Aus Liebe zur Folklore
17.07.2026 Muri, VereineVeränderungen zum Trotz
Start der Sommerserie «Immer noch da»
Altes Handwerk ist ein Paradebeispiel dafür. Für Dinge, die es immer weniger gibt, die aber immer noch da sind. Vereine, Gebäude – die Vielfalt ist gross. ...
Veränderungen zum Trotz
Start der Sommerserie «Immer noch da»
Altes Handwerk ist ein Paradebeispiel dafür. Für Dinge, die es immer weniger gibt, die aber immer noch da sind. Vereine, Gebäude – die Vielfalt ist gross. Und genau dieser widmet sich die Sommerserie «Immer noch da». Im Fokus sind beispielsweise die Trachtetanzlüüt Chloschterdorf Muri. Die Zahl der Mitglieder sinkt, ans Aufgeben denkt aber niemand. --ake
Sommerserie «Immer noch da»: Trachtetanzlüüt Chloschterdorf Muri
Vorläufig führen sie in Muri keinen Unterhaltungsabend mehr durch. Die Zahl der aktiven Mitglieder ist mittlerweile auf 13 gesunken. Trotzdem denkt Co-Präsidentin Hildegard Ruf nicht ans Aufgeben. «Was ich mir wünsche? Neue, junge Mitglieder.»
Annemarie Keusch
Ja, manchmal tut es ihr weh. Und ja, es stimmt sie nachdenklich. Daraus macht Hildegard Ruf kein Geheimnis. «Ich weiss nicht, was wir noch machen sollen», sagt die Co-Präsidentin der Trachtetanzlüüt Chloschterdorf. Die Zahl der Mitglieder sinkt stetig. Und die aktiven Tänzerinnen und Tänzer werden immer älter. «Es ist eine schwierige Situation», sagt Ruf. «Untätig sind wir aber nicht.» Heisst, aufgeben ist keine Option. Der Verein ist am Tag der Tracht präsent, führt am Martini- und am Maimärt jeweils ein Raclette-Stübli und verteilt dort Flyer. Vor allem aber suchen die Mitglieder immer wieder mit potenziellen Tänzerinnen und Tänzern das Gespräch. «Aber zwingen kann man niemanden. Nur versuchen, zu motivieren.» Und immer wieder zu betonen: «Unser Verein steht allen offen.»
Bereits tanzen zu können, das ist keine Voraussetzung. Auch muss man keine Tracht besitzen, um im Verein mitmachen zu können. «Es braucht Liebe zur Folklore», sagt Hildegard Ruf. Zur Ländlermusik zum Beispiel, zu der jeweils getanzt wird. «Da geht mir immer wieder das Herz auf.»
Zusammenarbeit mit Aesch
Seit 24 Jahren gibt es die Trachtetanzlüüt Chloschterdorf. Hildegard Ruf ist seit 23 Jahren dabei. Ihr Mann brachte sie zum Trachtentanz. «Getanzt habe ich aber schon immer gerne.» Mit ihrem Mann ging sie dem gemeinsamen Hobby in Boswil nach. Nach dem familiär begründeten Unterbruch tanzte sie in Muri mit. Dort war der Verein soeben neu gegründet worden. «Es gab schon vorher eine Trachtetanzgruppe im Dorf», weiss Hildegard Ruf. Die Trachtetanzlüüt Chloschterdorf waren anfänglich eine Abspaltung davon, längst ist es aber der einzige Verein im Dorf, der sich dem volkstümlichen Tanzen widmet.
Noch sind es 13 Männer und Frauen, die das aktiv tun. «Sechs Paare, das gibt keinen genug grossen Kreis mehr», sagt Hildegard Ruf. Seit rund einem Jahr gehen die Murianer den Weg zusammen mit einem Verein aus Aesch im Kanton Luzern. «Melanie Eberli-Lang ist unsere Tanzleitung von Gross und Klein und führt diese Leidenschaft auch im Seetal aus», erklärt Hildegard Ruf. So sei die Zusammenarbeit trotz grösserer geografischer Distanz als beispielsweise nach Boswil, Merenschwand oder Mühlau entstanden. Die Co-Präsidentin spricht von einem tollen Miteinander. Die Proben finden wöchentlich statt, einmal in Aesch, einmal in Muri. Kindertanzgruppen führen beide Vereine selbstständig. In jener in Muri sind übrigens auch fünf von Rufs Enkelinnen dabei.
