Fürs Leben gestählt
13.01.2026 Region Oberfreiamt, VereineSpannende Talkrunde zum Thema «Biss» am Agro-Träff des Freiämter Landwirtschaftsvereins
Auf der Bühne der Mehrzweckhalle Auw hat Adrian Krebs, ehemaliger Chefredaktor der «Bauernzeitung», seinen beiden Talk-Gästen, Bergbauer Samuel ...
Spannende Talkrunde zum Thema «Biss» am Agro-Träff des Freiämter Landwirtschaftsvereins
Auf der Bühne der Mehrzweckhalle Auw hat Adrian Krebs, ehemaliger Chefredaktor der «Bauernzeitung», seinen beiden Talk-Gästen, Bergbauer Samuel Senn und Eishockey-Legende Kevin Schläpfer, in zwei Stunden viel Interessantes entlockt.
Thomas Stöckli
Dass man den Gegner an die Bande «tätschen» dürfe, sei denn auch ein wichtiger Faktor gewesen, dass Schläpfer auf die Karte Eishockey setzte. Mit 14 sei er nämlich auch noch im Fussball in der Nachwuchsauswahl gewesen. Schliesslich sei die kleinere Anzahl an Spielern ein weiterer Faktor gewesen, der für Hockey sprach: «Ich wollte immer den Ball oder den Puck bekommen», sagt er. Bei fünf Feldspielern auf dem Feld ist die Chance deutlich höher als bei elf. Die Schlüsselposition als Center bot zudem die Möglichkeit, auf dem Eis Verantwortung zu übernehmen.
Hockey-Leidenschaft über alles
«Wenn Hockey-WM war, bin ich am Nachmittag nicht in die Schule gegangen», blickt Schläpfer auf seine Jugendjahre zurück. Der Lehrer habe dies akzeptiert: «Am nächsten Morgen hat er mich gefragt, was die Tschechoslowakei gemacht hat.» Als Gegenleistung gestaltete Jung-Schläpfer jeweils die Turnstunden: «Wir haben nur Fussball und Unihockey gespielt. Wenn wir einen Felgenaufschwung machen sollten, sah unsere Klasse alt aus», blickt er zurück und lacht.
Sein Lachen ist in diesem Talk häufig zu hören: «Ich stand immer auf der Sonnenseite des Lebens», hält Schläpfer fest. Er habe nie getrunken und nie geraucht, hält der «Hockeygott» fest. «Mein Vater hat immer schon gesagt: ‹Lasst die Finger davon, das nimmt euch nur Energie weg.›»
Seine Lehre als Maler durfte Schläpfer erst abbrechen, als ein grosszügiges Angebot des HC Lugano vorlag. Des «Grande Lugano», wie der Club in den 1980er-Jahren genannt wurde, nicht zuletzt auch aufgrund seiner finanziellen Möglichkeiten. Im zweiten Jahr wurde Schläpfer mit dem Team erstmals Schweizer Meister. Mindestens genauso eingeprägt hat sich allerdings die Erfahrung, wie das Team mit dem Privatjet zum Match nach Bern reiste, wo es eine 0:5-Klatsche absetzte. «Beim nächsten Mal mussten wir dann wieder den Car nehmen.»
Eindrücklich sei es für ihn als 18-Jährigen gewesen, zu sehen, wie seine grossen Vorbilder nach entscheidenden Niederlagen weinend in der Ecke sassen. «Niederlagen beschäftigen einen viel länger als Meistertitel», so seine Erkenntnis. Wer es ganz nach oben schaffen wolle, tue entsprechend alles dafür, nicht zu verlieren. Das zeige sich bei ihm selbst im Spiel mit der Familie.
