«Fehler dürfen passieren»
14.03.2025 Fussball, SportAus Liebe zum Fussball
Porträt über Spitzenschiedsrichter Fedayi San
Er ist in dieser Woche im Dauerstress. Am Dienstag war Fedayi San als VAR (Video Assistant Referee) beim Champions-League-Spiel zwischen Inter Mailand und Feyenoord Rotterdam im Einsatz. Gestern Donnerstag – also zwei Tage später – war er in derselben Funktion bei der Europa-League-Partie zwischen Athletic Bilbao und der AS Rom tätig. «Es macht Spass. Ich liebe den Fussball», sagt San, der für den FC Tägerig pfeift und bald mit seiner Familie im Freiamt wohnt. Beim Treffen wird klar, dass er nicht nur ein Spitzenschiedsrichter ist, sondern auch als Mensch grosse Klasse hat. --spr
Der Freiämter Fedayi San ist einer der erfahrensten Schiedsrichter der Schweiz – und in einer Doppelrolle
Als VAR ist er bei Champions-League-Spielen dabei. Als Schiedsrichter überzeugt Fedayi San auf nationaler Ebene. Der 42-Jährige pfeift für den FC Tägerig und wohnt bald im Freiamt. Ein Treffen mit einem angenehmen Menschen, der auch in unangenehmen Situationen den Überblick behält.
Stefan Sprenger
Seine Frau Jennifer kommt ins Café und überrascht ihren Mann. Sie hat zwei der drei Söhne dabei. Sie stürzen sie gleich auf Papa Fedayi San. Sie umarmen ihn und brabbeln los. Fedayi San hat ein zufriedenes Lachen im Gesicht und meint: «Ganz ruhig, einer nach dem anderen.» Jene durchdachte Art, jene Ruhe und Ausstrahlung ist es auch, die ihn an die Schiedsrichter-Spitze befördert hat.
Umzug ins Oberfreiamt
Fedayi San ist ein umgänglicher Mensch. Er präsentiert sich aber nicht gerne in den Medien. «Ich bevorzuge es, nicht im Mittelpunkt zu stehen», sagt er schmunzelnd. Aber er nimmt sich Zeit und erzählt seinen Weg an die Weltspitze. San lebt in Birmenstorf – gleich an der Grenze zum Freiamt. Doch er zügelt mit seiner fünfköpfigen Familie bald in eine kleine Oberfreiämter Gemeinde. Er stammt ursprünglich aus Windisch, spielt dort Fussball und macht im Jahr 2000 die Grundausbildung zum Schiedsrichter. «Ich war als Fussballer unbegabt», sagt er.
Aufstiegsspiele in Bremgarten
In jener Zeit ist er oft in den regionalen Ligen des Kantons Aargau unterwegs. «In Bremgarten erlebte ich tolle Spiele, leitete dort gar Aufstiegsspiele. Daran kann ich mich noch sehr gut erinnern», erzählt er. Überhaupt kennt er die Fussballteams im Freiamt bestens. «Ich habe wohl schon jedes Team mehrfach gepfiffen. Ohne diese Spiele wäre ich nicht hier, wo ich heute bin. Ich durfte sehr viel lernen.» Nach wenigen Jahren ist er in der 1. Liga. Dort bleibt er fünf Jahre lang. «Ich dachte, es geht nicht weiter aufwärts. Ich war kurz vor dem Aufhören. Irgendwie wurde ich dadurch aber lockerer – und es klappte doch.»
Im Jahr 2010 erhält er das erste Aufgebot für die Challenge League. Und er kommt in die Bredouille. Fedayi San, dessen Eltern aus der Türkei stammen, pfeift für seinen Stammverein FC Windisch. Weil Raimondo Ponte aber Trainer bei Chiasso in der Challenge League und gleichzeitig Präsident des FC Windisch ist, «musste ich mich selbst schützen und den Verein wechseln». Mit Andreas Zehner, damaliger Präsident des FC Tägerig, hat San ein gutes Verhältnis. «Und so wechselte ich zum FC Tägerig.»
FC Wohlen und die «respektvolle Behandlung»
Und noch im selben Jahr – 2010 – kommt er überraschend in der höchsten Liga zum Einsatz. «Ein Schiedsrichter war krank, ich durfte einspringen.» Während seiner Zeit in der Challenge League (2010 bis 2013) leitet er oftmals auch Spiele des FC Wohlen. «Ein toller Verein. Dort wurden wir Schiedsrichter besonders respektvoll behandelt», sagt er. 2013 ist er endgültig ein Super-League-Schiedsrichter. Und dort ist er bis heute geblieben und ist damit nach über 10 Jahre einer der erfahrensten Unparteiischen des Landes. Ein Höhepunkt auf nationaler Ebene war 2019, als er den Cupfinal zwischen Basel und Thun leiten durfte.
EM 2024 – und bald an der WM?
Im Dezember 2024 machte er positive Schlagzeilen in einem schwierigen Spiel. Achtelfinal im Schweizer Cup, GC gegen FCZ. Die Grasshoppers treffen in der Schlussphase zum 1:1. Der VAR (Video Assistant Referee) checkt fünf Minuten lang. Es gibt viele Diskussionen. Schliesslich wird auf Abseits entschieden. Zürich gewinnt 1:0. San besticht durch seine Art während des Spiels und auch danach. Er erklärt den komplizierten Fall vor den TV-Kameras ausführlich und sorgt so für Verständnis. So heisst es in den Medien: «San steht vor der Kamera seinen Mann, schildert die Abläufe und weshalb er letzten Endes keine andere Möglichkeit gehabt habe, als den ursprünglichen Offside-Entscheid zu stützen. Man wünscht sich, dass Unparteiische viel öfter so gut begründen können, was sie entschieden haben.»
