Wenn sich plötzlich alles ändert
09.01.2026 Wohlen, VereineAus Sicht einer Expertin
Trauerbewältigung nach der Tragödie
Katharina Keel ist Trauerbegleiterin aus Überzeugung und fühlt mit den Betroffenen mit.
In der heutigen landesweiten Schweigeminute um 14 Uhr wird ...
Aus Sicht einer Expertin
Trauerbewältigung nach der Tragödie
Katharina Keel ist Trauerbegleiterin aus Überzeugung und fühlt mit den Betroffenen mit.
In der heutigen landesweiten Schweigeminute um 14 Uhr wird Katharina Keel an all die Menschen, die mit Crans-Montana verbunden sind, denken und wissen, dass Trauer die lauteste Stille ist, die einem begegnen kann. Anders als auch schon empfinde sie die Berichterstattung der Medien momentan als wichtig und gesellschaftlich relevant. Es wird ihrer Meinung nach grösstenteils mit Würde und Respekt berichtet. «Man braucht einen Zusammenhang, damit das Gehirn alles einordnen kann», erklärt Keel. Die unglaubliche Solidarität berührt sie enorm und lässt die Tragödie gemeinsam aushalten. --mo
Katharina Keel über Tragödie, Trauerbewältigung und den Weg zurück – am Beispiel von Crans-Montana
Katharina Keel, Trauerbegleiterin und Präsidentin des Vereins familientrauerbegleitung.ch beschäftig das Unglück in Crans-Montana ebenfalls. Sie weiss, dass Trauer die lauteste Stille ist, die einem begegnen kann.
Monica Rast
Momentan beschäftig die Tragödie in Crans-Montana unzählige Menschen im In- und Ausland. Die Medienflut reisst nicht ab und ist ein Dauerthema. Katharina Keel, Trauerbegleiterin, kennt den Ort vor allem aus ihrer Kindheit zum Skifahren. Die Pisten überlässt sie mittlerweile anderen, sie ist jedoch mit dem Wallis über Freunde im Herzen verbunden.
Das Unglück von Silvester geht ihr aus diversen Gründen sehr nahe. «Wenn wir Geschichten solcher Tragik hören, klingen diese in unserer eigenen Lebensgeschichte wieder. Wenn es noch dazu im eigenen Land, also ganz nahe bei uns selbst, passiert, wühlt es uns noch mehr auf. Zudem triggert es eine Urangst in uns, dass unseren eigenen Kindern etwas passieren könnte.» Sie ist selbst Mutter eines Teenagers und kann sich noch gut an ihre eigene Jugend und den dazugehörigen Leichtsinn erinnern.
Schwer zu beschreiben
Eine Tragödie mit vielen jugendlichen Opfern kann nur schwer mit Worten beschrieben werden. Die Menschen brauchen Informationen, um etwas einordnen und verstehen zu können. «Man kann den Sachvorgang beschreiben, der zum Brand geführt hat. Dass dieser zu so viel Leid geführt hat, ist in erster Linie für unsere Köpfe, erst recht aber auch für unsere Herzen unverständlich», erklärt die Trauerbegleiterin. «Die ganze Dimension spielt sich auf einer anderen Ebene als der kognitiven ab. Man kann sie vielleicht erahnen, sie ganz zu erfassen, scheint jedoch unerträglich.»
Man muss es sich nicht zu erklären versuchen. Tatsache ist, dass in Crans-Montana ein grosses Unglück mit vielen Beteiligten passiert ist und sich mit dem Beginn des neuen Jahres das Leben von einer unbestimmten Anzahl Menschen auf einen Schlag geändert hat. «Dafür habe ich keine Worte, aber sehr viel Mitgefühl.»
Das Unglück ist zwangsweise mit der Dorfgeschichte, aber auch mit der Bevölkerung als Schicksalsgemeinschaft verbunden, dies über die Dorfund Landesgrenze hinaus. Die Aufarbeitung und Einordnung des Geschehenen wird viel Zeit brauchen.
Der Trauer einen Raum bieten
Als Trauerbegleiterin erlebt Katharina Keel die unterschiedlichsten Situationen an Tragödien, Trauerprozesse und den Umgang mit dem Tod. Jede Familie hat ihr eigenes Schicksal. «Es ist wichtig, den Betroffenen zuzuhören und ihnen einen Raum für die Trauer zu geben. Aus der Sicht eines Trauerbegleiters sind wir gewappnet, um Unterstützung anbieten zu können.»