Sportchef und Trainer
2006 hängte der «Hockeygott» seine Schlittschuhe an den sprichwörtlichen Nagel: «Nach 20 Jahren als Spieler haben die Knochen nicht mehr mitgemacht.» Knieprobleme hat er bis heute. Als Glücksfall erwies sich das Jobangebot von Biel als Sport- und Nachwuchschef. Als solcher war es unter anderem seine Aufgabe, das Team zusammenzustellen und für die Neuzuzüge ein passendes Umfeld zu schaffen. «Wer fühlt sich in städtischer Umgebung wohler und wer auf dem Land?», nennt Schläpfer ein wichtiges Kriterium. «Wer sich wohlfühlt, spielt auch besser.»
Als Sportchef hatte Schläpfer 2008 grossen Anteil, dass der EHC Biel in die NLA aufstieg. In den Folgejahren sprang er zweimal in extremis als Interimstrainer ein, um den Ligaerhalt zu sichern. «Hätte ich damals verloren, wäre meine Karriere beendet gewesen», ist er sich bewusst. «Dann wäre ich jetzt da draussen die Fassade am Streichen», scherzt er in Anlehnung an seine abgebrochene Berufslehre.
Um die Doppelfunktion loszuwerden, wechselte Schläpfer danach ganz auf die Trainerbank. Die entsprechenden Diplome, die allerdings im Schweizer Profihockey keine Voraussetzung sind, hat er sich schon zu seiner Spielerzeit bei Biel in Magglingen erarbeitet. Es folgten weitere Engagements beim EHC Kloten und beim SC Langenthal. Aktuell ist Schläpfer als Sportchef beim EHC Basel tätig. «Rückblickend kann ich zu jeder Station sagen: ‹Läck, war das eine gute Zeit.›», so Schläpfer. Sogar in Langenthal, wo er bei seinem Wechsel als «der Basler mit der grossen Schnurre und dem Porsche» tituliert wurde. Ein wichtiger Faktor, denn: «Phasen, in denen es gut läuft, tun der ganzen Familie gut.»
Abenteuerlicher Quereinstieg
«Beide haben mit viel Biss Grosses erreicht», hat Christoph Meier vor der Talkrunde angekündigt. Vor Kevin Schläpfer teilte nämlich Bergbauer Samuel Senn, 48, seine eigene «Biss»-Geschichte. Sie beginnt bei den Eltern, die 1986 mit Sack und Pack ins Tessin zogen, um als Quereinsteiger einen Bergbauernbetrieb in einem Nebental der Maggia aufzubauen. Mit drei Stallruinen und 20 Hektaren Land, alles sehr steil und seit 20 Jahren nicht mehr bewirtschaftet. «Zuerst bestand das Heu mehr aus Kraut», veranschaulichte Samuel Senn.
Mit Strom und fliessendem Wasser war die Parzelle westlich von Cimalmotto, zuhinterst im Valle di Campo, nicht erschlossen. Im Sommer wohnte die achtköpfige Familie die ersten zwei Jahre in Tippi-Zelten, im Winter im alten Pfarrhaus. Als erster Eigenbau entstand ein Küchen-Unterstand mit Feuerofen. Später folgte ein eigentliches Ökonomiegebäude mit einem einzigen Wohnraum für acht Personen. Freiwilligenprojekte ermöglichten eine Wasserleitung, Sonnen- und Wasserenergie wurden in ausgedienten Tram-Batterien gespeichert.
«Wir haben versucht, möglichst alles selbst zu machen», blickt Samuel Senn zurück. Das fehlende Know-how für den Aufbau und den Betrieb holte man sich als Ausbildungsprojekt für Zimmerleute oder in Zusammenarbeit mit einem Käsermeister dazu. Unterstützung erhielt die Familie durch Schwarmfinanzierung und freiwillige Helfer und Helferinnen: Als solche entdeckte Ilona Kauter die «Munt la Reita» für sich: «Das ist ein Ort mit ganz viel Herz», erzählt sie. Als 15-Jährige hat sie dort erstmals ein Praktikum gemacht – und kam immer wieder. Mittlerweile steht sie dem Bergbauern als Partnerin zur Seite.
