Zurück in den Alltag helfen
10.02.2026 Arbeit, Region Oberfreiamt, Oberrüti, GesundheitZurück in die Arbeitswelt
Erschöpfung, ADHS oder Depressionen. Die Menschen, mit denen Franziska Baggenstos beruflich zusammenarbeitet, haben alle keinen einfachen Weg hinter sich. Die Oberrüterin ist als Arbeitscoach im Freiamt tätig. ...
Zurück in die Arbeitswelt
Erschöpfung, ADHS oder Depressionen. Die Menschen, mit denen Franziska Baggenstos beruflich zusammenarbeitet, haben alle keinen einfachen Weg hinter sich. Die Oberrüterin ist als Arbeitscoach im Freiamt tätig. --ake
Franziska Baggenstos ist im ganzen Freiamt in der Arbeitsintegration tätig
Ihre Aufträge erhält sie vor allem von der IV, aber auch Privatpersonen suchen bei ihr Rat. Seit 2020 ist die einstige Oberrüter Frau Gemeindeammann Franziska Baggenstos als Jobcoach tätig und hilft damit Menschen zurück in den Berufsalltag. «Es macht Freude, die Menschen ein Stück auf ihrem Weg begleiten zu dürfen.»
Annemarie Keusch
Natürlich freut sie sich, wenn sie nach Wochen, Monaten oder Jahren auf einstige Klienten trifft. Oder wenn sie sich gar bei ihr melden und berichten, im Berufsalltag wieder Fuss zu fassen. «Es macht aber auch nichts, wenn sie sich nicht melden. Ganz oft werte ich das als gutes Zeichen», sagt Franziska Baggenstos und lacht. «Job-Perspektive» heisst die Firma, die sie vor bald sechs Jahren gründete und womit sie den Schritt in die Eigenständigkeit wagte. In einer Branche, die ihr nicht total fremd war. Zumindest im Bezug auf ihre letzten beruflichen Jahre, die sie im Murimoos tätig war, im Bereich der beruflichen Wiedereingliederung von Langzeitarbeitslosen.
Noch vorher arbeitete Baggenstos in der Versicherungsbranche, in einer Kaderposition. «Das berufliche Umfeld ist jetzt doch ganz anders», meint die einstige Frau Gemeindeammann von Oberrüti. Nicht mehr die Grossfinanzwelt des Kantons Zug, sondern Menschen, die sich nach ganz unterschiedlichen herausfordernden Situationen zurück in den Alltag kämpfen. «Genau das mag ich: nah bei den Menschen zu sein, ihre Geschichten kennenzulernen und sie auf ihrem Weg zu begleiten. Sie dabei zu unterstützen, ihre eigenen Stärken und Fähigkeiten (wieder) zu entdecken, Selbstvertrauen aufzubauen und Schritt für Schritt zurück in die Selbständigkeit zu finden.» Dabei begleitet sie vor allem Menschen mit psychischen Belastungen – etwa im Kontext von Erschöpfung, ADHS oder Depressionen – sowie nach Unfällen oder anderen einschneidenden Lebensereignissen, mit dem Ziel der schrittweisen Rückkehr in den ersten Arbeitsmarkt.
Zurück in ersten Arbeitsmarkt bringen
Franziska Baggenstos arbeitet eng mit der IV zusammen. Das tat sie schon bei ihrer Arbeit im Murimoos. Die Kontakte sind geblieben, auch als sie den Schritt in die Selbstständigkeit wagte. «Die Pandemie spielte mir diesbezüglich in die Hände. Dadurch hatte ich ausreichend Zeit und wagte es einfach», sagt sie rückblickend. Sie sei mehr als froh, diesen Schritt gegangen zu sein. «Ich kann Leute wirklich unterstützen, ihnen Wege zeigen, die sie in ihrer schwierigen Situation vielleicht gar nicht sehen.» Mal begleitet sie sie nur für wenige Sitzungen, mal über zwei Jahre hinweg. «Ich kann sie unterstützen, beruflich wieder auf eigenen Beinen zu stehen, das ist eine schöne Aufgabe.» Auch wenn sie dabei ganz oft mit schlimmen Schicksalen konfrontiert wird.
