«Mit Haut und Haar»
20.03.2026 KelleramtFokus auf das, was eint
Mauch tritt als Zürcher Stadtpräsidentin ab
17 Jahre. Es ist eine Ära, die Ende Mai zu Ende geht. Corine Mauch hat die Stadt Zürich geprägt. Sie ist eine Städterin geworden, ohne ihre ländliche ...
Fokus auf das, was eint
Mauch tritt als Zürcher Stadtpräsidentin ab
17 Jahre. Es ist eine Ära, die Ende Mai zu Ende geht. Corine Mauch hat die Stadt Zürich geprägt. Sie ist eine Städterin geworden, ohne ihre ländliche Herkunft zu vergessen. Denn Mauch ist unter anderem in Oberlunkhofen aufgewachsen. Sie ist überzeugt: «Stadt und Land sind nur zusammen stark. Wir ergänzen und brauchen einander gegenseitig.» --ake
Corine Mauch ist seit 17 Jahren Stadtpräsidentin in Zürich – aufgewachsen ist sie in Oberlunkhofen
Noch bis Ende Mai ist sie im Amt. Der erste Wahlgang um ihre Nachfolge als Stadtpräsidentin von Zürich ist aber bereits Geschichte. 17 Jahre lang hatte Corine Mauch das Amt für die SP inne. Sie spricht über diese Zeit und über ihre Kellerämter Heimat.
Annemarie Keusch
Zürich ist ein sehr teures Pflaster geworden zum Leben. Viele «Normale» ziehen in die Agglomeration, beispielsweise in das Freiamt oder in das Kelleramt. Hat der «Büezer» oder die «Büezerin» noch Platz in Zürich?
Corine Mauch: Der Büezer und die Büezerin sollen in Zürich Platz haben. Zürich soll eine Stadt für alle bleiben. Wir wollen vielfältige Quartiere. Es werden aktuell sehr viele Wohnungen in Zürich gebaut – aber zu wenige davon sind preisgünstig. In der Wohnpolitik bringt nicht ein einzelnes Instrument die Lösung. Und: Die Stadt Zürich kann das Wohnungsproblem nicht allein lösen: Wir brauchen seitens Bund und Kanton mehr Handlungsspielraum auf kommunaler Ebene, um gezielt lokal passende Massnahmen ergreifen zu können. Und es braucht die Zusammenarbeit mit allen, auch den privaten Akteuren, die beim Bauen und Vermieten von Wohnungen beteiligt sind. Es braucht ein gemeinsames Verständnis der Herausforderung und eine offene Diskussion, was getan werden soll und was getan werden kann.
Bei der Amtsübernahme 2009 zählte Zürich 380 000 Einwohner, jetzt sind es 452 000.
Ja. Zürich ist heute eine prosperierende, innovative und solidarische Stadt, in der die Zürcherinnen und Zürcher sehr gerne leben. Wir zeigen, dass Nachhaltigkeit und Wachstum keine Gegensätze sind. Unsere Investitionen zahlen sich aus: In eine gute Infrastruktur, in gute Dienstleistungen, in die Kultur, in das gute Zusammenleben.
Aber das Wachstum bringt auch Schwierigkeiten mit sich.
Seit 2015 entstanden mehr als 2000 zusätzliche Wohnungen im Eigentum der Stadt, die – wie diejenigen von Baugenossenschaften – gemeinnützig sind, also keine Rendite erwirtschaften müssen. Während meiner Amtszeit sind in der ganzen Stadt 30 000 neue Wohnungen entstanden. Es wird sehr viel gebaut. Aber zu wenige dieser Wohnungen sind preisgünstig. Da sind wir sehr gefordert. Mit der kürzlich vorgestellten neuen wohnpolitischen Strategie zeigen wir, wie wir in der Wohnpolitik noch einen Zacken zulegen wollen.
Und im Bereich Verkehr?
Wir haben in Zürich einen sehr guten und sehr erfolgreichen öffentlichen Verkehr. In ihn wollen wir weiter investieren. Grundsätzlich gilt: Der Platz in der Stadt ist begrenzt. Wir wollen die effizientesten und nachhaltigsten Verkehrsmittel fördern, also in erster Linie den ÖV. Davon profitieren am Schluss auch jene, die wirklich auf ein Auto angewiesen sind. Zum Beispiel das Gewerbe. Auch beim Velo machen wir vorwärts: Die Einweihung des «Stadttunnels» unter dem Hauptbahnhof war ein Meilenstein im letzten Jahr.