Heu-Ferien im Sommer
Samuel Senn beschreibt seine Kindheit als strenge Zeit. Die Familie habe zusammengehalten, weil es um ihre Existenz ging. Darum, der Sprachbarriere, den behördlichen Widerständen, den Vorbehalten ihnen gegnüber zu trotzen. Der Schulweg bis Bosco/Gurin dauerte eine halbe Stunde, nach Cevio waren die Kinder dann eine Stunde mit dem ÖV unterwegs. «Zeit für die Hausaufgaben und um auf Prüfungen zu lernen», sagt Samuel Senn. Wenn das nicht reichte, habe er mit dem abendlichen Melken immer eine gute Ausrede gehabt, sagt er und lacht. Bis 2009 wurden die zwölf bis vierzehn Kühe jeweils von Hand gemolken. Unmittelbar vor der Jahrtausendwende schloss Senn die Bauernschule mit der LAP ab. Dann hängte er eine Zweitausbildung als Elektriker an und arbeitete bis 2008 in der Stadt Zürich, wobei er den Sommer hindurch unbezahlten Urlaub nahm, um zu Hause beim Heuen zu helfen. 2018 hat er dann den elterlichen Betrieb übernommen – nach zwei Jahren Bedenkzeit.
Als Tochter einer Künstlerfamilie ist Ilona Kauter ganz anders aufgewachsen. Das strenge, aber auch feinfühlige Leben in der Natur hat sie trotzdem gepackt. Die kreative Seite lebt sie beim Feuertanz aus. Gemeinsam betreiben sie nebst dem Bergbauernhof mit mittlerweile 50 Hektaren Land auch noch einen Agro-Tourismus-Betrieb. «Im Sommer sind wir jeweils fast ausgebucht», so Samuel Senn. Beim Betrieb, Unterhalt und der Weiterentwicklung unterstützen Landwirtschaftspraktikanten sowie freiwillige Helferinnen und Helfer.
Positive Einstellung
Gemeinsam ist den beiden Referenten die Lebenseinstellung, der Fokus aufs Positive. Die entbehrungsreiche Kindheit als Fremdsprachiger mit Stallgeruch in den Tessiner Bergen könnte als Begründung für eine gescheiterte Existenz dienen. Samuel Senn hat daraus Kraft geschöpft und seine persönliche Erfolgsgeschichte geschrieben. Kevin Schläpfer hat die Schattenseiten seines Sports kennengelernt und sich doch mit Charisma und Leidenschaft immer wieder einen Platz an der Sonne erkämpft. Biss haben sie auf jeden Fall beide bewiesen.
Verein auf Kurs
Zum zweiten Mal nach 2024 hat der Freiämter Landwirtschaftsverein seine Generalversammlung im Rahmen des Agro-Träffs durchgeführt. In seinem Rücklick liess Präsident Christoph Meier unter anderem die Sinser Gewerbeausstellung (SIGA) 2025 Revue passieren. Im Namen des OK übermittelte Jakob Sidler, Gemeindeammann von Sins, seinen Dank an die Mitwirkenden.
Kassier Roman Keusch berichtete über den Stand der Vereinskasse. Über die letzten zwei Jahre ist dort ein Minus von 1000 Franken zu verzeichnen. Als «nicht besorgniserregen» ordnet er dies ein und bekommt von Rechnungsprüfern Rückendeckung: Im Revisorenbericht ist die Rede von einer «gesunden finanziellen Basis», resultierte über die Jahre von 2021 bis 2024 gesehen doch ein Plus von 2536 Franken. Wobei der Verein ohne Mitgliedergebühren auskommt.
Lobende Worte gab es auch von Christoph Hagenbuch, Grossrat aus Oberlunkhofen und Präsident des kantonalen Bauernverbands: «Der Freiämter Landwirtschaftsverein ist ein besonders aktiver, besonders gut vernetzter und besonders engagerter Verein», hielt er fest. --tst

