Marco Huwyler, Redaktor.
Plötzlich sehe ich sie auf der falschen Seite. Es irritiert mich und reisst mich abrupt aus anderen Gedanken. Nicht, dass ich sie kennen würde – das wäre weit übertrieben. Und doch sehen wir uns ...
Marco Huwyler, Redaktor.
Plötzlich sehe ich sie auf der falschen Seite. Es irritiert mich und reisst mich abrupt aus anderen Gedanken. Nicht, dass ich sie kennen würde – das wäre weit übertrieben. Und doch sehen wir uns fast jeden Tag. Seit bald fünf Jahren. Zuverlässig steigt sie hier zu und setzt sich in die Sitzreihe schräg hinter mir. Später steigen wir zusammen um – und ich dann irgendwann vor ihr aus.
Doch nun steht sie an der Bushaltestelle gegenüber. Gleich wie immer. Mit ihrem Chromstahl-Thermos-Kaffeebecher mit Röhrchen, an dem sie zuweilen nippt. Sie wartet auf einen anderen Bus. Weshalb? Hat sie einen neuen Job? Was ist überhaupt ihr Beruf?
Ich grüble eine Weile darüber nach und schaue meine Mitpassagiere an. 80 Plätze bietet der Bus. Bloss rund 15 sind besetzt. Kein morgendliches Gedränge. Zum Glück. Ein Privileg von jemandem, der antizyklisch pendelt. Ich kenne fast alle, die hier sitzen – bzw. erkenne ich sie, ohne sie zu kennen. Sie sind sozusagen bekannte Unbekannte. Meine Weggefährten. Im wahrsten Sinne des Wortes. Ihr Gefährte-Sein beschränkt sich ausschliesslich auf einen Weg. Sonst verbindet uns nichts. Und doch verbringen wir relativ viel Zeit miteinander. Täglich eine halbe Stunde. Meine Eltern beispielsweise sehe ich weit weniger oft.
Alle haben ihre Routinen und Eigenarten, die ich zwangsläufig registriere. Beiläufig – mal bewusst, mal unbewusst. Mal ärgere ich mich darüber (etwa wenn jemand lautstark telefoniert). Mal belustigen sie mich (etwa wenn jemand lautstark singt). Ich registriere, ihr Erscheinungsbild. Wie sie ihre Pendelzeit verbringen. Ob sie lächeln oder sich verstohlen ärgern. Ob sie Musik hören – je nach Lautstärke sogar welche. Ob sie zu viel Deo benutzt haben – oder zu wenig. Welche Leben wohl hinter all diesen Fragmenten stecken, die sie jeden Tag unfreiwillig mit mir teilen und die doch nur einen kleinen Bruchteil ihrer Persönlichkeit ausmachen? Ob sie auch mich wiedererkennen? Bestimmt tun sie das. Wie nehmen sie mich wahr?
Die Frau mit dem Röhrchen-Kaffee ist seit Monaten nicht mehr Teil jenes Busalltags. Auch auf der anderen Seite der Strasse steht sie seither nie mehr. Dass es sie gibt, habe ich längst vergessen. Doch plötzlich, eines morgens, ist sie wieder da. Der Kaffeebecher derselbe wie eh und je. Unwillkürlich muss ich lächeln, als sie zusteigt – und bilde mir ein, dass sie zurücklächelt. Wie eine alte Bekannte.