Per Zufall zum «Chüngeli-Puur»
28.07.2026 MuriSerie «Was machen Personen des öffentlichen Lebens sonst noch?»: Herbert Meier, Gemeinderat und Kaninchenhalter
Dass Gemeinderat Herbert Meier hauptberuflich Landwirt ist, dürfte in und um Muri weitgehend bekannt sein. Was viele nicht wissen: Im ...
Serie «Was machen Personen des öffentlichen Lebens sonst noch?»: Herbert Meier, Gemeinderat und Kaninchenhalter
Dass Gemeinderat Herbert Meier hauptberuflich Landwirt ist, dürfte in und um Muri weitgehend bekannt sein. Was viele nicht wissen: Im Nischenmarkt der Kaninchenmast ist er einer der Grössten der Schweiz.
Thomas Stöckli
Wer von «Chüngeli-Puur» spricht, meint das in der Regel despektierlich. «Nicht ganz zu Unrecht», sagt Herbert Meier: «Es gibt schon Berufskollegen, die haben keine Ahnung von Büro.» Das gilt für den ehemaligen Schulpflegepräsidenten und amtierenden Gemeinderat in Muri, zu dessen Verantwortungsbereich nebst Bildung, Kultur und Sport auch Natur und Landwirtschaft gehören, sicher nicht. Auch wenn er vor drei Jahren eher zufällig zu seinem neuen Betriebszweig gekommen ist. «Mein Know-how bei Kühen ist grösser», gibt er unumwunden zu.
Zusätzlicher Betriebszweig
2018 konnte Herbert Meier seinen Hof auf dem Aettenberg in Muri kaufen. Den schon seit 20 Jahren bestehenden Mietvertrag mit der Firma, die hier eine Kaninchenmast betrieb, liess er weiterlaufen, bis diese 2023 die Geschäftstätigkeit aufgab. Dies, nachdem sie erst ein Jahr zuvor noch in die Automatisierung der Fütterung investiert hatte. Meier beschloss, das Wagnis einzugehen und die Kaninchenhaltung als zusätzlichen Betriebszweig zu übernehmen. Nicht zuletzt auch deshalb, weil sich die Arbeit hier flexibel einteilen lässt: «Ob ich um acht oder um zehn Uhr zu ihnen komme, macht keinen Unterschied.»
Morgens dauert es rund eine Stunde, die Tränken zu füllen und für Heu-Nachschub zu sorgen. Abends kommt eine weitere Viertelstunde dazu und nachts mache er jeweils noch einen Kontrollgang durch den ganzen Betrieb, so Meier. Dabei sei er auch schon auf eine offene Hintertür gestossen. «Das wäre verheerend», ist ihm bewusst. Von seinem Vorgänger hat er gehört, dass ein Marder mal in einer einzigen Nacht 70 Kaninchen getötet habe.
Freude allein reicht nicht
«Zu sehen, wie sie im Stroh rumhoppeln, das macht mir Freude», sagt der Gemeinderat über seine mehrheitlich weissen, aber auch braunen Kaninchen. Und nicht nur ihm. Immer mal wieder gibt er ein Tier an eine Familie mit Kind ab. Und auch die Lehrlinge freunden sich manchmal mit einem bestimmten Kaninchen an. «Eines der Tiere wartete tatsächlich jedes Mal, bis es unser Tessiner Lehrling auf den Arm nahm.» Dieser und ein weiterer «Chüngel» durften zum Abschluss der Lehrzeit mit ins Maggiatal. Ein anderer Lernender aus dem Wynental nahm gleich vier Stück mit. «Die sind sicher erst an Altersschwäche gestorben», ist Meier überzeugt. Anderen Lernenden hat er in einer Nebennische einen Zuchtversuch ermöglicht: «Ich bin offen für das.» Selber hat er auch schon Verschiedenes unternommen, um die Haltungsbedingungen zu verbessern.
Als Leiter eines landwirtschaftlichen Betriebs muss er aber auch auf die Wirtschaftlichkeit achten. Und die hat er bisher gewissenhaft jeden Frühling geprüft. «Auch wenn mich das jedes Mal einen halben Tag kostet.» Die Marge ist eng, der Druck von Billigfleisch aus dem Ausland gross. «Ich weiss nicht, ob ich das in zwei Jahren noch mache», spricht Meier angesichts der ungewissen Rahmenbedingungen in diesem Nischenmarkt Klartext.
Hauptzweig seines Betriebs sind und bleiben die Kühe. 63 sind es insgesamt. Die Milch findet unter anderem in der Pflegi Muri und der Bäckerei Kreyenbühl Verwendung. Besonders stolz ist der Meisterlandwirt darauf, dass in der Delikatessenabteilung von Globus an der Zürcher Bahnhofstrasse Produkte exklusiv mit Meier-Milch aus Muri erhältlich sind. Derweil ist für seine Frau Sibylle der Pensionsstall für elf Pferde ein Herzensprojekt.
Bewusste «Unterbelegung»
Doch zurück zu den Kaninchen: Die beiden Hallen, in denen der Landwirt diese hält, sind in 63 je rund sieben Quadratmeter grosse Buchten unterteilt. Darin leben je etwa 30 Kaninchen. Gemäss hiesiger Vorschrift dürften es fast 50 sein. «Ich habe das Gefühl, das passt ihnen so besser», sagt Meier zur «Unterbelegung». Im Gegensatz zu ausländischen Grossproduktionen haben die «Chüngel» bei ihm nicht nur mehr Platz, sondern auch Stroh, Nage-Objekte sowie verschiedene Ebenen mit Rückzugsmöglichkeiten. «Nachts sind die oberen Plätze sehr gefragt», weiss der Kaninchenhalter aus Erfahrung.
Die Kaninchen gehören der Rasse Zimmermann (ZiKa) an. Wenn sie nach Muri kommen, sind sie etwas über einen Monat alt und wiegen um die 800 Gramm. «Die sind so klein und herzig», beschreibt Meier und erzählt, wie sich die Kaninchen erst verstecken «Die sind tiefenentspannt, wenn ich neben ihnen stehe», sagt er und deutet auf ein liegendes Kaninchen.
Verkauf bei Coop
Gut zwei Monate bleiben sie auf dem Aettenberg. Das Mastziel sind rund drei Kilogramm Lebendgewicht. Dann folgt die «Ausstallung»: Für den Lebendtransport in die Metzgerei nach Lupfig müssen die Tiere zu zweit eingefangen und von einer dritten Person in Hühnerkisten verpackt werden. «Ich bin nicht der Mann, der die Tiere selbst schlachtet», stellt Meier klar. Das Fleisch landet anschliessend in den Regalen von Coop. «Wenn man dort Kaninchenfleisch kauft, ist die Chance hoch, dass das Tier bei uns war», so Meier. Schweizweit gebe es gerade mal zwei, drei andere mit vergleichbar vielen Kaninchen.
Bevor die neuen Jungtiere einziehen, wird systematisch ausgemistet, geputzt und desinfiziert. «Da sind wir gut und gerne eine Woche dran.» Wenn dann gleichzeitig noch das Heu eingebracht werden muss, ist Meier froh um die Unterstützung der fleissigen Nachbarn polnischer Herkunft: «Wenn ich einen anrufe, kommen gleich drei», veranschaulicht er deren Arbeitseifer. Und da weiss er, wovon er spricht, schliesslich hat sich Meier neben seinem beruflichen und politischen Engagement unter anderem im Verwaltungsrat der Landi, in der Feuerwehr und der Fasnachtsgesellschaft verdient gemacht. Von wegen «Chüngeli-Puur» …