Ganz viele Aufträge erhält Franziska Baggenstos von der IV. Berufliche Neuorientierung, Arbeitsplatzerhalt, Aufbau- und Arbeitstraining – das sind die hauptsächlichen Themenfelder. Die Menschen in den ersten Arbeitsmarkt zu integrieren und damit eine IV-Rente zu vermeiden, das ist dabei eines der Ziele. «Über allem steht natürlich, dass es den Menschen dabei gut geht, physisch und psychisch.»
Vorurteile gegenüber der IV
Franziska Baggenstos ist dabei im ganzen Freiamt unterwegs und darüber hinaus. Und sie hat sich in den knapp sechs Jahren ein grosses Netzwerk gesponnen. An Arbeitgebern, die solchen Wiedereinstiegen positiv gegenüberstehen. An Arbeitgebern, die mögliche Wiedereinsteiger nicht ausnutzen. An Arbeitgebern, die bewusst auch Raum schaffen für Erholung. Dabei gelte es gerade bei einem ersten Kontakt nicht selten auch, Vorurteile abzubauen. «Nur weil die IV hinter einer Massnahme steht, ist die Person nicht automatisch eingeschränkt. Vielleicht ist die Leistungsfähigkeit im Moment noch nicht ganz so hoch.» Aber das Potenzial sei gross. «Das erkennen nicht alle, leider.» Trotzdem sagt sie: «Ich kann festhalten, dass die Jobintegration in einem grossen Teil der Fälle gelingt.» Abbrüche könne es natürlich auch geben – das gehöre dazu. «Oft, wenn die Wiedereingliederungsmassnahme zu früh gestartet wird.» Was Baggenstos hingegen selten erlebt: dass Leute nicht wieder in einen Berufsalltag einsteigen wollen. «Schliesslich hängt viel mehr daran. Eine Anstellung zu haben, bedeutet auch, Teil der Gesellschaft und finanziell unabhängig zu sein.»
In ihrem Alltag arbeitete Franziska Baggenstos eng mit Nathalie und Lukas Neuhaus und ihrem Landwirtschaftsbetrieb Wildenau in Stetten zusammen. Bis zu zehn Klientinnen und Klienten finden dort eine Wiedereinstiegsmöglichkeit im Rahmen eines Aufbautrainings. Gemüse- und Reisanbau, Pflege der Tiere, Umgebungs-, Werkstatt- und Atelierarbeiten. An zwei bis drei Tagen pro Woche ist Baggenstos vor Ort und begleitet die Klientinnen und Klienten Schritt für Schritt auf ihrem Weg zurück in den Arbeitsalltag.
Schon Kinder sensibilisieren
Ihre Arbeit mache ihr Freude, erfülle sie. Das betont Franziska Baggenstos mehrmals. Dass es aber unbedingt Bestrebungen brauche, um gerade Burnouts und ähnliche Situationen zu verhindern, das betont sie nicht seltener. «Zu sehen, wie das System Leute krank macht, das ist durchaus frustrierend», gesteht sie. 80 Prozent und mehr ihrer Klientinnen und Klienten leiden oder litten unter psychischen Erkrankungen. «Leider sieht es nicht danach aus, als sei diese Zahl rückläufig, eher im Gegenteil. Resilienz sollte ein Schulfach werden, damit Kinder schon früh sensibilisiert sind.» Für sich einstehen, Kritik annehmen, lernen, auch einmal zu verlieren und trotzdem wieder aufzustehen. «Dass es Druck- und Krisensituationen gibt, das lässt sich nicht vermeiden. Die Frage ist, wie wir damit umgehen und wo wir Grenzen setzen.»
Franziska Baggenstos betont, dass eine Pensenreduktion nicht per se die Lösung ist. «Wichtig ist, bewusst Freiräume zu schaffen, sie auch zu nutzen und einen achtsamen Umgang mit der eigenen Energie zu entwickeln, im Wissen, dass diese nicht endlos da ist.» Es gelte, beim Bewusstsein anzusetzen. Bei den Arbeitnehmern. Und bei den Arbeitgebern. Ihr Fokus bleibt aber auf jenen, die den Weg zurück in die Arbeitswelt suchen. «Ich kann helfen, Brücken zu bauen und Wege aufzuzeigen. Gehen müssen sie diesen Weg letztlich selbst.» Ihre Aufgabe sei es, sie dazu zu befähigen und ihnen das notwendige Werkzeug und den Glauben an sich selbst zu geben.
Mehr Infos: www.job-perspektive.ch

