Natur und Handwerkskunst
25.04.2025 WohlenDas Material verbindet – weltweit
Schweizer Strohmuseum: Neue Sonderausstellung dreht sich um Handbesen und Überraschendes
Einst war der Handbesen unverzichtbar, mittlerweile ist er in Vergessenheit ...
Das Material verbindet – weltweit
Schweizer Strohmuseum: Neue Sonderausstellung dreht sich um Handbesen und Überraschendes
Einst war der Handbesen unverzichtbar, mittlerweile ist er in Vergessenheit geraten. Im Strohmuseum wird ihm nun viel Aufmerksamkeit geschenkt.
Daniel Marti
Ab ins Besengebiet. Das kann auch einen Besuch im Schweizer Strohmusem bedeuten. Denn die neue Sonderausstellung widmet sich dem einstigen Alltagshelfer, dem Grashandbesen. Die beiden Designerinnen Margrit Linder, sie lebt in Meisterschwanden, und Flavia Brändle, aufgewachsen im Toggenburg, setzen sich seit Jahren mit diesem in Vergessenheit geratenen Kulturgut auseinander. Und sie haben eine Ausstellung kreiert, die in der Schweiz einmalig ist. Eine Schweizer Premiere rund um den Besen, geflochten aus Pfeifengras. Die Sonderausstellung glänzt auch mit Vielfalt. Zwei Techniken und Dokumentarfilme von Margrit Linder sowie die Bedeutung der Feuchtwiesen werden gezeigt. In der Schweiz wie auch im Ausland werden erstaunlicherweise die gleichen zwei Techniken angewandt.
Und es werden im Schweizer Strohmuseum Handbesen aus der ganzen Welt gezeigt. Aus Indien, Mexiko, Spanien, Italien, Zypern, aus den USA und von den Fidschi-Inseln. «Und das gleiche Material verbindet sie alle», erklärt Flavia Brändle. Der älteste Besen stammt übrigens von der Seidenstrasse in China und ist 1300 Jahre alt. Dieses Exemplar weilt zurzeit in einem britischen Museum.
Am kommenden Sonntag, 11.30 Uhr, ist Vernissage im Schweizer Strohmuseum. Und Museumsleiterin Petra Giezendanner ist voller Vorfreude: «Das ist eine schöne Sonderausstellung. Sie bietet spezielle Zugänge und zieht hoffentlich ein unterschiedliches Publikum an.»
Schweizer Strohmuseum: Vernissage zur Sonderausstellung «Im Besengebiet» übermorgen Sonntag, 11.30 Uhr
Eine «Hommage an den Handbesen» gibt es im Schweizer Strohmuseum zu bestaunen. Und dahinter steckt viel mehr, als man vermuten könnte. Die beiden Designerinnen Margrit Linder und Flavia Brändle präsentieren eine Premiere, die sogar weltweit nach Vergleichen sucht.
Daniel Marti
«Im Besengebiet». Eine Sonderausstellung im Schweizer Strohmuseum. Auf den ersten Blick klingt das brav, sachlich und schön bescheiden. Welche Bedeutung hat heutzutage schon ein Besen? Sogar ein Grashandbesen, ein Geflecht? Ein Utensil, das längst vom Staubsauger verdrängt wurde.
Aber «Im Besengebiet», eine «Hommage an den Handbesen», hat eine viel grössere Bedeutung als einen reinen Blick auf die Vergangenheit und auf jene Zeit, als der Besen rund ums Küchenfeuer grosse Tradition hatte.
Grosse Vielfalt wird beleuchtet
Vor einigen Jahrzehnten war der Grashandbesen noch ein unverzichtbarer Gebrauchsgegenstand in vielen ländlichen Regionen der Schweiz. Nicht nur in der Küche – seine Vielseitigkeit machte ihn zu einem wichtigen Helfer im Alltag. Die neue Sonderausstellung im Schweizer Strohmusem bietet deshalb eine grosse Vielfalt. «Nicht nur ein grosses Gebiet, sondern Geografie, Geschichte und Bewirtschaftung werden beleuchtet», sagt Designerin Margrit Linder. Der Handbesen sei ein Objekt, das in jüngster Zeit vernachlässigt wurde, aber die Technik der Anfertigung und die Ästhetik seien schon interessant, erklärt sie noch.
