Den unmöglichen Traum gelebt
29.10.2024 WohlenDer Experte aus dem Weltraum
TecNight in der Kanti Wohlen: Astronaut Claude Nicollier versetzte das Publikum in Staunen
Der Weltraum hat seine besondere Magie. Auch deshalb war Astronaut Claude Nicollier Experte und Superstar der TecNight in ...
Der Experte aus dem Weltraum
TecNight in der Kanti Wohlen: Astronaut Claude Nicollier versetzte das Publikum in Staunen
Der Weltraum hat seine besondere Magie. Auch deshalb war Astronaut Claude Nicollier Experte und Superstar der TecNight in Wohlen.
Daniel Marti
Vor einem Vierteljahrhundert war sein letzter von vier Weltraumflügen. Seine Popularität ist aber immer noch riesig und ungebrochen. Der erste Schweizer Astronaut Claude Nicollier ist wie ein Magnet, der die Massen anzieht. So war es auch an der TecNight in Wohlen, durchgeführt von der Kantonsschule Wohlen sowie der Schweizerischen Akademie der Technischen Wissenschaften (SATW). Jeder Stuhl war besetzt, die Besucher sassen auf dem Boden und standen in der Aula den Wänden entlang. Ausverkauft! Über 300 Interessierte in der Aula.
Und Claude Nicollier fühlte sich pudelwohl inmitten der begeisterten Menschen. Er berichtete über eine Stunde lang von seinen Erfahrungen im All. Von seinem Weltraum-Spaziergang, der acht Stunden dauerte. In dieser Zeit umrundete er die Erde fünfmal. «Ein extremes Erlebnis.» Grössere Probleme gab es bei seinen vier Weltraumflügen nie. «Wir hatten nie eine technische Panne», sagte er. Aber während seiner Zeit als Astronaut gab es zwei Katastrophen. «Und man muss bedenken, dass insgesamt 14 Besatzungsmitglieder nicht mehr auf die Erde zurückgekehrt sind.»
Aber Claude Nicollier war ein Glückskind. Lange war es als Europäer gar nicht möglich, ins Programm der Amerikaner aufgenommen zu werden. Dies änderte erst 1975 mit den Shuttle-Flügen. Endlich konnte der heute 80-Jährige von da an seinen Traum leben, der zuvor unmöglich schien. Weil er bester Gesundheit war, mit einem Top-Kreislauf, weil er eine riesige Vorbereitung über zwölf Jahre absolvierte und schwierige Entscheidungen ohne jegliche Panik fällen konnte, stiegen seine Chancen auf einen der begehrtesten Plätze überhaupt. Der Arbeitsplatz bei einem Weltraumflug sei nur empfehlenswert, sagt er heute.
TecNight in der Kanti: Astronaut Claude Nicollier war der absolute Stargast
Eine geballte Ladung Technik. Über 40 Module und Referate. Gegen 100 Experten. Das ist die TecNight in der Kanti, eine Entdeckungsreise in die Welt der Technik. Der absolute Hero war dabei Claude Nicollier, einziger Schweizer Astronaut der Geschichte.
Daniel Marti
Die Bilder sind faszinierend. Gigantisch. Voller Schönheit. Auch wenn sie vom Dezember 1999 stammen und somit über ein Vierteljahrhundert alt sind, haben sie eine enorme Anziehungskraft. Es sind die Bilder, die damals um die Welt gingen – und die Claude Nicollier bei der Arbeit zeigen. Die Aufnahmen hat der 80-Jährige persönlich mitgebracht in die Kanti. So staunte das Publikum über die Worte des Astronauten – und eben auch über die magischen Bilder. Und so nebenbei: Das Publikum war auch rekordverdächtig – über 300 Menschen in der Kanti-Aula – hing dem Westschweizer förmlich an den Lippen. Claude Nicollier ist auch heute noch ein Hero. Einer, der sein Publikum zu fesseln vermag.
Weltraumspaziergang dauerte acht Stunden
Er werde ein wenig die Magie des Weltraums in die Kanti bringen, versprach Nicollier gleich zu Beginn. Und er hielt sein Versprechen. Der erste Schweizer, der den Weltraum besuchte, war mehrmals im All. Bis zur Premiere im August 1992 dauerte das Training zwölf Jahre lang, bis er an Bord des Space Shuttle «Atlantis» ins Weltall flog. Beim letzten Flug vom 19. bis 27. Dezember 1999 mit der Discovery bewährte er sich als Experte für das Hubble-Weltraumteleskop. Dabei unternahm er seinen ersten Weltraumausstieg und installierte neue Instrumente am Teleskop. Acht Stunden lang war er da draussen an der Arbeit. Während dieser Arbeitsphase umkreiste die Discovery die Erde fünfmal. Eine Umkreisung der Erde dauerte eineinhalb Stunden. «Das war ein extremes Erlebnis», sagt er heute noch. «Und es war ein Arbeitsplatz, den ich nur empfehlen kann.»