Noch immer Hühnerhaut
Trachtentanz ist ein Kulturgut. Dieses zu bewahren, das gefällt Hildegard Ruf. Von ihrer Mutter bekam sie einst die erste Tracht geschenkt, eine Werktagstracht nähte sie selbst, eine Festtagstracht konnte sie vor Jahren an einer Börse kaufen. «Sie beim Tanzen zu tragen, das erfüllt mich durchaus mit Stolz.» Und natürlich macht ihr auch das Tanzen selbst Spass, das Miteinander. «Auch wenn das Üben manchmal sehr anstrengend sein kann.» Schrittweise wagen sich die Tänzerinnen und Tänzer an neue Aufgaben, lernen diese auswendig. «Wenn es dann funktioniert und erst recht, wenn wir das vor Publikum zeigen können, dann macht es richtig Spass.» Wenn sie an das nationale Trachtenfest oder die Unterhaltungsabende kürzlich in Aesch zurückdenkt, bekommt sie immer noch Hühnerhaut.
Nicht so aber, wenn sie daran denkt, dass es vorläufig keine solchen Unterhaltungsabende mehr geben wird im Murianer Festsaal. «Wir können ein solches Wochenende als Verein schlicht nicht mehr stemmen», erklärt sie. Auch wenn sie an diesem Entscheid nach wie vor nagt. «Ich hoffe, dass es wirklich nur vorübergehend so ist und nicht für immer.»
Der Verein ist ihr wichtig
Das zeigt deutlich, die Co-Präsidentin hat den Verein trotz schwierigen Zeiten nicht aufgegeben. «Dafür ist er mir zu wichtig», sagt sie. Sonst hätte sie vor drei Jahren, als Gründungspräsident Ruedi Halter sein Amt weitergab, nicht zugesagt, mit Annemarie Lang das Co-Präsidium zu übernehmen. Tanzen sei für sie Abwechslung und Ausgleich in einem. «Es sorgt für geistige und körperliche Fitness», ergänzt sie. Denn Beine und Gehirn müssen bereit sein, um auf dem Parkett Bestleistungen abliefern zu können. Am liebsten tanzt Hildegard Ruf übrigens den Kafi-Schottisch oder den Hobby-Senn.
Das Tanzen steht im Verein im Zentrum. Aber auch das Miteinander ist wichtig. Etwa auf der Vereinsreise, die Ende August ansteht. Dass es auch zwischenmenschlich stimmt, ist für die Co-Präsidentin wichtig. «Dass wir einander akzeptieren, wie wir sind.» Auch mögliche neue Tänzerinnen und Tänzer. Sie betont nochmals: «Bei uns sind alle willkommen.» Und wenn sie einen Wunsch frei hätte? Die Antwort folgt postwendend: «Neue Mitglieder, die allenfalls auch eine neue Dynamik in den Verein bringen.» Damit das traditionelle volkstümliche Tanzen in Muri noch lange gepflegt werden kann. Und die Kameradschaft ebenfalls.
Mehr Infos und Kontakt: www.ttl-muri.ch
Die Serie
Die Welt verändert sich stetig, Dinge verschwinden. Als Beispiel: Die Post hat in den letzten Jahren immer mehr Filialen abgebaut. In der Sommerserie «Immer noch da» greift die Redaktion Handwerke, Vereine und Themen auf, die sich über die Jahrzehnte gehalten haben. Von der Wyssebacher Sagi über den «Chäber» in Wohlen bis zur Lohnbrennerei oder zum Oldtimer-Museum. --red



