Zwischen Kinderbett und Weltmarkt
20.02.2026 WohlenGastbeitrag von Manfred Breitschmid: Die verborgene soziale Geschichte der Strohregion
Er erlebte den Niedergang der Strohindustrie und die dazu gehörende Heimarbeit hautnah. Darum beschreibt Manfred Breitschmid die Realität, also Erfolgs- und Leidensgeschichte ...
Gastbeitrag von Manfred Breitschmid: Die verborgene soziale Geschichte der Strohregion
Er erlebte den Niedergang der Strohindustrie und die dazu gehörende Heimarbeit hautnah. Darum beschreibt Manfred Breitschmid die Realität, also Erfolgs- und Leidensgeschichte der Strohregion.
Zum 50-jährigen Bestehen des Schweizer Strohmuseums wird die Geschichte der Strohindustrie des 19. und 20. Jahrhunderts im Freiamt besonders sichtbar. Bereits bei der Eröffnung des Strohmuseums 1976 wurde es als «einmalig auf der ganzen Welt» bezeichnet. Ich wünsche mir, dass diese Einschätzung in vielem auch heute noch gilt. Im Vordergrund stehen dabei oft die handwerkliche Qualität, die internationale Ausstrahlung oder die wirtschaftliche Erfolgsgeschichte. Weniger sichtbar ist jedoch die soziale Realität, auf der dieser Aufstieg beruhte.
Die Strohindustrie war über Jahrzehnte prägend für die Region. Sie brachte Wohlstand – allerdings nicht für alle in gleichem Mass. Ich erlebte den Niedergang der Strohindustrie als Bub aus einer ärmlichen Familie mit allen Facetten. War unterwegs mit dem Leiterwägeli, um die getane Arbeit zu überbringen.
Heimarbeit statt Kindheit
Ein bedeutender Teil der Produktion erfolgte in Heimarbeit. Geflochten wurde in Küchen, Stuben und Kammern. Kinder wuchsen zwischen Strohbündeln auf. Für viele Familien war die Mitarbeit der Kinder keine Ausnahme, sondern wirtschaftliche Notwendigkeit. Schulzeiten und Arbeitszeiten standen in einem Spannungsverhältnis.
Das Kinderbett stand oft nur wenige Schritte vom Arbeitsplatz entfernt. Die Trennung zwischen Erwerbsarbeit und Familienleben existierte kaum. Diese Form der Produktion sicherte das Überleben – bedeutete aber auch lange Arbeitszeiten, monotone Tätigkeiten und geringe Entlohnung.
Wohlstand und Abhängigkeit
Gleichzeitig entstanden in der Region einflussreiche Unternehmerfamilien – häufig als «Strohbarone» bezeichnet. Sie kontrollierten Rohstoffhandel, Verarbeitung und Absatzmärkte. Der wirtschaftliche Erfolg stärkte ihre Stellung erheblich.
Diese Konzentration von Kapital und Einfluss hatte zwei Seiten: Sie ermöglichte Investitionen und internationale Vernetzung. Sie führte jedoch auch zu einer starken Abhängigkeit von einer einzigen Branche.
Andere Industriezweige konnten sich kaum entwickeln. Arbeitskräfte, Infrastruktur und Kapital waren eng mit der Strohproduktion verbunden. Die Region wurde wirtschaftlich einseitig ausgerichtet.
Der Preis der Monokultur
Als sich Mode, Märkte und Produktionsbedingungen veränderten, geriet die Strohindustrie unter Druck. Industrialisierung, internationale Konkurrenz und veränderte Konsumgewohnheiten führten schrittweise zum Niedergang.
Was zuvor Stärke war, die Spezialisierung, erwies sich nun als Schwäche. Die Region hatte wenig Alternativen. Arbeitsplätze verschwanden, Betriebe schlossen, Heimarbeit verlor ihre Grundlage. Der wirtschaftliche und soziale Strukturwandel war tiefgreifend.
Verantwortung der Erinnerung
Gerade hier liegt eine wichtige Aufgabe des Museums. Es bewahrt nicht nur Hüte, Flechtarbeiten und Maschinen. Es dokumentiert auch Lebensbedingungen, soziale Spannungen und wirtschaftliche Abhängigkeiten.
Ein modernes Museum zeigt: Die Innovationskraft der Region, die Leistungen der Unternehmer, aber ebenso die Arbeitsrealität der Familien, die Rolle der Kinderarbeit, und die Risiken wirtschaftlicher Monokulturen. Nur im Zusammenspiel entsteht ein vollständiges Bild.
Geschichte als Lernort
Die Geschichte der Strohregion ist weder eine reine Erfolgsgeschichte noch eine reine Leidensgeschichte. Sie ist beides zugleich. Sie erzählt von Erfindergeist, Fleiss und internationaler Bedeutung – und von harter Arbeit, sozialen Ungleichgewichten und struktureller Verwundbarkeit.
Gerade diese Ambivalenz macht sie heute relevant. Sie lädt dazu ein, über wirtschaftliche Abhängigkeiten, regionale Identität und soziale Verantwortung nachzudenken. Solche Entwicklungen sind kein Relikt vergangener Zeiten. Man denke an die Autostadt Detroit in den USA oder an heutige Regionen der Kohle- und Autoindustrie in Deutschland. Auch dort zeigt sich, wie stark eine Region von einer einzigen Branche geprägt – und im Wandel verwundbar – sein kann. Die Geschichte der Strohregion steht als kleineres Rädchen stellvertretend für viele andere.
Ein Strohmuseum, das diesen Spannungsbogen sichtbar macht, ist nicht nur einzigartig – es ist notwendig.
Ein Wunsch zum Jubiläum
Zum Jubiläum darf man danken. Den Menschen, die über Jahrzehnte gesammelt, bewahrt, geforscht, vermittelt und gestaltet haben. Den Verantwortlichen, die mit Fachwissen, Beharrlichkeit und Herzblut aus einer Idee das Schweizer Strohmuseum formten.
Persönlich verbinde ich mit dem Schweizer Strohmuseum noch etwas anderes: Im Jahr 2020 durfte ich hier gemeinsam mit Claudia zivil heiraten. Dieser Ort ist für mich deshalb nicht nur ein Haus der Geschichte, sondern auch Teil meiner eigenen Lebensgeschichte.
Für das kommende Jahrzehnt bleibt der Wunsch, dass neben Handwerk und Produktgeschichte das soziale und gesellschaftliche Erbe noch stärkeres Gewicht erhält: die Lebensrealität der Familien, die Rolle der Kinder, die Abhängigkeiten und ihre Auswirkungen auf das Leben von Familien. Dass Schönheit gezeigt wird, ohne das Schwierige auszublenden. Dass Stolz möglich ist, ohne Kritik zu scheuen. Dass Vergangenheit bewahrt und zugleich Gegenwart erklärt wird.
Wenn das gelingt, wird das Schweizer Strohmuseum seine Relevanz weit über die Landesgrenze hinaus behalten.
Herzlichen Glückwunsch. Und herzlichen Dank an alle Verantwortlichen – gestern, heute und morgen.
Manfred Breitschmid, Ortsbürger, Wohlen

