Der Himmel kann warten
03.02.2026 Wohlen, Fasnacht, Traditionen, PorträtEhrenkammerer Orest de Gsundmacher freut sich trotz gedrängter Agenda auf die Fasnacht
Als Orest Biehle am 9. Januar den roten Mantel umgehängt, den roten Hut aufgesetzt und das Zepter in die Hand gedrückt bekam, fand an der festlichen Inthronisation als ...
Ehrenkammerer Orest de Gsundmacher freut sich trotz gedrängter Agenda auf die Fasnacht
Als Orest Biehle am 9. Januar den roten Mantel umgehängt, den roten Hut aufgesetzt und das Zepter in die Hand gedrückt bekam, fand an der festlichen Inthronisation als Ehrenkammerer ein intensiver Entscheidungsprozess seinen festlichen Abschluss.
Walter Minder
Wenn Orest de Gsundmacher einige Wochen später gefragt wird, wie man sich als Ehrenkammerer 2026 fühlt, folgt mit strahlendem Gesicht umgehend die Antwort: «Sehr gut!» Natürlich hat er auch einige Fragezeichen über die kommende fünfte Jahreszeit, denn als praktizierender Hausarzt in Wohlen stehen bei ihm das Wohlergehen und die medizinische Betreuung seiner vielen Patientinnen und Patienten an erster Stelle: «Ich muss trotz sehr gut gefüllter Fastnachtsagenda jederzeit medizinisch funktionsfähig und einsatzbereit sein.»
Feuer wurde in Basel entzündet
Das war denn auch das grosse Fragezeichen, als er im November von Marc Donat, Präsident der Kammergesellschaft Wohlen, sowie von den beiden Zeremonienmeistern Andy Bächer und Dani Bigler angefragt wurde. Er musste zuerst dreimal leer schlucken und hat sich dann eine Woche Bedenkzeit ausbedungen. Und seine Frau Ursula? «Sie habe ich aus Geheimhaltungsgründen nicht in meinen Entscheidungsprozess involviert», sagt er. Ein guter Freund habe ihm unter vier Augen sogar davon abgeraten, aber er habe schliesslich mit Stolz und Freude und letztlich auch mit Überzeugung zugesagt. Es sei möglich, dass es seine Agenda zwar auf den ersten Blick vielleicht nicht schafft, «aber ich schaffe es, ich führe Wohlen durch die fünfte Jahreszeit»!
Der Vater seiner Frau Ursula war während dreissig Jahren als begeisterter, bekannter Schnitzelbänkler an der Basler Fasnacht unterwegs. So war es für Orest de Gsundmacher hin und wieder auch gern erfüllte Pflicht, den Morgenstreich zum Auftakt der drei «scheenschte Dääg» als Besucher zu erleben. Schon damals hat er gespürt, dass gelebte Fasnacht ein hohes Kulturgut und auch ein Spiegel der Zeit ist, in dem auch nationale und globale Disharmonien ihren zumeist leicht sarkastisch untermalten Platz haben.
Für Orest Biehle leisten Freundschaften einen wichtigen Beitrag an die individuelle Lebensqualität. Deshalb musste er nicht lange zögern, als ihn zwei Freunde auf die Kammergesellschaft Wohlen aufmerksam machten und ihn zum Beitritt ermunterten. Er habe viele der Mitglieder persönlich gekannt und wisse, dass in der Gesellschaft Freundschaften aktiv gepflegt und gelebt werden – «was sich seit meinem Beitritt vor 14 Jahren immer wieder bestätigt hat». Selbstverständlich würde er sich ebenfalls freuen, wenn neue Interessierte dem Verein beitreten und das Fundament der Kammergesellschaft verstärken.
Hausarzt mit Leib und Seele
Seit vielen Jahren wirkt Biehle als Hausarzt in Wohlen und Umgebung mit eigener Praxis in der Nähe des Kreisels Zentral-/Bünzstrasse. Sein Beruf – oder eher seine Berufung – verschafft ihm hohe «Happyness», die Dankbarkeit seiner Patientinnen und Patienten vermittelt ihm ein sehr gutes Gefühl und eine hohe Wertschätzung. Ihm kommt immer wieder ein Bergbauer in den Sinn, der in einem Interview gesagt hat: «Einander Gutes tun ist so einfach.»