Mittlerweile gebe es ja auch Möglichkeiten für private Personen, einen Abstecher ins Weltall zu unternehmen. Voraussetzung sind etliche Millionen. Für einen 10-Tage-Flug müsse man in Zukunft mit 60 Millionen Dollar rechnen.
Sein Weltraumspaziergang war zudem von Erfolg gekrönt. «Ein Riesenerfolg, denn das Teleskop funktionierte danach wieder», betonte er. Mit diesem Teleskop wird der Blick ins Universum ermöglicht. «Das Universum ist voll von Galaxien, mit etlichen Milliarden von Sternen», rechnet er. Unsere Galaxie ist bekanntlich die «Milchstrasse» mit gegen 200 Milliarden Sterne. Und ein Weltraumlabor sei deshalb für die Forschung äusserst wertvoll, so Nicollier. Eine grosse Sorge sei dabei der Weltraumschrott, rund um die Erde kreisen gegen 30 000 solcher Objekte. Deshalb sein Aufruf: «Wir haben eine grosse Verantwortung für unsere Erde», erklärte er, «und der Weltraum ist nicht nur sehr inspirierend, wir können auch viel von ihm lernen.»
Zuerst blickte der Schweizer Astronaut gespannt Richtung 2026/2027, dann soll wieder eine Mission zum Mond gestartet werden. Die Amerikaner wollen erstmals am Südpol des Mondes landen. Dann soll auch ein wesentlicher Teil der Rakete auf die Startrampe zurückkehren. «Das bedeutet eine grosse Ersparnis und Nachhaltigkeit.» Und genau betrachtet sei eine solche «Rückkehr eine fantastische Leistung in der Geschichte der Menschheit».
Lange ein unmöglicher Traum
Claude Nicollier hielt nicht nur ein spannendes Referat, er beantwortete auch die Fragen der Kanti-Schüler Anja Huwiler und Dario Knöpfel, Ob denn ein Flug zum Mars Sinn mache, wollten die beiden wissen. Dies sei ein schwieriges Ziel, antwortete er. Den Mars zu studieren, sei schon wertvoll und in der Vergangenheit habe es vielleicht Leben gegeben auf dem Mars, «er ist also ein extrem interessanter Planet. Und die Menschen werden so in den 30er-Jahren vielleicht dorthin fliegen.» Aber auf dem Mars eine Kolonie für Menschen zu gründen, sei wohl keine gute Idee. «Wegen der starken Strahlung ist eine menschliche Siedlung wohl nur unter der Oberfläche möglich.»
Gibt es weiteres Leben im Universum?
Und die Frage musste ja kommen: Gibt es im Universum weiteres Leben? Bei der enormen Anzahl von Galaxien könne sich irgendwo Leben entwickeln. «Es gibt Gründe zu glauben, dass an anderen Orten Leben entstehen könnte», antwortete er. Primitives Leben, fügte er noch an. Die Wahrscheinlichkeit könne also bestehen. Allerdings die Möglichkeit, «unsere Form von Leben zu entdecken», bezeichnet er als sehr gering. Seine persönliche Berechnung: Das sei wie 0 durch nichts zu definieren.
Ob denn Astronaut je einmal sein Traumberuf gewesen sei, wollten Huwiler und Knöpfel vom Stargast wissen. Nicollier sass vor dem Fernsehen, als er die erste Mondlandung am 21. Juli 1969 sah. 25-jährig war er damals. Und in der Apollo 11 flogen nur Amerikaner zum Mond. «Darum war es zwar ein Traum, aber ein unmöglicher Traum», erklärte er. Erst ab 1975 wurde die Tür zum Weltraum von den USA auch für Kanada und Europa geöffnet. «Von da an war mein Traum tatsächlich möglich – und es hat mit Arbeit und viel Glück geklappt.»
Nicollier war insgesamt viermal im Weltall, notabene mit vier verschiedenen Raumfähren. Ob diese Flüge seine Sicht und seine Beziehung zur Erde verändert haben, wollten die beiden Kanti-Schüler wissen. «Wenn man innert eineinhalb Stunden um die Erde fliegt, dann wird unser Planet klein. Aber die Schönheit der Erde ist dabei nicht zu beschreiben», sagte er. Man sehe aus dieser Distanz, rund 600 Kilometer, aber auch die Spuren der Menschheit. Der Smoke vor Madagaskar sei ihm in Erinnerung. Das zeige irgendwie, dass jeder für sich selbst schaue. Man müsse die Erde jedoch global sehen, «aber darüber wollen wir Menschen nicht zusammen sprechen», meinte er, und das stimmt ihn nachdenklich. «Aber die Sicht auf die Erde aus dem Weltall ist bewusste Wellness», erklärte er zum Schluss.
Die TecNight in Wohlen wurde durchgeführt von der Kantonsschule Wohlen sowie der Schweizerischen Akademie der Technischen Wissenschaften.