Mit ganz grossem Respekt
29.05.2026 Kelleramt, BaugewerbeDas grosse Miteinander
50 Jahre Reusstalsanierung gefeiert
Der eine ein bedingungsloser Kämpfer für den Naturschutz. Der andere jemand, der die Interessen der Landwirtschaft vehement vertritt. Erich Kessler und Walter Leuthard. Mehr als einmal ...
Das grosse Miteinander
50 Jahre Reusstalsanierung gefeiert
Der eine ein bedingungsloser Kämpfer für den Naturschutz. Der andere jemand, der die Interessen der Landwirtschaft vehement vertritt. Erich Kessler und Walter Leuthard. Mehr als einmal kreuzten sie verbal ihre Klingen. «Doch sie begegneten sich mit grossem Respekt, wurden Freunde. Das berührte mich immer sehr», sagt Richard Maurer. Er war langjähriger Leiter der Abteilung Landschaft und Gewässer im Kanton Aargau. Es ist eine von unzähligen Geschichten, die rund um die Sanierung des Reusstals geschrieben wurden.
Zig kleine Projekte umfasste das Jahrhundertprojekt. Acht Gemeinden waren betroffen. Entsprechend illuster ist die Gästeschar im Zieglerhaus in Rottenschwil – im Herzen der Stiftung Reusstal –, die dieses grosse Miteinander von damals feiert. --ake
Stolzer Blick zurück und Lehren und Herausforderungen für die Zukunft: 50 Jahre Reusstalsanierung
Ein Jahrhundertprojekt. Eine riesige Sache. Über vier Legislaturen hinweg entstand die Reusstalsanierung. Übersprungen wurden dabei ganz viele Hürden – die von Fischreihern gefressenen Amurfische sind nur ein Beispiel. 50 Jahre später löst das Projekt noch immer Applaus aus, aber auch Handlungsbedarf.
Annemarie Keusch
Ausgerechnet der Schulleiter verteilt keine Note. «Heisst nicht, dass ich ein Problem damit habe, mich zu entscheiden», betont Peter Hochuli. i. Er ist Gemeindeammann von Unterlunkhofen und auf seinem Stück Papier prangt ein grosses Fragezeichen. «Ein solches Generationenprojekt mit einer einzigen Zahl zu bewerten, das wäre vermessen», ist er überzeugt. Hochuli spricht von einer gewaltigen Leistung. An diesem Nachmittag und Abend beim Zieglerhaus in Rottenschwil wählen alle Anwesenden ähnliche Worte.
Auch Ralf Bucher, Grossrat und Geschäftsführer Bauernverband Aargau. Mit 50 Jahren Abstand benotet er die Reusstalsanierung mit einer glatten 6. «Ich darf von diesem Projekt profitieren.» Seine Eltern siedelten 1985 aus, im Gebiet Schoren – also ganz nahe der Reuss – betreibt er mittlerweile mit seiner Familie den Hof. Das Zusammenspiel von Naturvielfalt und Landwirtschaft begleite ihn schon sein ganzes Leben lang. Nur eine halbe Note schlechter bewertet Grossrätin und Präsidentin der Stiftung Reusstal, Karin Koch Wick, die Reusstalsanierung. «Ich habe grosse Hochachtung vor der damaligen Leistung.» Die Entscheide in der Projektleitung mussten einstimmig gefällt sein. Obwohl Vertreter gänzlich unterschiedlicher Meinungen Teil davon waren. «Ob das heute noch gehen würde? Ich zweifle.»
