Unterkunft in Not
16.12.2022 WohlenHygiene und Sauberkeit lassen zu wünschen übrig und für Bewohner, die an psychischen Problemen leiden, fehle ein Angebot – das kritisiert eine Bewohnerin an der Notunterkunft in Wohlen. Stellung dazu nimmt Magnus Hoffmann vom Sozialdienst. Ziel müsse es sein, dass der ...
Hygiene und Sauberkeit lassen zu wünschen übrig und für Bewohner, die an psychischen Problemen leiden, fehle ein Angebot – das kritisiert eine Bewohnerin an der Notunterkunft in Wohlen. Stellung dazu nimmt Magnus Hoffmann vom Sozialdienst. Ziel müsse es sein, dass der Aufenthalt möglichst kurz ist, um bald wieder in eine eigene Wohnung zu ziehen. --red
«Wir sind keine Notschlafstelle»
Bewohnerin der Notunterkunft kritisiert den Betrieb – der Sozialdienst relativiert
Die Gemeinde Wohlen führt eine Notunterkunft mit 14 Plätzen. Nun gelangte eine Bewohnerin an die Öffentlichkeit und kritisiert die Zustände im Haus und die fehlende Betreuung. Doch die Gemeinde stellt klar: Es geht bei diesem Angebot um ein Dach über dem Kopf – und nicht um eine umfassende Betreuung.
Chregi Hansen
Anna Koch (Name geändert) möchte nicht den Eindruck erwecken, undankbar zu sein. Im Gegenteil. «Ich bin sehr froh, dass mir der Sozialdienst sofort weiterhalf und ein Zimmer in der Notunterkunft anbot, nachdem es hiess, das Haus, in dem ich früher wohnte, werde abgerissen. So habe ich zumindest ein Dach über dem Kopf für mich und meinen Hund», erklärt sie.
Sie hatte es nicht immer einfach in ihrem Leben. Scheidungskind, beide Elternteile selber in schwierigen Verhältnissen aufgewachsen, dann die eigene Scheidung, viele zerbrochene Träume, zuerst ein Chaos und ziellos, danach ein harziger beruflicher Wiedereinstieg als knapp 50-Jährige. Und trotzdem: «Auf vieles in meinem Leben bin ich sehr stolz, sowohl Privates wie auch Berufliches. Aber sicher gibt es auch einiges, was ich jetzt anders machen würde. Doch nur schon der Erfahrung wegen bin ich für diese manchmal schmerzhaften, aber auch lehrreichen Erlebnisse während dieser Zeit wirklich dankbar», sagt sie.
Ansprüche müssen heruntergeschraubt werden
Jedenfalls stehe sie zu ihrer Vergangenheit. Die gelernte Verkäuferin hat Schulden, offene Rechnungen bei der Gemeinde, wie sie selber sagt, welche sie monatlich abbezahlen wird. Momentan hat sie noch eine kleine Teilzeitstelle, das Geld reicht deswegen nicht aus, um eine bezahlbare Wohnung zu finden. «Ich habe sicher auch viele Fehler gemacht, aber ich bemühe mich, wieder auf eigenen Beinen zu stehen», sagt sie.
Seit gut einem Jahr lebt sie nun in der Notunterkunft der Gemeinde. Doch die Freude über das neue Domizil währte nur kurz. Immer wieder kam es im Haus zu lautstarken Auseinandersetzungen, es gab Drogenprobleme, die Hygiene und Sauberkeit lässt zum Teil zu wünschen übrig. Beim Einzug habe sie Mäuse vorgefunden, die gemeinsam genutzten Badezimmer waren teilweise verschimmelt. Risse in den schmutzigen Wänden, abblätternde Farbe, ringhörig, schlechte Isolation und offene Fugen. «Wenn wir uns deswegen an die Gemeinde wandten, hiess es früher immer: Das sei eine Notunterkunft, wir müssten eben unsere Ansprüche herunterschrauben», berichtet die Bewohnerin.
Magnus Hoffmann, beim Sozialdienst zuständig für die Notunterkunft, kennt diese Beschwerden. «Natürlich ist der Standard eher bescheiden. Aber es handelt sich ja auch nur um eine vorübergehende Unterkunft in einer Notsituation und soll nicht eine längerfristige Lösung darstellen», sagt er. Wie sauber oder dreckig es im Haus sei, hänge stark mit den Bewohnern zusammen. «Es ist ein Biotop ganz unterschiedlicher Charaktere», beschreibt es der Verantwortliche, «Junge und Alte. Frauen und Männer. Schweizer und Ausländer. Es gibt Phasen, in denen es sehr gut läuft. Und Phasen, in denen es mehr Probleme gibt. Eine einzige Person, die sich nicht in die Gemeinschaft integriert, reicht, um für Unruhe zu sorgen.» Letztlich müssten die Bewohner gemeinsam ihren Anteil leisten, dass das Leben in der Unterkunft funktioniert. «Es gibt keine 24-Stunden-Betreuung, denn wir stellen eine Notunterbringung für Personen, die ihr Obdach aus welchen Gründen auch immer verloren haben, zur Verfügung. Wir sind keine Notschlafstelle», so Hoffmann.