Das Gesundheitswesen in der Schweiz sei in seiner kompetenten, praxisgestützten Beurteilung qualitativ sehr hochwertig, aber natürlich auch kostenintensiv. «Doch die behördlichen Sparmassnahmen greifen am falschen Ort, der grosse administrative Aufwand führt bei kleinen Praxen bald einmal zu finanziellen Engpässen.» Und weil Spezialärzte höher bezahlt sind, wird der Mangel an Hausärzten weiter ansteigen. Zudem könnte seine Praxis dank guten Sprachkenntnissen in Italienisch, Albanisch, Griechisch, Französisch, Englisch und selbstverständlich Deutsch auch als Übersetzungsagentur funktionieren. «Wir tragen dazu bei, dass Patienten, die nur eingeschränkt Deutsch sprechen, die Notfallzentren der Spitäler nicht ans Limit bringen.»
Über den Wolken
1960 in Zürich geboren, entdeckte seine Familie einige Jahre später den Aargau als attraktiven Wohnsitz und der Zügelwagen wurde in Dintikon ausgeladen. Bezirks- und Kantonsschule folgten in Wohlen, das Medizinstudium absolvierte Orest de Gsundmacher in Graz. Daneben arbeitete er als Steward bei der Swissair, das war natürlich vor deren Grounding. «Mein Jahresplan sah damals folgendermassen aus: fünf Monate intensives Studium, sechs Monate ab in die Luft und über die Wolken und ein Monat Militärdienst.»
In seiner Garage steht ein schöner Oldtimer und schon ist man bei einem Hobby von ihm. Daneben ist er Mitglied im Donatorenclub vom FC Wohlen, «damit kann ich dem Verein für dessen grosses Engagement zugunsten unserer sportlichen Jugend Danke sagen». Auf dem Spielfeld hingegen war er höchstens hin und wieder als Platzarzt im Einsatz. Und die Schweiz an der Fussball-WM? Diplomatisch, wie es sich für einen Ehrenkammerer gehört: «Wir werden sehen …»
An Wohlen schätzt er das grosse Beziehungsnetz, «man kennt sich, ist miteinander verbunden. Auch wenn vieles stimmt: Es wäre schön, wenn ein inneres Ortsbild geschaffen und was noch besteht, erhalten würde.» Auch fehlt ihm etwas die Förderung lokaler und regionaler Künstler, wobei er sich über die jüngsten Entwicklungen im Kulturwerk Bleichi freut. Was die aktuellen Informationen rund um den Fasnachtsumzug betrifft, hat er für die einschränkenden Vorgaben zur Umzugsroute durch die Repol und die Gemeinde wenig Verständnis. «Wir müssen unseren Traditionen Sorge tragen und die Fasnacht gehört dazu. Und der Kirchenkreisel gehört zur Umzugsroute, und wenn alle zwei Jahre der Durchgangsverkehr während einer beschränkten Zeit tangiert wird, ist das wohl kaum eine Katastrophe.»
Ein Blick in die Zukunft
Seit 35 Jahren ist Orest de Gsundmacher praktizierender Arzt mit eigener Praxis. Aber arbeitsmüde ist er noch lange nicht, er wünscht sich, dass er den Job noch zehn Jahre zur vollen Zufriedenheit seiner Patientinnen und Patienten machen kann. «Und ein perfekter Abschluss meiner beruflichen Tätigkeit wäre die Weiterführung der Praxis durch meine Tochter.»
Was ihn beschäftigt: «Global steht für mich die Uhr auf 5 vor 12, ich spüre vor allem bei jüngeren Patientinnen und Patienten eine gewisse Angst vor der Zukunft, denn das Weltgeschehen wird von unberechenbaren Diktatoren dominiert.» Darum orientiert er sich persönlich am Grundsatz: «Wir müssen einander Gutes tun, es lohnt sich für Gebende und Nehmende. Für kriegerisches Machtgehabe ist unsere beschränkte Lebenszeit viel zu kostbar!»



