Vom Puckjäger zum Eisflitzer
22.11.2024 SportEisschnelllauf: Der Sarmenstorfer Nico Berger schafft die Junioren-WM-Limite
Vor rund einem Jahr war Nico Berger noch begeisterter Eishockeyspieler. Nach seinem Wechsel zum Eisschnelllauf hat er einen kometenhaften Aufstieg hingelegt und hat die Limite für die ...
Eisschnelllauf: Der Sarmenstorfer Nico Berger schafft die Junioren-WM-Limite
Vor rund einem Jahr war Nico Berger noch begeisterter Eishockeyspieler. Nach seinem Wechsel zum Eisschnelllauf hat er einen kometenhaften Aufstieg hingelegt und hat die Limite für die Junioren-Weltmeisterschaften erreicht.
Josip Lasic
Er kann seinen Augen selbst nicht trauen. Als Nico Berger am vergangenen Sonntag beim Eisschnelllauf-Wettkampf im italienischen Collalbo seine Zeit über 500 m betrachtet, steht dort 37,99. Eine neue persönliche Bestzeit für den jungen Sarmenstorfer und die Qualifikation für die Junioren-WM. «Ich habe selbst nicht damit gerechnet. Zuvor lag meine Bestzeit bei 39,6. Die WM-Limite war bei 38,5. Ich musste mich also deutlich steigern.»
Einen Tag zuvor hat er über 500 m noch zwei Fehlstarts hingelegt und wurde disqualifiziert. Über 1000 m verpasst er die Junioren-WM-Limite um 0,9 Sekunden. Doch einen Tag später gelingt ihm der Riesenerfolg. «Ich bin einfach losgelaufen und habe mir keine Gedanken gemacht. Am Ende ist es super aufgegangen.» Es ist der vorläufige Höhepunkt in der jungen Eisschnellläufer-Karriere des 19-Jährigen, die seit einem Jahr nur einen Weg kennt: nach oben.
Abschied vom Eishockey genommen
Der Freiämter spielt zuvor jahrelang Eishockey. Er wird im Nachwuchs der ZSC Lions ausgebildet. Als er vor einigen Jahren mit seiner Ausbildung zum Medizinischen Praxisassistenten beginnt, wird ihm der Aufwand in der Juniorenabteilung des NLA-Vereins zu gross. Er wechselt zu den Argovia Stars in die 1. Liga. Dort spielt er während der letzten beiden Saisons. «Letzten Dezember habe ich dann angefangen mir Gedanken zu machen. Mein Eindruck war, dass Eishockey nicht immer ganz fair ist. Ein Trainer entscheidet, ob man spielt oder nicht, und das kann völlig unabhängig von den Leistungen sein.»
Da ihm nachgesagt wird, dass er ein guter Schlittschuhläufer ist und er viel Biss im Training mitbringt, erhält er aus seinem Umfeld die Empfehlung, mal Eisschnelllauf auszuprobieren. Die Sportart, die aus den Disziplinen Shorttrack (Rundenlänge von 111,12 Metern) und Longtrack (Rundenlänge von 400 m) besteht, gefällt ihm auf Anhieb. Er tritt je einem Verein für die beiden Disziplinen bei. Eisschnelllauf Zürich für Longtrack, Shorttrack Zürich für die Kurzdistanz. «Von Januar bis März habe ich das neben dem Eishockey trainiert. Für mich war es aber faszinierend, mal einen Einzelsport auszuüben. Ich konnte dann relativ schnell mit Eishockey abschliessen. Die Zeit dort möchte ich nicht missen. Ohne Eishockey wäre ich im Eisschnelllauf nicht so gut. Mittlerweile fühle ich mich als Eisschnellläufer aber wohler.» Dazu trägt auch die Begegnung mit Jeff Kitura bei. Der Kanadier ist «Head Coach Speed Skating» beim Schweizer Verband. Berger kann Ende März ins Nationale Leistungszentrum in der Swiss Life Arena in Zürich zu einem Einstufungstest. Das Talent des Sarmenstorfers wird schnell erkannt. Er darf regelmässig in der Swiss Life Arena trainieren. «Wenn ich einen Sport betreibe, gebe ich Vollgas. Und die Swiss Life Arena ist die Heimstätte der ZSC Lions. Ich kenne aus meiner Zeit dort noch enorm viele Leute. Das macht das Ganze noch angenehmer.»
Sein Leben findet in Zürich statt
Obwohl er noch im Freiamt lebt, hat sich ein grosser Teil des Lebens des 19-Jährigen in Richtung Zürich verlagert. Er trainiert in der Swiss Life Arena oder im Dolder. Daneben besucht er die Höhere Fachschule für Pflege im Careum in Zürich. Die mit der Ausbildung verbundenen Praktika absolviert er im Universitätsspital. «Das wäre alles nur schwer zu meistern ohne die Unterstützung meiner Eltern. Ich bin ihnen sehr dankbar, dass sie nach wie vor hinter mir stehen, wie sie es auch taten, als ich noch Eishockey gespielt habe», so Berger. «Ich werde wegen jetzt auch von einem Vollzeit- auf ein Teilzeitstudium wechseln. Ich habe noch nie so viel und auf einem so hohen Niveau trainiert wie jetzt. Es sind rund 20 Stunden pro Woche, die ich für das Eisschnellaufen aufwende. Mit einem Teilzeitstudium kriege ich beides besser hin und kann nebenbei auch Teilzeit als MPA arbeiten.»
Berger ist beispielsweise direkt nach Prüfungen am Careum in den Flieger gestiegen, um Tags darauf in Berlin einen Wettkampf absolvieren zu können. Dort hat er gleich die Limite für die ersten beiden Weltcups geknackt. Die wird er aber wegen Kursen und Prüfungen nicht besuchen können. «Ziel war es, mich für den dritten Weltcup und die Junioren-WM zu qualifizieren. Dafür war die Limite aber höher. Umso schöner, dass mir das jetzt gelungen ist.»
Rückschläge werden kommen
Bis zur Junioren-WM, die ebenfalls in Collalbo im Südtirol stattfindet, möchte der Sarmenstorfer noch die Limiten über 1000 m und 1500 m knacken, um auch in diesen Disziplinen starten zu können. «Es gibt auch längere Distanzen, aber mir liegen die kürzeren etwas besser. Das liegt vielleicht an meiner Ausbildung im Eishockey. Von dort her bin ich mir den Sprint gewohnt.» Dass Eishockeyspieler zum Eisschnelllauf wechseln, ist zwar nicht so selten, aber dass der Wechsel so gut gelingt,wie im Fall von Nico Berger, ist eher selten.
Mit Dietrich Varaklis ist ein ehemaliger EHC-Basel-Junior aber ebenfalls Teil des Nationalkaders. Varaklis hat Olympia-Ambitionen. «Von ihm lerne ich im Training sehr viel», sagt Berger. Er ist sich auch bewusst, dass es für ihn nicht immer in so Riesenschritten vorwärtsgehen wird. «Es werden auch Rückschläge kommen. Das weiss ich und ich bin darauf eingestellt. Ich werde trotzdem weitermachen.» Der bisherige Erfolg zeigt, dass der Wechsel vom Puckjäger zum Eisflitzer der richtige Weg für ihn ist.


