Aus Liebe für den Handball

  05.06.2026 Sport, Handball

Pitsch Müller war seit 1999 Präsident des HC Mutschellen – heute Abend tritt er ab

«Ein komisches und gutes Gefühl» hat Pitsch Müller in diesen Tagen. Denn er wird heute Abend an der GV des HC Mutschellen sein Amt abgeben an Pascal Baur. Eine aussergewöhnliche Ära endet. Der Präsidenten-Dinosaurier blickt nochmals zurück auf seine Zeit und wagt auch eine Zukunftsprognose.

Stefan Sprenger

Pitsch Müller trinkt ein Bier aus dem eigenen Schuh. «Aufstiege waren immer das Schönste», sagt er lachend. 1998 schafft der Verein – damals HC Berikon – erstmals den Aufstieg in die 2. Liga. In der Kreisschule Mutschellen und im «Stalden» wird dann gefeiert, bis die Vögel zwitschern. In der Saison danach (1998/99) geht der Höhenflug weiter, das Team schafft es auf den 4. Rang, die Beriker Handballer sind in Topform. Auf dem Spielfeld: Rückraumbomber Pitsch Müller, der auch neben dem Platz Verantwortung übernimmt. Werner Nussbaum gibt das Präsidentenamt an Müller ab.

Pitsch Müller bleibt fortan das Oberhaupt. Bis heute. Einzige Ausnahme: Drei Jahre lang wird Michael Hajagos dazwischen Präsident. «Ich erlebte Höhenflüge und Tiefschläge», sagt er zu seinem Vierteljahrhundert als höchster Mutscheller Handballer.

«Das gab Probleme»

Er erinnert sich an Tage, wo der HC Berikon in der 3. Liga vor 10 Zuschauern in der Kreisschule spielte, und an Tage, wo der HC Mutschellen vor 500 Fans in der Burkertsmatt in der 1. Liga für Furore sorgte. «Es war alles dabei», meint er. Aufstiege, Abstiege, Siege, Niederlagen. Sein Engagement blieb immer gleich gross.

Hat er es mal bereut, Präsident des HC Mutschellen zu sein? «Keine Sekunde. Ich habe den Job immer mit viel Freude gemacht und jede Herausforderung angenommen», sagt Müller. Das bestätigt sich, wenn man mit Weggefährten spricht, die voll des Lobes sind (siehe Kasten).

Pitsch Müller, Inhaber der IT-Firma Comvenis in Dietikon, sagt, dass er dieses Amt nur so lange ausführen konnte, weil er sein eigener Chef ist. Und er war auch mit seiner Firma ein guter Sponsor. Müller, der bis zum 21. Lebensjahr in Bremgarten lebte, ist auch ein Mensch, der sich selbst gut einschätzen kann. Und auch selbstkritisch ist. «Natürlich wurden in diesem Vierteljahrhundert auch Dinge falsch gemacht», sagt er. Einige Spielertransfers in der ersten Mannschaft waren «Schüsse nach hinten». Das Schiedsrichterwesen hat der HC Mutschellen lange Zeit viel zu stiefmütterlich behandelt. «Wir stellten zu wenig Schiedsrichter und bezahlten Bussen deswegen», erklärt Müller. Auch die Frauenabteilung schaffte Herausforderungen aufgrund des Erfolgs. «Wir sind plötzlich enorm schnell gewachsen, hatten innert weniger Jahre 120 Handballerinnen im Verein und gehörten lizenzmässig zu den fünf grössten Handballclubs der Schweiz.» Das benötigte mehr Infrastruktur, mehr Trainer, mehr Ressourcen. «Das gab Probleme, die wir nur mit Mühe und grossem Einsatz lösen konnten», so Müller.

Seine Aussage wegen der Nationalliga B

Etwas, was er nicht bereut – aber worauf er oft angehauen wird –, ist seine Aussage vor rund acht Jahren. Er setzte sich das Ziel, den HC Mutschellen in die Nationalliga B zu bringen. «Es löste viele Reaktionen aus, doch es war kein Fehler. Denn ich finde, man sollte gross denken, um Grosses zu erreichen.» Erreicht hat er dieses Ziel nicht.

Aber er schuf mit der Spielgemeinschaft (mit Wohlen) die Grundlage, dass jenes Ziel vielleicht irgendwann in Zukunft realisiert werden kann. «Der Weg stimmt. Der Aufstieg am 25. April, als es die Männer der SG Wohlen Mutschellen und die Frauen der SG Freiamt beide in die 1. Liga schafften, war ein gigantisches Highlight und die Bestätigung, dass wir gemeinsam mehr erreichen können.» Müller fügt an: «Nur der TV Muri fehlt. Schade.»