Besonders bei Brandopfern wie in Crans-Montana ist es wichtig, dass man den Verstorbenen die Würde zurückgibt. Dabei kommt der Trauerbegleiterin die Todesanzeige zweier Freunde in den Sinn, auf der die Eltern zu einem letzten Tanz einladen. «Es kann helfen, wenn man dem ganzen Kopfkino gute Bilder hinzufügt.» Zudem ist Keel im Austausch mit beteiligten Bestattern. «Es müssen kreative Wege gefunden werden, wie ein persönlicher Abschied unter den gegebenen, massiv erschwerten Voraussetzungen trotzdem für die Angehörigen möglich ist. Zum Beispiel, indem sie liebevolle Worte auf den Sarg schreiben und die Bestatter etwas Persönliches wie einen Brief oder eine Kuscheldecke für sie reinlegen.»
Einerseits ist ihre Erfahrung als Fachperson gefragt, andererseits fragt sie sich, was wäre, wenn so etwas in der Deutschschweiz passieren würde. Das Care-Team ist wenige Stunden bis Tage vor Ort, wer aber begleitet Familien danach? Wer übernimmt die Kosten dafür? «Hier sehe ich noch viel Entwicklungspotenzial, das wohl in der Verantwortung der jeweiligen Kantone liegt.» Und sie betont, wie krisenerprobt das Wallis ist.
Offener Umgang
Seit dem Unglück ist das Interesse am Verein familientrauerbegleitung.ch merklich gestiegen. «Es haben sich Eltern gemeldet und gefragt, wie man mit den eigenen Kindern über so ein Geschehnis sprechen kann», erzählt Keel. Hier kann sie sagen: «Altersgerecht, offen und ehrlich. Eigene Betroffenheit, Gefühle und Ängste benennen. Das richtige Verhalten im Fall von Feuer erklären und warum das so lebenswichtig ist.» Vor allem aber ist sie der Meinung, dass man den Mut haben sollte, die Kinder, trotz all den Gefahren, die das Leben bietet, ihre eigenen Erfahrungen machen zu lassen. «Auch wenn wir es noch so gerne möchten, wir können sie nicht vor allem beschützen. Wir können sie jedoch befähigen, mit Krisensituationen umzugehen, indem wir ehrlich im Dialog mit ihnen sind.»
Zurück ins normale Leben
Viele Trauernde berichten, dass es für sie ein Leben davor und ein Leben danach gibt. Nach einem Verlust wie diesem gibt es diese bekannte Normalität nicht mehr. Nach dem ersten Schock kommt nach und nach das Begreifen der Realität, Gefühle der Trauer, Dankbarkeit, Schuld, teilweise auch Wut. Es geht in einem ersten Schritt darum, das eigene Überleben zu sichern und einen liebevollen und würdigen Abschied vom Verstorbenen zu ermöglichen. Die wirkliche Verarbeitung erfolgt erst danach und passiert nicht über Nacht, sondern braucht viel Zeit und Ausdruck.
Dabei stellt sich auch die Frage nach dem Sinn des Lebens. Dies ist für Katharina Keel eine der intimsten Fragen, die es gibt. Die Antworten darauf sind wohl so individuell wie der Mensch selbst. «Vielleicht geht es im Leben nicht immer darum, einen Sinn zu finden. Andererseits kann es sehr tröstlich sein, etwas einen Sinn zu geben.» So ist schon aus einem tragischen Schicksalsschlag etwas Gutes wie eine Stiftung entstanden. «Wir können Dinge nicht ungeschehen machen. Wir dürfen jedoch Verluste betrauern und Verbindung behalten. Und wir dürfen es uns erlauben, unser eigenes Leben zu leben. Mit all seinen Höhen, Tiefen, Schönem und Schmerzhaftem.»
Die Trauer um einen geliebten Menschen begleitet einen ein Leben lang, sie ändert jedoch ihre Form. Es ist ein Prozess des Annehmens, aber auch das Inne- und Festhalten. Dabei helfen häufig auch die Erfahrungen und der Austausch mit anderen Trauernden, die einem als Vorbild dienen können. Dabei sind Trauercafés oder Trauergruppen eine gute Anlaufstelle. «Allgemein ist sichtbar, dass die Solidarität und kollektive Trauer im Land gerade gross ist. Sie zeigt uns in unserer Betroffenheit als menschlich. Schliesslich waren oder sind wir alle mal jung, wissen jedoch nicht, ob wir alle auch alt werden. Es ist wohl auch dieses Bewusstwerden der eigenen Endlichkeit, das uns fast alle gerade so sehr bewegt.»
Informationen: www.weiter-leben.ch/
Hilfe für Betroffene
Der Verein familientrauerbegleitung.ch vermittelt Fachpersonen an betroffene Familien, ihr Umfeld und Institutionen. Der Verein bietet ausserdem kostenlose, spendenfinanzierte Kinder- und Jugendtrauergruppen an, unter anderem auch in Wohlen.
Mehr Infos unter: www.familientrauerbegleitung.ch. Für Erwachsene gibt es das Trauercafé Wohlen, welches vom Hospiz Aargau angeboten wird. Jeweils am 1. Sonntag im Monat, 15 bis 17 Uhr, Emanuel-Isler-Haus.