Seine Expertise als Fachmann und seine ruhige Art sind zwei seiner Trümpfe. Ein weiterer Vorteil ist, dass er als Super-League-Schiedsrichter und international als VAR tätig ist. «Durch diese Doppelrolle kann ich mich jeweils in verschiedene Lagen hineinfühlen.»
Seit 2015 ist er FIFA-Schiedsrichter, leitete Spiele in der Champions-League-Qualifikation, der Nations League oder Europa League. Im Rahmen von Austauschprogrammen durfte Fedayi San auch schon Spiele in ausländischen Ligen leiten. Bis ganz nach oben an die Weltspitze wird es ihm als Schiedsrichter nicht mehr reichen, nur schon wegen seines Alters.
Aber als VAR darf er die ganz grossen Spiele begleiten, zu 90 Prozent ist der Schweizer Sandro Schärer dabei der Schiedsrichter auf dem Rasen. Dortmund, Barcelona, Manchester United – es sind die ganz grossen Vereine, in denen San bei Spielen mitwirken darf. 2024 war Fedayi San als VAR beim UEFA Super Cup zwischen Real Madrid und Atalanta Bergamo dabei. 2023 beim Final der U20-WM. Und – ein ganz grosses Highlight – 2024 an der EM in Deutschland. Fünf Spiele durfte San begleiten, drei als Haupt-VAR, zwei als VAR-Assistent.
Pro Spiel schaut er sich als VAR rund 20 bis 40 Spielszenen an und entscheidet. «Nach einem Match bin ich meist nudelfertig», sagt er. Die grossen Spiele sind für ihn «alles wunderbare Erinnerungen und grosse Highlights. Ich hoffe, es geht in diesem Stil weiter.» So hofft er natürlich auf einen Einsatz an der Fussball-WM 2026 in Kanada, Mexiko und den USA.
«Die Diskussionen werden immer bleiben»
San ist auf Social Media nicht mehr vertreten. Sein Facebook-Konto hat er gelöscht. «Es gibt heutzutage sehr viele Reaktionen, wenn mal ein Fehler passiert. Früher habe ich alle Kommentare durchgelesen, doch das bringt nichts. Ich vermisse Facebook nicht.»
Fedayi San sagt, der VAR habe im Fussball dafür gesorgt, dass es weniger Fehlentscheide gibt. Es gibt messbare Urteile – wie zum Beispiel Offside oder nicht –, wo es keine Diskussionen gibt. Aber bei anderen Entscheiden kann man eine gewisse Fehlerquote nie ausschliessen. «Fehler sind menschlich. Fehler dürfen passieren. Wir versuchen immer nach bestem Wissen und Gewissen zu urteilen. Diskussionen werden immer bleiben, denn es gibt hier oft einen Interpretationsspielraum.»
San durfte sein Hobby zum Beruf machen. Er ist Schiedsrichter aus Leidenschaft. «Aus Liebe zum Fussball», sagt er. Er spielt eine kleine Rolle im grossen internationalen Fussball. «Dabei bin ich einfach reingerutscht, habe angefangen, Ambitionen zu entwickeln, und bin immer mit vollem Einsatz an die Sache ran. Es hat sich gelohnt», meint er.
San ist oft im Ausland. Wenn er zu Hause ist, versucht er, so oft es geht, Zeit mit seiner Familie zu verbringen. Seine Frau Jennifer sagt: «Er ist Schiedsrichter mit Leib und Seele. Es ist sein Traum.» So hält sie ihm den Rücken frei, so gut es geht. Und er muss dann eben vermehrt Windeln wechseln und die Kids ins Bett bringen, wenn er zu Hause ist. «Wir sind ein eingespieltes Team», sagt seine Frau.
Seine beiden Jungs brabbeln im Café in Birmenstorf immer noch auf den Papa ein. Frau Jennifer ist kurz einkaufen gegangen. Fedayi San zeigt auch hier Fingerspitzengefühl angesichts des kindlichen Übermuts. «Mami kommt gleich wieder, ganz ruhig, alles ist gut», sagt er und streichelt einem seiner Söhne über den Kopf. Dieser beruhigt sich sogleich. «Aus dem Leben kann man einige Dinge mitnehmen für die Arbeit als Schiedsrichter – und umgekehrt», sagt er.
«Weltspitze»
Der Freiämter Sascha Amhof ist der Leiter des Ressorts Schiedsrichter beim Schweizerischen Fussballverband (SFV) und kennt Fedayi San seit über 20 Jahren, «als er noch Spieler war», wie der Sarmenstorfer sagt. Sein Wort hat also viel Gewicht.
Sascha Amhof sagt über Fedayi San: «Mit seiner nationalen und internationalen Erfahrung ist er – im positiven Sinn – ein Dinosaurier im Schweizer SR-Wesen. Er war als VAR an der Fussball-EM in Deutschland 2024. Das heisst, er gehört in seinem Fach zur absoluten Weltspitze. Man kann ihm jedes Fussballspiel in der Schweiz zuteilen und davon ausgehen, dass er eine Top-Leistung abliefert und im Rahmen der Möglichkeiten alle zufriedenstellt. Fedayi San ist wie jeder erfolgreiche Sportler vor allem auch ein leiser Schaffer, der viel trainiert, immer wieder für einen konstruktiven Austausch zur Verfügung steht und auch jederzeit bereit ist, sich selbst zu hinterfragen. Er ist ein Vorbild für viele. Zu sehen, wie er als Schiedsrichter, aber vor allem auch als Mensch gewachsen ist, fasziniert mich enorm. Unglaublich, was er alles leistet und schon erreicht hat.» --spr