Mit Gaskraft überbrücken
20.09.2024 Merenschwand, Region OberfreiamtRegierungsrat Stephan Attiger referierte in Merenschwand über den Energiekanton und die Stromversorgung der Zukunft
Die Energiewende von fossil auf erneuerbar läuft in der Schweiz. Stephan Attiger, Vorsteher des kantonalen Departements Bau, Verkehr und Umwelt, ...
Regierungsrat Stephan Attiger referierte in Merenschwand über den Energiekanton und die Stromversorgung der Zukunft
Die Energiewende von fossil auf erneuerbar läuft in der Schweiz. Stephan Attiger, Vorsteher des kantonalen Departements Bau, Verkehr und Umwelt, thematisierte auf Einladung der Bezirks-FDP um Grossrat Stefan Huwyler die Lücken, die es in der Übergangsphase zu schliessen gilt.
Thomas Stöckli
Gut zwei Jahre ist es her, seit die Strompreise explodiert sind, aufgrund des Angriffskriegs der Russen in der Ukraine sowie weiterer ungünstiger Konstellationen, die Blackout-Ängste schürten. Mittlerweile hat sich das wieder eingependelt. Trotzdem: «Wir haben nicht zwei Jahre nach dem Problem hinter uns, sondern stehen erst am Anfang», warnte Regierungsrat Stephan Attiger, Vorsteher des Departements Bau, Verkehr und Umwelt (BVU), am öffentlichen Anlass der FDP Bezirk Muri in der Schreinerei/Parkett Käppeli in Merenschwand. Das Hauptproblem erwartet er in zehn Jahren.
Im Winter vom Ausland abhängig
Aktuell stammt mehr als die Hälfte des in der Schweiz produzierten Stroms aus Wasserkraft. Seien es Laufkraftwerke (24,3 %), wie jenes an der Reuss bei Bremgarten-Zufikon, oder Speicherkraftwerke (32,3 %), die Wasser in einem Stausee sammeln und bei Bedarf über Turbinen ablaufen lassen. Die Kernkraftwerke tragen gemäss der Schweizerischen Elektrizitätsstatistik von 2023 ihrerseits 32,4 Prozent bei. Ergänzt mit thermischen Kraftwerken und erneuerbaren Energien reicht das, um übers ganze Jahr gesehen 6,4 TWh Stromüberschuss zu exportieren. Das ist allerdings nur die halbe Rechnung: In den Wintermonaten ist die Schweiz auf Strom aus dem Ausland angewiesen, im Winter 2022/23 waren dies 3,6 TWh. Oder 3600 Millionen Kilowattstunden.
Dieser Wert wird sich durch die Dekarbonisierung und den Atomausstieg in den nächsten Jahren noch erhöhen. Bis 2030 rechnet Attiger mit einer Verdoppelung des Importbedarfs. Der fehlende Winterstrom kommt derzeit zu grossen Teilen von Atomkraftwerken in Frankreich. Und da ist die Bezugsmöglichkeit nicht unbegrenzt: «In einem kalten Winter brauchen die Franzosen den Strom selber», sagt Attiger und verweist auf die dort noch vielerorts üblichen ineffizienten Elektroheizungen.
Stabiles Netz und Speicher
«Wir schaffen den Solar- und Windkraftausbau nicht rechtzeitig», ist Attiger überzeugt. Erschwerend kommt hinzu, dass aktuell vor allem in Sonnenenergie investiert wird, die nicht rund um die Uhr zur Verfügung steht. «Bei der Nutzung von Windenergie kommen wir kaum vorwärts», sagt der BVU- Vorstand und auch die Geothermie sei – angesichts des Potenzials gerade im Aargau – noch zu wenig ein Thema.
Die grosse Herausforderung, wenn man Bandenergie durch Photovoltaik ersetzen will, liegt in der Netzstabilität. Und in der Speicherung. «Für Tag und Nacht bringen wir das hin», so Attiger. Auch ein paar Tage seien problemlos zu überbrücken. «Aber den Sommerüberschuss im Winter nutzen zu können, das schaffen wir nicht.»
Der Bundesrat will die Dekarbonisierung mit neuen Atomkraftwerken abfedern können. Attiger hält das aufgrund der Risiken und Kosten nicht für die beste Lösung. Stattdessen präferiert er ein Szenario mit Verlängerung der Laufzeiten der bestehenden Kernkraftwerke Leibstadt und Gösgen: «Mit jedem zusätzlichen Jahr gewinnen wir an Photovoltaik- und Windzuwachs.» Für die Winterlücken und Verbrauchsspitzen schweben ihm Gaskraftwerke vor. Allein für diesen Zweck seien allerdings keine rentablen Kraftwerke zu erstellen. Deshalb lasse sich die Lücke nur füllen, wenn der Bund sich beteilige.
Finanzierung neu regeln
Im Kleinen empfiehlt es sich derweil, den Eigenstrom zu optimieren. Will heissen: den selbst produzierten Strom möglichst auch vor Ort zu nutzen. Das lässt sich etwa mit einem Speicher als Ergänzung zur PV-Anlage erreichen. «Eigentlich wäre es sinnvoller, Speicher zu fördern statt Solarpanels», so Attiger.
Ermöglicht werden sollen künftig auch lokale Quartierlösungen, um das Stromnetz zu entlasten. Mittelfristig muss dann allerdings auch die Finanzierung der Netzinfrastruktur angegangen werden. Denn die wird durch die grösseren Schwankungen der dezentralen Stromproduktion aufwendiger und teurer, während durch Eigenproduktion der Netto-Netzbezug sinkt – und damit auch der zu entrichtende Netznutzungsbetrag.
Mit einem Stromverbrauch von 4,8 Terawattstunden (TWh) und einer Produktion von 18,3 TWh darf sich der Kanton Aargau zu Recht «Energiekanton» nennen. Trotzdem: «Die beste Kilowattstunde ist die nicht bezogene Kilowattstunde», betonte der BVU-Vorsteher zum Schluss seiner Ausführungen. So seien bauliche und betriebliche Massnahmen zur Einsparung von Energie voranzutreiben. Wie das geht, das lässt sich etwa mit der kantonalen Energieberatung im Einzelfall analysieren.
Als Vorzeigebeispiel erwähnte Attiger das Muri Energie Forum, welches nicht nur zur Sensibilisierung und Bewusstseinsbildung in Bezug auf den Umgang mit Energie beiträgt, sondern auch Möglichkeiten zur Steigerung der Energieeffizienz und zur Energieeinsparung aufzeigt, sowie zur Förderung, Verbreitung und Anwendung von erneuerbaren Energiequellen.