Fast die Hälfte der Leute, die in der Stadt Zürich leben, hat einen Migrationshintergrund. Ist das eine Chance oder schafft das Probleme?
Zürich und die Schweiz sind keine Insel. Der Austausch und die Offenheit sind enorm wichtig für uns – für Inspiration, Innovation, Lebensqualität und durchaus auch für unseren Wohlstand. Die Schotten dichtzumachen, ist keine Lösung. Das Thema Wachstumsgestaltung ist vielfältig und komplex. Wenn aus dieser Vielfältigkeit und Komplexität Kapital geschlagen wird, um die Migration schlechtzureden, dann biete ich keine Hand dazu. Zu sagen, dass bestimmte Menschen hier keinen Platz haben (seien es nun Geflüchtete oder Expats) passt genauso schlecht zu einer modernen Stadt wie ein entfesselter Steuerwettbewerb.
Zürich ist der Wirtschaftsmotor der Schweiz. Was ist daran Ihr Verdienst?
Unsere hohe Lebensqualität ist ein zentraler Grund, wieso Zürich für Unternehmen sehr attraktiv ist. Ich habe mich immer für ein Zürich eingesetzt, das allen Chancen bietet, das solidarisch und das stark und innovativ ist. Der Erfolg Zürichs ist auch Resultat guter Teamarbeit: Im Stadtrat, in der Verwaltung, in Partnerschaften mit anderen öffentlichen Institutionen und mit Privaten. Ich wünsche mir, dass Zürich weiterhin innovativ bleibt und ein Labor für neue Ideen ist.
Wie sieht Ihr Fazit aus zu 17 Jahren Regierungstätigkeit?
Ich war und bin sehr gerne Stadtpräsidentin. Ich mache diese Arbeit weiterhin sehr gern. Mittlerweile bin ich auch im Pensionsalter und nach 17 Jahren im Amt geniesse ich die Vorstellung, über meine Agenda künftig wieder freier bestimmen zu dürfen und neue, auch spontanere Freiheiten zu geniessen. Man ist mit Haut und Haar Stadtpräsidentin. Und jetzt kommt wieder eine andere Zeit, in der ich einfach Corine Mauch und nicht Stadtpräsidentin bin – und mehr Freiraum habe.
Wenn Sie könnten, was würden Sie anders machen?
Natürlich gibt es in 17 Jahren auch Dinge, die ich aus heutiger Perspektive anders anpacken würde. So habe ich zum Beispiel bei der künstlerisch herausragenden, aber historisch belasteten Sammlung Bührle im Kunsthaus zu spät reagiert. Heute sind wir da aber viel weiter und investieren viel in die weitere Forschung und eine angemessene Präsentation.
Haben Sie in jungen Jahren je von einer solchen Politkarriere geträumt?
Nicht unbedingt. Ich war lange in keiner Partei, aber trotzdem politisch engagiert. Ich habe Unterschriften gesammelt und an Demonstrationen teilgenommen. Politik hat mich interessiert, weil es in der Politik um Menschen geht, um unsere Gesellschaft, darum, wie wir zusammenleben und auf welche Werte wir uns verständigen: Sollen wir AKW bauen? Sollen wir die Natur ausbeuten? Sollen wir etwas gegen Ungerechtigkeit unternehmen? Sollen wir der Ungleichbehandlung von Frauen und Männern bloss zuschauen oder sollen wir etwas dagegen unternehmen? Zu diesen Fragen hatte ich immer klare Antworten.
Wie wichtig war das Elternhaus in Oberlunkhofen?
In meinem Elternhaus wurde viel über Politik gesprochen. Vor allem über Zukunftsthemen, Umweltschutz, Chancen und Risiken technologischer Entwicklungen und auch Gleichstellungsthemen.
Wie sehen Sie heute Ihre ehemalige Heimat, das Kelleramt? Pure Provinz?
Das Kelleramt gehört zu mir. Ich bin dankbar dafür, wie, wo und unter welchen Umständen ich aufwachsen durfte. Da war viel Natur und viel Freiheit. Das Kelleramt ist für mich keine Provinz. Klar, die Region ist weniger urban als Zürich. Aber Provinz hat einen negativen Beigeschmack, und das hat das Kelleramt nicht verdient. Heute bin ich Städterin. Aber ich habe weiterhin eine tiefe Affinität zur Natur, zum Land.
Wie stark kann das Kelleramt von der Stadt Zürich profitieren?