Meilenstein und Entlassungen

Man spürt: Auf den jüngsten Erfolg mit der Spielgemeinschaft ist er besonders stolz. Es war sein grösstes Highlight zum Schluss. Der Ursprung dafür liegt bei ihm. Denn Pitsch Müller war es, der Alex Milosevic, den heutigen Aufstiegstrainer, vor rund 10 Jahren auf den Mutschellen lotste. Erst war Milosevic Berater, packte beim Schülerhandballturnier an, gab Fördertrainings oder führte das Handballcamp durch. Später wird Milosevic – ein früherer Nationalspieler und Trainer auf höchster Stufe – zum Sportchef und schliesslich zum Trainer der ersten Mannschaft. «Gemeinsam mit Stefan Konkol holten wir Milosevic ins Freiamt. Und nun führt er die SG zum Erfolg. Das ist für mich ein
Meilenstein in meiner Amtszeit.»

Ebenfalls erwähnenswert war die Eröffnung der Burkertsmatt im Jahr 2012. Müller wirkte im Gremium der Abgeordneten mit, was er heute als einschneidend bezeichnet und was «meine kurze lokalpolitische Karriere markiert». Für ihn das Allerschlimmste in der Zeit als Oberhaupt waren die Trainerentlassungen. «Die waren nie einfach und es gab immer viele Reaktionen», so Müller.

«Ich übergebe den Verein in beste Hände»

Pitsch Müller sagt: «In den über 25 Jahren sind Menschen gekommen und gegangen. Aber ganz viele sind geblieben.» Einer, der noch ein kleiner Junge war, als er 1999 übernahm, war Pascal Baur. Er wird heute Freitagabend an der GV zum Präsidenten werden – sofern er gewählt wird (was mit grosser Wahrscheinlichkeit auch passieren wird). Pitsch Müller sagt: «Pascal Baur war die letzten Monate an meiner Seite, ich habe ihm alles fortlaufend übergeben. Er wird seine Sache hervorragend machen, da bin ich überzeugt.

Die neuen Vorstandsleute, beispielsweise Niclas Gündel, Kevin Thalmann oder Sevi Kamm, sind voller Enthusiasmus und Tatendrang, den HC Mutschellen übergebe ich gesund und in beste Hände.» Und dies alles war ihm sehr wichtig.

Die Gefühlslage vor dem Abgang

Es stehen Herausforderungen an. «Wir sind ein grosser Verein», weiss Müller. Sponsoring, Vorstandsämter, Spielbetrieb – und so weiter. Die Fülle an Aufgaben ist gross. Hinzu kommt der anhaltende Trend, dass die Menschen kaum mehr bereit sind für ein Ehrenamt, sondern stets eine Entlöhnung erwarten. «Aus Freude am Vereinsleben macht kaum mehr jemand etwas», meint Müller, der in seinen fast drei Jahrzehnten als Präsident nie einen Franken verdient hat. Und dennoch machte der geradlinige Müller den Job stets mit Leidenschaft, seine Bezahlung war die Freude der Menschen, sein Antrieb die Liebe zum Handball.

Er wird nun mehr Zeit haben für seine Familie, seine Frau und seine Tochter Lisa, die bei den U14-Juniorinnen des Vereins spielt. «Ich höre mit einem guten Gefühl auf. Es ist aber auch komisch, wenn ich in Zukunft an den Anlässen des HC Mutschellen mal nicht als Letzter gehe. Ich war nun ein Vierteljahrhundert immer in der Verantwortung. Jetzt kann ich ungezwungen an die Heimspiele. Ich muss sagen, eine leichte Vorfreude ist auch vorhanden», meint er schmunzelnd. Und falls es Probleme gibt beim HC Mutschellen, «stehe ich jederzeit mit Rat zur Verfügung», sagt er. Das war von Pitsch Müller – dem aussergewöhnlichen Präsidenten-Dinosaurier – auch nicht anders zu erwarten.


Der Nachfolger über Müller

Einer, der Pitsch Müller bestens kennt, ist sein Nachfolger als Präsident des HC Mutschellen, Pascal Baur: «Während seiner langjährigen Amtszeit prägte Pitsch Müller den Verein wie kaum ein anderer. Mit grossem Ehrgeiz, innovativen Ideen und einer klaren Vision entwickelte er den HC Mutschellen auf verschiedenen Ebenen kontinuierlich weiter», sagt Baur. Und er lobt ihn auf ganzer Linie: «Er hat aussergewöhnliche Treue und Loyalität bewiesen. Unzählige Stunden hat er investiert, mit Beharrlichkeit und Leidenschaft hinterliess er im Verein eine unverkennbare Handschrift. Der HC Mutschellen verdankt ihm einen wesentlichen Teil seiner heutigen Identität und Entwicklung. Sein Wirken wird den Verein auch über seine Amtszeit hinaus nachhaltig prägen.»

An der Generalversammlung heute Freitagabend im Berikerhus wird Pascal Baur übernehmen. Er war jahrelang Captain der ersten Mannschaft des HC Mutschellen. Baur ist Familienvater, lebt in Berikon und ist Geschäftsführer der Touring Garage Baur. «Die Fussstapfen von Pitsch Müller sind riesig. Ich gebe mein Bestes und freue mich auf die neue Herausforderung», so Baur. --spr


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