Im Notfall Dach über dem Kopf
Dem widerspricht Koch vehement. «Es gibt nicht nur keine 24-Stunden-Betreuung, es gibt überhaupt keine Betreuung», sagt sie. Es sei eine Illusion, dass die Bewohner selber für Ordnung schauen können. Etliche hätten ihr Leben kaum im Griff, wie sollen sie da als Gruppe funktionieren? Immerhin: Die Toiletten und Duschen seien jetzt saniert worden, «dafür sind wir Bewohner sehr dankbar», sagt sie.
Seit 2016 steht der Gemeinde eine angemietete Liegenschaft als Notunterkunft zur Verfügung mit bis zu 14Plätzen, nachdem die bisher dafür genutzte gemeindeeigene Liegenschaft an der Steingasse geschlossen werden musste. «Die Gemeinden haben die gesetzliche Pflicht, Menschen in Not ein Dach über den Kopf zu bieten», erklärt Hoffmann. Im Normalfall erfolgt die Unterbringung in einem Doppelzimmer, zudem steht in der Liegenschaft ein Familienzimmer zur Verfügung. Im Erdgeschoss teilen sich die Bewohner Küche und Wohnzimmer, im Weiteren gibt es sanitäre Einrichtungen für Männer und Frauen. Die Belegung ist unterschiedlich hoch – mal sind alle Plätze besetzt, mal nur die Hälfte. «Bisher hat es immer gereicht, mussten wir keine Personen an einem anderen Ort unterbringen», so der Vertreter des Sozialdiensts. Wo keine Notunterkunft zur Verfügung steht, müssen Gemeinden auch mal auf Hotels zurückgreifen. Darum kommt man in Wohlen herum.
Die Wohnqualität sei nicht sehr hoch, gibt Hoffmann zu bedenken. Aber das müsse sie auch nicht – schliesslich soll es einen Anreiz geben, wieder in eine eigene Wohnung zu ziehen. Putzen müssten die Bewohner selber, die nötigen Mittel werden zur Verfügung gestellt. Schäden würden repariert, kleinere durch die Gemeinde, grössere durch den Vermieter. Die Unterkunft ist auch nicht gratis – den Bewohnern wird eine Miete verrechnet. Die allerdings in vielen Fällen vom Sozialamt bezahlt wird. «Die Notunterkunft ist wichtig, um schnell reagieren zu können, wenn jemand aus bestimmten Gründen seine bisherige Wohnung verliert. Denn viele von ihnen haben es aufgrund ihrer Biografie oder ihrer finanziellen Verhältnisse schwer, in kurzer Zeit eine Wohnung auf dem freien Markt zu finden. Trotzdem muss es das Ziel sein, dass der Aufenthalt möglichst kurz ist.»
Jeder Mensch hat Anrecht, ernst genommen zu werden
Doch die unschöne Wohnqualität ist für Bewohnerin Anna Koch nicht einmal das Schlimmste. Sie vermisst eine adäquate Betreuung. Nicht für sich selber, sie habe ihr Leben wieder weitgehend im Griff, künftig auch ein grösseres Arbeitspensum. «Aber hier leben einige mit Suchtproblemen oder psychischen Krankheiten. Diese werden einfach ihrem Schicksal überlassen», kritisiert sie. Ihrer Ansicht nach braucht es jemanden, der zum Rechten schaut und die Bewohner auch mal fragt, wie es ihnen geht, sie motiviert, ihnen praktisch mit Rat und Tat zur Seite steht, ihnen weiterhilft oder vielleicht sogar einfache Arbeiten aufgibt. «In so einem alten Haus gäbe es doch immer etwas zu tun, oder?» Dazu sei ausgebildetes Fachpersonal nötig und nicht irgendwelche Mitarbeiter des Sozialdiensts. Koch findet, dass jeder Mensch das Anrecht hat, ernst genommen und respektvoll behandelt zu werden, egal, ob er arbeitslos, süchtig oder psychisch krank sei. Ihnen fehle eine Aufgabe, Arbeit und oftmals einhergehend damit auch ein gut funktionierendes soziales Netzwerk. Immer wieder kam es deswegen auch zu Reibereien im Haus. Einzelne Bewohner hätten Freunde von aussen hereingeschleppt und mit ihnen im Wohnzimmer gefeiert. «Morgens fanden wir dann die Überreste der Party im Wohnzimmer», so die Bewohnerin. Man wisse auch gar nicht so genau, wer alles im Haus lebt und wer nicht. Und wie viele Schlüssel im Umlauf sind. Sie selber hat die Konsequenzen gezogen. Und trägt alle ihre Wertsachen immer bei sich.