Es dauert ja nur etwa 40 Minuten, bis man zum Beispiel von Oberlunkhofen in Zürich ist und umgekehrt. Ich gehe davon aus, dass man auch vom Kelleramt nach Zürich kommt, um beispielsweise unser vielfältiges Kulturangebot zu geniessen. Ein Konzert in der Tonhalle, ein Besuch im Museum Rietberg oder ein Theater im Schauspielhaus zum Beispiel. Ansonsten finde ich, dass sich die beiden Regionen vor allem sehr gut ergänzen. Beides gehört zur Schweiz. Stadt und Land machen zusammen die Schweiz aus.
Gab es Momente, in denen Sie sich etwas mehr Kelleramt in Zürich gewünscht haben?
Ja, klar. Ich verbringe meine Ferien häufig im Grünen, in der Natur, in den Bergen. Ich liebe das Land. Doch ich bin eine Städterin geworden. Ich sehe aber auch immer wieder dass in der Stadt ebenfalls, viel von dem existiert, was man vielleicht eher als «ländlich» bezeichnen würde, etwa Gemeinschaft.
Worauf freuen Sie sich, wenn Sie es bald ruhiger angehen können?
Ich freue mich darauf, meine Agenda wieder mehr selbst bestimmen zu können. Ich möchte die unverplante Zeit auch mit Dingen füllen, die als Stadtpräsidentin zu kurz gekommen sind.
Welche Pläne haben Sie?
Mehr Musik, mehr Kultur, mehr in die Natur gehen, im Garten etwas machen. Gleichzeitig merke ich auch: Musizieren, Gartenpflege und Ausflüge in die Natur reichen mir nicht. Ich möchte weiterhin etwas bewegen und suche Aufgaben, die mich herausfordern. Was das sein wird, werden wir dann sehen.
Ist gar eine Rückkehr ins Kelleramt ein Thema?
Das Kelleramt gehört zu meiner Herkunft und das bleibt mir wichtig. Meine Mutter lebt im Kelleramt, das ist ein wichtiger Bezugspunkt. Eine Rückkehr dorthin plane ich aber nicht – mein Lebensmittelpunkt ist die Stadt Zürich.
Verfolgen Sie die Aktualitäten in Ihrer einstigen Heimat?
Das ist etwas, worauf ich mich freue, wenn ich nach der Amtszeit wieder mehr Zeit habe: ausführlicher Zeitung lesen – auch Regionales.
Themenwechsel. Als Fussballfan – wann bekommt Zürich ein neues Stadion?
Im Fussball würden wir sagen: Wir befinden uns tief in der Nachspielzeit. Grossprojekte brauchen immer viel Zeit. Das Volk hat das Stadion mehrfach bestätigt, aber es wird seit Jahren auf dem Rechtsweg blockiert. Bis jetzt haben wir vor den Gerichten immer Recht bekommen. Ich glaube weiterhin an das Stadion – aber wir müssen Geduld haben.
Themenwechsel zum Zweiten: Sie sind Doppelbürgerin (in den USA geboren). Was denken Sie über die aktuelle Situation rund um den US-Präsidenten Trump?
Meine US-Staatsbürgerschaft habe ich schon vor längerer Zeit abgegeben. Die Trump-Politik macht mir enorme Sorgen: die Angriffe auf Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, das Lügen, das toleriert und praktiziert wird. Neben der Missachtung von Demokratie, Respekt und Menschenrechten sind es auch die Frauenrechte, die unter Druck sind. Es besteht die Gefahr, dass Errungenschaften zerstört werden, für die viele Frauen viele Jahre lang gekämpft haben. Meinungsfreiheit ist wichtig, aber wenn, wie dies geschieht, gegen Frauen oder auch gegen queere Menschen gehetzt wird, wenn ihr Existenzrecht infrage gestellt wird, sind das keine Meinungen, dann ist das einfach Hass.
Persönlich
Corine Mauch wurde 1960 in den USA geboren. Später wuchs sie mit ihren zwei Brüdern in Oberlunkhofen auf. Ihre Mutter Ursula Mauch war SP-Nationalrätin des Kantons Aargau. Sie ist studierte Agrarökonomin und Sinologin und verfügt über einen Master in Politik- und Verwaltungswissenschaften. Mauch gehört seit 1990 der SP an. Ab 1999 war sie Mitglied des Gemeinderats von Zürich, 2009 kandidierte sie als Stadtpräsidentin und wurde im zweiten Wahlgang gewählt – notabene als erste Frau. --ake