Schlechteste Note vom Kanton
Die Note 5 verteilt Marc Ritter, CEO der AEW Energie AG. Die Reusstalsanierung entstand damals in Zusammenhang mit dem Bau des Wasserkraftwerks Bremgarten-Zufikon. «Grösser und schneller geht immer», sein Kommentar dazu. Konkrete Ausbaupläne des Kraftwerkes, das 23 500 Haushalte mit Strom versorgt, gebe es aber aktuell keine. «Effizienz und damit Gigawattstunden mittels Ertüchtigung von Generatoren und Turbinen zu steigern, das ist ein Thema. Das wird aber nicht reichen, um den Bedarf an Strom zu decken.» Ritter spricht dabei nicht nur konkret über das Kraftwerk in Bremgarten, sondern ganz allgemein. Und überraschenderweise die schlechteste Benotung gibts von Nicolas Bircher, Co-Sektionsleiter der Abteilung Landschaft und Gewässer des Kantons Aargau. «Eine 4,5 ist nach wie vor eine gute Note», beschwichtigt dieser. Dennoch, er stellt die aktuellen Herausforderungen mehr ins Zentrum. Etwa können die Naturschutzgebiete nicht, wie viele meinen, sich selbst überlassen werden. «Es braucht künstlichen Unterhalt.» Den diffizilen Wasserhaushalt nennt Bircher zusätzlich. «Ein sensibles System, das im Wandel ist.»
Es zeigt eine von verschiedenen Herausforderungen, die aktuell sind. Die Mehrfachnutzung nennt Unterlunkhofens Ammann Peter Hochuli. «Die Gäste kommen in Scharen, das Miteinander ist nicht immer harmonisch.» Ralf Bucher, Geschäftsführer des Bauernverbands, nennt die Tatsache, dass für Hochwasserschutz die Dämme erhöht werden. «Damals erhielten die Landwirte, die Land abgaben, einen Gegenwert. Heute müssen wir nur noch geben, ohne etwas zu erhalten. Das macht es nicht einfacher.» Die Nachfrage von Moderator Reto Holzgang, ob denn schon vergessen sei, dass die Landwirte damals entwässerte Flächen zur Bewirtschaftung erhielten, dürfte dem einen oder anderen durch den Kopf gegangen sein.
Braucht Erlebnisse
Von den Herausforderungen, aber auch vom Vermächtnis der Reusstalsanierung spricht Regierungsrat und Landammann Stephan Attiger. Das Vermächtnis, dass zum Erfolg kommt, wer die Kräfte bündelt. «Wenn niemand den vollumfänglichen, aber alle einen Nutzen haben.» Es gelte das Bijou vor Ort weiterzupflegen, weiterhin alle Akteure einzubeziehen und so die aktuellen und kommenden Herausforderungen zu meistern. Attiger appelliert an die Kompromissbereitschaft. «Auch wenn der Freizeitdruck gewachsen ist. Das Reusstal muss für die Bevölkerung zugänglich und attraktiv bleiben, sonst trägt sie künftige Projekte nicht mit und befürwortet sie nicht.» Gleichzeitig sei es wichtig, Räume zu schaffen, wo der Schutz der Natur im Zentrum stehe. Besucherlenkung ist hier das Stichwort.
Stephan Attiger ist indes überzeugt, dass die Reusstalsanierung eine gute Referenz, eine gesunde Grundlage für weitere Projekte dieser Art im Kanton sei. Und der per Ende Jahr zurücktretende Regierungsrat ist überzeugt, dass es auch solche geben wird. «Ein solcher Naturschutz geniesst im Aargau einen hohen Stellenwert. Über alle Parteien hinweg.» Es sei und bleibe ein Dauerauftrag, in diesem Bereich dranzubleiben. «Die Reusstalsanierung ist und bleibt ein Lehrstück, das verpflichtet, es an die nächste Generation weiterzugeben.»
150 Funktionen mandatiert
Hans Peter Widmer, pensionierter Journalist, würdigt indes die Pioniere der Reusstalsanierung. Er hält fest: «Diese Sanierung, die von den 1950erbis 1980er-Jahre dauerte, war das grösste und komplexeste Werk, das der Aargau bis dannzumal in Angriff genommen hatte.» Dass es dafür viel Einsatz und viel Geld brauchte, liegt auf der Hand. 150 Funktionen waren mandatiert: Behörden und Verwaltungen, Projektpartner, Fachorganisationen. Auf einzelne geht Widmer tiefer ein. Erich Kessler zum Beispiel. «Er hätte den Titel Mister Reusstal verdient.» Als Experte in der Bundesverwaltung für zielgerichtete Naturschutzpolitik, als Vizepräsident der Stiftung Reusstal, als Mitglied der Projektleitung Reusstalsanierung, als Retter zusätzlicher Biotopflächen, als Organisator einer Exkursion in die Reussebene an der dritten europäischen Umweltministerkonferenz 1990.