Bei Problemen wird reagiert
Magnus Hoffmann sind die Vorwürfe bekannt. Doch eine engere Betreuung der Notunterkunft sei nicht vorgesehen. «Das ist kein Heim und auch keine Notschlafstelle», macht er deutlich. Und: «Wir können nur helfen, wenn die Personen auch Hilfe wollen.» Der Sozialdienst werde durchaus aktiv, unterstütze etwa bei der Suche nach Therapieplätzen, vereinbare Termine bei der Suchtberatung. Aber man könne niemanden zum Glück zwingen. Und er ist überzeugt: Mehrheitlich funktioniert der Betrieb in der Notunterkunft gut. «Es gab Phasen mit grösseren Problemen. Da wurde reagiert, die entsprechende Person verlegt, die Kontrollen, auch nach Hinweisen durch die Anwohner, durch die Polizei erhöht. Aktuell ist es eher ruhiger, erhalten wir keine Klagen von den Anwohnern oder Meldungen durch die Polizei», macht Hoffmann deutlich. Er selber geht regelmässig im Haus vorbei. Zudem kümmert sich ein Zivildienstleister bei seinen Einsätzen auch um die Notunterkunft. Schaut zum Rechten. Führt Putztage mit den Bewohnern durch. «Zwischenzeitlich waren wegen der Betreuung der Ukraine-Flüchtlinge keine Einsätze möglich, jetzt läuft es wieder im vorgesehenen Rahmen», erklärt Hoffmann. Viele wünschten sich gar keine engere Betreuung. «Es handelt sich nicht um ein Therapieheim, sondern bloss um eine Unterkunft. Für eine enge Betreuung von persönlichen Problemen sind spezialisierte Organisationen zuständig, beispielsweise die Suchtberatung bei Suchterkrankungen, an welche die Personen verwiesen werden», macht der Gemeindevertreter deutlich.
Keine Langzeitmiete möglich
Ableben, revidierte ihre Meinung jedoch nach dem ersten Schock und einigem zeitlichem Abstand. Und dennoch hätte sie erwartet, dass man die Hausbewohner über den Tod des Mitbewohners informiert hätte.
Diesen Wunsch kann Hoffmann durchaus verstehen. Aber: «In einem Mehrfamilienhaus geht auch niemand von Tür zu Tür, wenn jemand gestorben ist.» Der Tod dieses Bewohners habe die Mitarbeitenden der Sozialen Dienste betroffen gemacht. Schliesslich hätten sie regelmässig mit der Person im Austausch gestanden. «Es war ein sehr spezieller Fall, der uns stark beschäftigt hat. Wir waren im engen Kontakt mit der betreffenden Person.» Mehr sagen zum Fall darf und will er nicht. Den generellen Vorwurf, dass man einfach nichts mache, weist er darum zurück. Letztlich aber könne man Menschen nicht zu etwas zwingen, sondern könne nur darauf hinarbeiten, dass sie Hilfsangebote wahrnehmen.
«Nochmals, es geht um eine vorübergehende Unterkunft in einer Notsituation. Diesen Auftrag erfüllt die Gemeinde. Und ich bin überzeugt, im Vergleich zu anderen Gemeinden kann sich unsere Liegenschaft sehen lassen», meint Hoffmann zum Schluss. Und in einem sind beide gleicher Meinung. Für Anna Koch wäre es besser, wenn sie baldmöglichst in eine eigene Wohnung ziehen kann. Für Langzeitmiete ist die Unterkunft eben nicht ausgerichtet.
Koch hat jetzt eine Wohnung in Aussicht und ist glücklich und froh darüber. Dennoch wünscht sie sich für die anderen Bewohner einen schöneren Ort, zumindest in einem gepf legteren Zustand und auch freundlicher eingerichtet und gestaltet. Vielleicht geht ihr Wunsch ja in Erfüllung.
Anlass, mit ihrer Kritik an die Öffentlichkeit zu gehen, war für Anna Koch der Tod eines Bewohners, der sich ab und zu um ihren Hund gekümmert hatte. «Ich wusste, dass er psychische Probleme hatte. Von einem Tag auf den anderen war er weg. Und niemand wollte mir sagen, was los ist», beklagt sich Koch. Hier könnten Menschen sterben und nichts passiere. «Ich bin überzeugt, man hätte ihm mit einer engeren Betreuung helfen können», sagte sie kurz nach seinem



