Null Fantasie mit der Altersgrenze
17.01.2025 Region Oberfreiamt15. Altersforum der Repla Oberes Freiamt mit Referat von Ludwig Hasler
Die Arbeitsgruppe Alter des Regionalplanungsverbands Oberes Freiamt (Repla), lud zum 15. Altersforum nach Sins. Präsident Hans-Peter Budmiger begrüsse rund 60 Gäste von Gemeinden und ...
15. Altersforum der Repla Oberes Freiamt mit Referat von Ludwig Hasler
Die Arbeitsgruppe Alter des Regionalplanungsverbands Oberes Freiamt (Repla), lud zum 15. Altersforum nach Sins. Präsident Hans-Peter Budmiger begrüsse rund 60 Gäste von Gemeinden und pflegenden Betrieben der Region. Der Zürcher Philosoph und Publizist Ludwig Hasler referierte zum Thema: «Für ein Alter, das noch was vorhat».
Verena Anna Wigger
«Gottlob sind die meisten älteren Menschen gesund.» Mit diesem Zitat eröffnet Ludwig Hasler, sein Referat und dementiert dies gleich selbst. «Das halte ich für eine Täuschung.» Er kann da aus eigener Erfahrung berichten. Unlängst hielt er einen Vortrag am Unispital in Zürich. Dabei traf er auf Ärzte aus verschiedenen Abteilungen, die ihn selbst seit Jahren betreuen. Scherzhaft erzählt er, wie sein Urologe meinte: «In Kleidung sehen sie noch ganz passabel aus.» Aus seiner Erfahrung leben wir einfach gesund, dank der medizinischen Betreuung. «Die meisten alten Menschen sind ungefähr 12 Jahre krank, bevor sie sterben», erklärt der heute 80 Jahre alte ehemalige Journalist. Warum dies so ist, erklärt er anhand der Tatsache, was Alter früher war, heute ist und in Zukunft sein wird.
Vorfahren hatten ein härteres Leben
Mit 60 Jahren seien seine Eltern damals alt gewesen. Denn sie hätten das ganze Leben hart gearbeitet und würden heute zur Gruppe der Bildungsfernen gezählt. Dazu waren sie eine Schar von sechs Kindern. Dafür seien Menschen ihres Standes sozial besser eingebettet gewesen. Nach ihrer Pension hätten sie weitergearbeitet, einfach so viel, wie sie es sich noch zugemutet hätten, und ihre Erfahrungen so weitergegeben. Damit seien sie auch weiter ein aktives Mitglied der Gesellschaft gewesen. Damals war das Alter noch so etwas wie der Übergang ins «Walhalla» oder eine andere Form des Lebens und die Vorbereitung darauf. Allein sei man nie gewesen, denn man habe eine spirituelle Zugehörigkeit gelebt.
Nach dem unmenschlichen Druck unbeschadet in Pension
Zum Alter in der heutigen Zeit erzählt Hasler die vielbeschworene Aussage, welch unmenschlicher Druck heute in der Arbeitswelt besteht. «Dafür kommen wir relativ unbeschadet raus, was früher nicht so war», so Hasler. «Damals gab es kein warmes Wasser, keine Heizung, keine Waschmaschine, man musste selbst nähen.» Dafür seien die Menschen im heutigen Alter sozial schlechter eingebettet. Man falle eher in Löcher und es sei ein Leiden, verbunden mit Schmerzen. Pensionäre werden zu Passivmitgliedern der Gesellschaft und verlieren ein Stück ihres Selbstbewusstseins. Was früher als tendenziell kurz und hart bezeichnet wurde, sei heute lang und weich. Er ist sich sicher, heute sind wir inhaltlich etwas verlegen. Denn reisen, geniessen und fitten erfülle nicht auf die Dauer. Dabei gehe der Traum weiter, dass Menschen heute schon 150 Jahre alt werden können. Doch wer finanziert das? Der Ton der jungen Menschen zum Alter werde härter. Fragen wie «Warum sind sie da, hat das einen Sinn?», stehen genauso im Raum wie, dass ältere Menschen die Gesundheitskosten, welche sie generieren, selbst tragen sollen. Dabei habe er bei einem Besuch bei Novartis von Plänen gehört, dass Menschen bis 500 Jahre leben sollen. Für Hasler hat das überlange Leben keinen Anreiz: «Ich werde etwas haben, woran ich sterbe.»
Sich engagieren für andere ist besser als Reisen
Er, der mitten in diesem Alter steckt, ist sich sicher. Das Alter heute sei etwas radikal Neues. «Wir sollten unsere privaten und öffentlichen Einstellungen revidieren. Reisen, geniessen und fitten reicht nicht.» Dies sei Mittel zum Zweck, aber nicht geeignet, im Alter gut durchzukommen. Wir hätten uns in der Schweiz dran gewöhnt: «Wenn wir Zeit haben, dann hauen wir ab.» Irgendwann hört das auf und man sei allein. Er erzählt die Geschichte von drei Bekannten, die zusammen eine Quartierbeiz eröffnet haben und diese führen. Sie alle seien Mitte Siebzig und werden sicherlich nie einsam sein. Sich nützlich zu machen für andere, dies sei nichts fabulöses, sondern ein einfaches Rezept. Aus der Arbeit für andere resultiere ein Bewusstsein von: «Ich habe eine Bedeutung, auch für andere, nicht nur für mich.» Darin sieht er die Chance, im vierten Teil des Alters nicht einfach abgehängt zu werden. Der Kern dafür seien die Beziehungen, welche im dritten Teil des Alters, wie er es nennt, gepflegt werden. Es nur schön zu haben, genüge nicht, die Einsamkeit sei kein Naturereignis. Wenn in der Gesellschaft heute Jobs für Arbeitnehmer ab 55 modifiziert würden, damit diese ihre Erfahrungen einbringen und bis 75 zum Beispiel als Seniorpartner tätig sind, würde die ganze Gesellschaft davon profitieren. «Doch wir haben im Moment noch null Fantasie zu unserer Altersgrenze.» Denn Erfahrungen kann man nicht erwerben, man muss sie machen. Dafür plädiert der Zürcher Publizist. Damit das Konzert zwischen Jung und Alt lebendiger wird. «Denn wir Menschen sind keine Weltenbummler, sondern Weltengestalter.»