Aber Widmer nennt auch anfänglich skeptische Bauern. Walter Leuthard zum Beispiel, Landwirt, Gemeindeammann von Merenschwand, Grossrat und Grossratspräsident. «Er hat zwecks Beschaffung von Realersatz mitgeholfen, Bauernbetriebe weiträumig umzusiedeln. Bis ins Waadtland», weiss Widmer. Hinzu kommen ganz viele weitere Persönlichkeiten – aus Politik, Gesellschaft, Behörden. «Drei Eigenschaften haben sie alle ausgezeichnet», fasst es Hans Peter Widmer zusammen, «Fachkompetenz, die Fähigkeit, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen und der Wille, zu konstruktiven Lösungen zu kommen.» Das Werk lobe seine Meister auch noch nach 50 Jahren.
Nein aus dem Freiamt
Diesen Aspekt stellt auch Richard Maurer, ehemaliger und langjähriger Leiter der Abteilung Landschaft und Gewässer des Kantons Aargau, ins Zentrum. Er spricht von einem Projekt, das den Kanton politisch und finanziell in Atem hielt. Von Dammbrüchen – der letzte 1953 –, die die Bevölkerung beschäftigten. «Der Ursprung der Reusstalsanierung.» Und er gibt Einblick in die Vielfalt dieses Projekts, das aus zig Teilprojekten in acht Gemeinden bestand. Von Landumlegungen über Hochwasserschutz und vier Pumpwerke bis zum Flachsee und Kanälen sowie Entwässerungen. «Es ist eine dornenvolle Geschichte», formuliert es Maurer. Diskussionen, Besprechungen, Augenscheine. Während die Landwirtschaft anfänglich zwei Hektaren Naturschutzgebiet wollte, schielten die Kontrahenten auf 250 Hektaren. Maurer erzählt vom langen Ringen, vom «Konklave auf der Lenzburg», wo die Grundlagen zum Reusstalgesetz entstanden, das 1969 von der Bevölkerung knapp angenommen wurde. «Von den Freiämtern indes nicht.»
Damit war der Weg aber noch nicht gänzlich geebnet. Maurer erwähnt die Vielfalt an verschiedenen Bewilligungsverfahren, den Hürdenlauf durch das Beschwerderecht. Über vier Legislaturen hinweg beschäftigte das Projekt. Diskutiert wurde über ganz vieles. Etwa über den Ausbaustandard der Kanäle. Weisse Amurfische wurden eingesetzt. «Auf bundesrätliche Bewilligung.» Kein wirklich aufschlussreicher Plan, denn einer nach dem anderen wurde zur Beute der Fischreiher. Anekdoten rund um dieses Jahrhundertprojekt gäbe es viele zu erzählen. Von den Dämmen, die damals eigentlich für ein Hochwasser, das sich statistisch alle 10 000 Jahre ereignet, gebaut wurden. «Und noch höher.» Aber beim Hochwasser 2005 wurden sie um 25 Zentimeter überschwemmt.
Illustre Gäste
An Herausforderungen mangelte es damals nicht. Und das ist heute nicht anders. Gleiches gilt für die Wichtigkeit des Projekts. Das zeigt der Aufmarsch an diesem späten Nachmittag. Pro Natura, das Bundesamt für Umwelt, kantonale Behörden, mit Doris Leuthard eine ehemalige Bundesrätin, viele einstige Mitstreiter der Stiftung Reusstal. Das freut natürlich Karin Koch Wick, aktuelle Stiftungsratspräsidentin. «Es soll ein Fest sein, das uns noch mehr verbindet und uns zeigt, was möglich ist. Trotz unterschiedlicher Meinungen, aber mit dem Verständnis, das gleiche Ziel zu verfolgen: den Erhalt der einzigartigen Reusslandschaft.»




