Neues Glück in der Region?
19.11.2019 KüntenDie Taracell AG lud die Niederwiler Bevölkerung zu einer Besichtigung nach Künten ein
Die Taracell stösst in Künten an ihre Grenzen. Aus diesem Grund würde die Firma gerne nach Niederwil ziehen. Um bei der Stimmbevölkerung einen guten Eindruck ...
Die Taracell AG lud die Niederwiler Bevölkerung zu einer Besichtigung nach Künten ein
Die Taracell stösst in Künten an ihre Grenzen. Aus diesem Grund würde die Firma gerne nach Niederwil ziehen. Um bei der Stimmbevölkerung einen guten Eindruck zu hinterlassen, lud die Firma eine Woche vor der Abstimmung ein, sich einen Überblick zu verschaffen.
Chantal Gisler
Die Taracell hat ein Platzproblem. Das dürfte jedem Besucher klar sein. In der Decke der Produktionshalle klafft ein grosses Loch, damit die über zwei Meter hohe Maschine Platz hat. Die Firma versucht, die Platzverhältnisse so effizient wie möglich zu nutzen. «Ein Labyrinth», bemerkt eine Besucherin, während sie die Treppen heruntersteigt. Das Lager liegt auf der anderen Strassenseite. Darunter befindet sich ein Raum, in dem die Niederwiler Gäste begrüsst werden.
Auf den ersten Blick wirkt es wie ein Showroom. Am Eingang ist ein Buffet mit Kaffee und Gipfeli aufgebaut. Festlich dekorierte Tische. In der vorderen rechten Ecke steht ein Auto. Auf den ersten Blick könnte es ein Tesla sein. «Diese Frage wurde schon oft gestellt», sagt COO Robert Seitz. «Aber es ist kein Tesla.» Es handelt sich um einen Prototypen eines Solarfahrzeugs. Das gesamte Interieur hat die Firma Taracell hergestellt. «Ausser den Sitzen», ergänzt Seitz. Daneben stehen drei längliche, schneeweisse Tische mit schneeweissen Barstühlen. Eine Leinwand, auf der eine PowerPoint-Präsentation abgespielt wird, hängt an der Wand. In der Mitte der Tische stehen verschieden hohe Sockel, weisse und orangene. Sechseckig, wie Bienenwaben. Darauf präsentiert die Taracell die Produkte, die sie herstellt. Mit französischem Akzent bringt Aline Schirm-Marzolf, CEO, den Besuchern die Geschichte und die Ziele der Firma näher.
Es geht um die Mitarbeiter
Die Küntner Firma möchte sich an diesem Wochenende von ihrer besten Seite zeigen. Den Niederwilern erklären, was sie produziert, und vor der grossen Abstimmung am Sonntag, 24. November, Fragen beantworten. Denn für die Taracell geht es um die Zukunft. Die Firma möchte nach Niederwil umziehen und sich auf der «Geere» ansiedeln. An der Sommer- «Gmeind» stimmte der Souverän einer Umzonung der «Geere» zu. Damit wären «stark störende Betriebe» zugelassen. Doch nicht alle sind mit dem Vorhaben einverstanden. Innerhalb der Frist kam ein Referendum zustande, das die Umzonung der «Geere» verhindern will.
Aber: Warum möchte die Taracell von Künten nach Niederwil ziehen? Wäre es für eine national tätige Firma mit Standorten in Polen und Frankreich nicht besser, den Sitz an einem anderen Ort zu haben? An einem, der beispielsweise durch öffentliche Verkehrsmittel oder Zugverbindungen besser angeschlossen ist? Verwaltungsratspräsident René Meier bringt es auf den Punkt: Es gehe um die Mitarbeiter. Mit ihnen steht und fällt die Firma. Er selber möchte aber nicht in den Medien auftreten. Er respektiere den demokratischen Prozess und wolle diesen nicht beeinflussen, betont Meier am Anlass immer wieder. Stolz erzählt er, dass er bisher alle Interviewanfragen abgelehnt hat. Stattdessen bietet er den Niederwilern die Möglichkeit, ihm eine Woche vor der Abstimmung alle Fragen zu stellen.
Wollen willkommen sein
Diese Möglichkeit nutzen vor allem die Mitglieder des Referendumskomitees. Weshalb es denn so lange dauere, bis die Taracell die richtigen Pläne hat? «Es ist nicht so, dass die Taracell nicht will oder den Prozess absichtlich verlängert», sagt CEO Aline Schirm. «Aber wir brauchen auch die Bewilligungen vom Kanton.» Und das dauere eben. Seit bald zehn Jahren arbeite die Firma an dem Projekt. Doch es gibt immer wieder Verzögerungen, auch wegen des Referendums. «Wenn wir nach Niederwil kommen, dann möchten wir willkommen geheissen werden.»
Die Niederwiler sind hier geteilter Meinung. Seit Wochen wird das Thema hitzig diskutiert. Befürworter wie Marco Flori finden, es sei eine Chance für die Gemeinde: «Es geht um die Arbeitsplätze. Eine Firma wie die Taracell hätte locker die Möglichkeit, sich im Ausland abzusetzen», erklärt der junge Niederwiler. «Mag sein, dass es ein wenig mehr Verkehr gibt, aber die Geere liegt an der Hauptstrasse. Ausserdem gibt es dann vielleicht eine Bäckerei oder ein Restaurant, das neu eröffnet und mehr verkaufen kann.» Man solle der Firma eine Chance geben, sich in der Region ansiedeln zu können. «Sollte die Firma eine Stelle ausschreiben, die meiner Ausbildung entspricht, wäre ich wohl einer der Ersten, die sich bewerben.»
Auch die Gegner vor Ort
Ganz anders sieht das Toni Rohrer vom Referendumskomitee. «Wir haben nichts gegen die Firma und ihre Produkte», betont Rohrer. Ihnen geht es um das Volumen. 175 Meter Länge, 50 Meter Breite und 15 bis 20 Meter Höhe, «das ist wie ein Mammutbau. Ein Koloss, der nicht in die intakte Reusslandschaft passt.» Seit dem Vorvertrag aus dem Jahr 2016 hat sich das Ausmass des Baus um drei Meter erhöht. Bei einer Umzonung wäre auch ein 24-Stunden-Betrieb an 7 Tagen möglich. Ausserdem würden pro Tag 100 Last- und Lieferwagen zu- und wegfahren. An den Verwaltungsratspräsidenten René Meier gerichtet erklärt Rohrer: «Wir haben nichts gegen die Firma. Ich würde mit Ihnen sogar ein Bier trinken gehen. Aber es wäre uns lieber, wenn die Taracell nicht nach Niederwil kommen würde.»