Der Handbesen, gefertigt aus Pfeifengras, wurde traditionellerweise von Frauen geerntet und verarbeitet. Material und Arbeiten von Frauen – das sind Parallelen zur Strohindustrie und zur Dauerausstellung im Schweizer
Strohmuseum. Da liegt es auf der Hand, dass Museumsleiterin Petra Giezendanner den Kontakt zu Margrit Linder suchte und umgekehrt. Das war vor vier Jahren. «Das ist eine interessante Frau, die spannende Sachen macht»,
fand damals die Museumsleiterin. Sie sind in Kontakt geblieben. Das Resultat davon ist nun «Im Besengebiet». Und weil Flavia Brändle sich wie Margrit Linder ebenfalls seit Jahren für die Bewahrung des Kulturguts einsetzt, war der Schritt zur gemeinsamen Arbeit im Strohmuseum nicht mehr weit. Linder
realisierte zudem drei Dokumentarfilme zum Thema Besen. Einer davon über das Wirken von Flavia Brändle.
Der weltweit älteste Besen ist 1300 Jahre alt
In der Ausstellung «Im Besengebiet» präsentieren sie die Ergebnisse ihrer Recherchen. Gleichzeitig wird die enge Verbindung zwischen Natur und Handwerkskunst erlebbar gemacht. Die Recherchen führten zu etlichen Kontakten in der ganzen Deutschschweiz. Und letztlich kristallisieren sich zwei kunstvolle Flechttechniken für die Herstellung der Besen heraus. Besen wurden als Reihe aufgerollt und spiralförmig gebunden. Oder sie wurden als Büschel zusammengedreht. «Warum diese Techniken angewandt wurden, das wissen wir nicht», erklärt Linder. «Es wurde das gelernt, was Gefallen fand.» Während die Funde in der Schweiz auf die Jahre 1945 und 1950 zurückgehen, sieht der internationale Vergleich ganz anders aus. Der älteste bekannte Besen ist 1300 Jahre alt, gefunden auf der Seidenstrasse in einem Tempel in China. Aufgestöbert und in Sand gelagert wurde er vor rund hundert Jahren. Heute ist das rare Utensil in einem britischen Museum ausgestellt. «Interessant und erstaunlich ist, dass damals die gleichen Techniken angewandt wurden wie heute in der Schweiz», betont Flavia Brändle.
Dass die ältesten Handbesen in der Schweiz nur knapp 80 Jahre auf dem Buckel haben, ist dagegen weniger erstaunlich. Der Besen war und ist ein Verbrauchsgegenstand und landete früher nach ein, zwei Saisons oft im Feuer. Es gibt sie noch vereinzelt in
Museen, aber datiert sind diese Handbesen in der Regel nicht. An der Ausstellungswand der Sonderausstellung sind dennoch ganz viele Variationen zu bestaunen. «Da sieht man auch die Ästhetik solcher Handbesen», fügt Museumsleiterin Giezendanner an.
Hohe kulturelle Bedeutung samt Ästhetik
Ein Teil der neuen Sonderausstellung ist auch in Zusammenarbeit mit Pro Natura Aargau entstanden. Der Besen, geflochten aus Pfeifengras, das in Feuchtwiesen wächst, war über Generationen hinweg ein treuer Begleiter im Haushalt. Mittlerweile sind Pfeifengrasfeuchtwiesen geschützt, vor allem weil sie sehr sensibel sind. Diese Wiesen sind schweizweit auf dem Rückzug. Früher wurden diese Wiesen nur mit der «Sägesse» gemäht – und daraus sind dann die Besen entstanden. Mit dem Rückgang dieser Wiesen ist die Biomasse in den letzten rund 30 Jahren um 76 Prozent geschrumpft, oder nur noch 16 Prozent der einstigen Fläche der Feuchtwiesen sind heute noch vorhanden. Auch darum hat Pro Natura Aargau hier Hand geboten.
«Wir wollen auch auf die Ressourcen, die man brauchen kann, aufmerksam machen» sagt Flavia Brändle. Beispielsweise haben die beiden Designerinnen auch Architekten inspiriert, die dann das gleiche Material der Besen für Fassaden eingesetzt haben. «Als Isolation oder auch als Dekoration.» Ihre Forschungsarbeit soll eben auch die Nachhaltigkeit thematisieren. Die Designerinnen Flavia Brändle und Margrit Linder setzen sich also nicht nur für den Erhalt dieser Handwerkskunst ein. Sie laden dazu ein, die kulturelle Bedeutung und Ästhetik dieses besonderen Objekts neu zu entdecken.
«Im Besengebiet» ist also viel mehr, als man auf den ersten Blick vermutet. Es ist sogar eine Schweizer Premiere. Etwas Ähnliches habe es in der Schweiz bisher noch nicht gegeben, sagt Margrit Linder. Vergleiche müsse man schon im Ausland suchen – aber fündig wird man kaum. Welche Rarität im Schweizer Strohmuseum.


