakter
Nach solchen Konzertreisen kommt Soffiantini aber auch immer gerne wieder nach Bremgarten zurück zu «ihrem» Instrument in der Stadtkirche. Die Metzler-Orgel hat sie vom ersten Tag an in ihr Herz geschlossen. «Sie ist etwas ganz Besonderes und hat unheimlich viel Potenzial», schwärmt die Italienerin. «Es ist eine enorm vielseitige Orgel, die vieles möglich macht. Dazu kommt die schöne, klare Akustik der Stadtkirche.»
Die Metzler-Orgel ist 1988 als Nachfolgerin der Kuhn-Orgel, die beim verheerenden Kirchenbrand 1984 zerstört worden war, für die Stadtkirche erbaut worden. «Damit ist sie für eine Orgel noch sehr jung», sagt Soffiantini. «Und trotzdem hat sie eine starke Persönlichkeit und versprüht eine einzigartige Magie. So etwas ist sehr speziell bei einem modernen Instrument.»
Vespern für alle
Soffiantini hat sich der Aufgabe verschrieben, diese Magie in den nächsten Jahren bestmöglich zur Entfaltung zu bringen. «Ich sehe in Bremgarten grosses kulturelles Potenzial. Mein Wunsch wäre es, dass möglichst viele Menschen in den Genuss des Orgelspiels kommen. Nicht nur traditionellen Kirchenbesuchern soll sie offenstehen.» Als ersten Schritt in diese Richtung hat Soffiantini auf dieses Jahr hin die Bremgarter «Orgelvespern» (Vesper heisst Abend auf Lateinisch) lanciert. Monatlich werden unterschiedliche aufstrebende junge Gastsolistinnen und -solisten eingeladen, um an der Metzler-Orgel ein halbstündiges Feierabendkonzert zu spielen. «Es soll jeweils für 30 Minuten eine kostenlose Zerstreuung für alle Musikliebhaber der Region bieten und breite Bevölkerungsschichten ansprechen. Die Vesper soll etwas sein, das man gerne regelmässig, spontan vor oder nach dem Abendessen besucht und danach beseelt wieder nach Hause geht», lächelt Soffiantini. So werde die Bremgarter Orgel von vielen verschiedenen talentierten Organisten gespielt und interpretiert und man befruchte sich gegenseitig. «Ich finde es schön, wenn wir möglichst vielen Organisten die Gelegenheit geben können, an dieser wunderbaren Orgel zu spielen.»
Gerne mimt Soffiantini während diesen Besuchen von Kollegen und Kolleginnen aus aller Welt die einladende Gastgeberin und kocht in ihrer Wohnung in der Marktgasse für ihre Berufsleute. «Vegetarische Küche gehört zu meinen Hobbys», lächelt sie. «Ich mag es, für andere zu kochen und inspirierende Menschen um mich zu haben.» Die junge Italienerin ist glücklich, wohin sie die Lebensumstände geführt haben, und kann sich gut vorstellen, noch eine ganze Weile im Reussstädtchen zu bleiben. «Ich mag meine Arbeit, mein Umfeld und die Gegend hier. Ausserdem habe ich noch viele Pläne und Ideen für die Zukunft der Musik in der Stadtkirche.»
Ein persönlicher Traum der 28-Jährigen ist es, bald ihre erste eigene CD aufzunehmen und herauszubringen. Konkret und in Arbeit ist diese jedoch noch nicht. Aber eines ist jetzt schon klar: «Ich möchte sie hier in Bremgarten an dieser Orgel aufnehmen. Einen besseren Ort kann ich mir momentan nicht vorstellen.»

