Sich sorgen um Mensch und Tier
23.11.2021 VillmergenVillmergen/Wohlen: Landwirte wehren sich gegen die geplante Zufahrt zum neuen Freiverlad
Die drei Bauern bewirtschaften das Kulturland zwischen Wohlen und Dottikon. Die Pläne des Kantons zur neuen Strasse beurteilen sie kritisch.
Chregi Hansen
Noch ist der ...
Villmergen/Wohlen: Landwirte wehren sich gegen die geplante Zufahrt zum neuen Freiverlad
Die drei Bauern bewirtschaften das Kulturland zwischen Wohlen und Dottikon. Die Pläne des Kantons zur neuen Strasse beurteilen sie kritisch.
Chregi Hansen
Noch ist der Entscheid nicht gefallen. Doch vieles deutet darauf hin, dass die Zufahrt zum neuen Freiverlad am nördlichen Ende des Umspannwerkes in Dottikon östlich der SBB-Geleise gebaut wird. Und somit mitten durch wertvolles Kulturland und ein beliebtes Naherholungsgebiet.
Nicht gegen Gemeinde handeln
Für die Betreiber des Brunnenhofs, des Holzmatthofs und des Schwellhofs ein Unding. Denn: Der Freiverlad diene in erster Linie der Industrie und dem Gewerbe, bestraft werde nun die Landwirtschaft. «Es heisst immer, das Kulturland müsse bewahrt werden. Und dann plant man solch eine lange Strasse durch bestes Land», kritisiert der Villmerger Jungbauer Adrian Würsch. Auch die angehende Agronomin Meryl Meyer vom Angliker Schwellhof macht sich Sorgen. «Wir haben hier verschiedenste Tiere, wie zum Beispiel Feldhasen, die hier ein Rückzugsgebiet haben und mit Biodiversitätsmassnahmen unterstützt werden», erklärt sie. Wenn nun täglich 20 LKWs vorbeifahren, sei es aus mit der Ruhe. Das trifft auch die vielen Fussgänger und Velofahrer, die hier unterwegs sind. Am meisten betroffen von der geplanten Strasse ist der Villmerger Christian Meier, der Betreiber des Brunnenhofs. Er möchte sich nicht gegen die Interessen der Gemeinde stellen, macht er im Gespräch deutlich, doch er möchte mitreden, sodass am Ende ein tragbarer Kompromiss gefunden werden kann. Es wäre eigentlich auch im Interesse Villmergens, dass die Strasse nicht gebaut wird, ist er überzeugt.
Das Gefühl der Hilflosigkeit
Landwirte wehren sich gegen die Strasse zum geplanten neuen Freiverlad
Lange haben sie geschwiegen, auf eine Lösung am Verhandlungstisch gehofft. Nun wollen sie die Bevölkerung aufrütteln. «Eine Strasse für LKWs mitten durch ein Erholungsgebiet, das ist doch Irrsinn», sagen die Landwirte von Brunnenhof, Holzmatt und Schwellhof.
Chregi Hansen
Wenn Christian Meier vor seinem Hof steht, blickt er auf die grossen Bauten des ständig wachsenden Villmerger Industriegebietes. «Früher sah man von hier noch den Kirchturm», erzählt er. Immerhin – bisher teilte die SBB-Linie Industrie und Natur. «Auf unserer Seite der Gleise haben wir noch eine intakte Landschaft. Noch. Denn das ist jetzt gefährdet», macht Meier deutlich.
Grund seiner Sorgen ist die geplante Verlegung des Freiverlads vom Bahnhof Wohlen und Dottikon ans nördliche Ende des SBB-Umspannwerkes bei Dottikon. Genauer gesagt, die Zufahrt dahin. Diese wird vermutlich direkt an seinem Hof vorbeiführen. Noch befindet sich das Projekt erst in der Planungsphase (siehe Ausgabe vom 5. November), aber vieles deutet darauf hin, dass der Entscheid schon gefallen ist. Die Lastwagen werden wohl vom Villmerger Industriegebiet her zum Freiverlad fahren, dazu muss der bestehende Veloweg ausgebaut werden. Nach der Unterführung wird die Strasse neben den Gleisen auf Kosten von Kulturland Richtung Dottikon geführt.
Für Landwirte nicht notwendig
Für die Landwirte in diesem Gebiet ist dies nicht nachvollziehbar. «Wir befinden uns in einer Landschaftsschutzzone. Und jetzt sollen hier im Schnitt täglich bis zu 20 LKWs durchfahren, und das an sieben Tagen die Woche mit 24 Stunden Betrieb», äussert sich Meier. Er führt den Brunnenhof und ist von der geplanten Zufahrt am allermeisten betroffen. Es ärgert ihn, dass es immer heisst, es brauche den Freiverlad für die Bauern und die Anlieferung der Zuckerrüben. «Diese erfolgt aber schon länger in Dottikon, und zwar problemlos. Und in diesem Jahr an gerade mal 12 Tagen», berichtet er. Der Freiverlad sei nicht für die Landwirtschaft, sondern für die Industrie. «Aber die Landwirtschaft wird dafür gebüsst.»
Unterstützung erhält er von Adrian Würsch von der Holzmatt und der Familie Meyer, die – auf Angliker Gebiet – den Schwellhof betreibt. «Der Druck auf die Landwirtschaft steigt ständig. Um naturnah zu produzieren, brauchen wir Fläche. Und dann fahren plötzlich Lastwagen durch das Kulturland», meint Meryl Meyer, die im Februar ihr Studium als Agronomin abschliesst. Auch der Reitbetrieb des Schwellhofs, der die bestehenden Flurwege nutzt, wird dadurch eingeschränkt. Zudem werde das Gebiet zwischen der Nutzenbachstrasse und Dottikon als Naherholungsraum sehr geschätzt. «Vor allem seit Ausbruch von Corona sind immer mehr Velofahrer und Spaziergänger hier unterwegs. Sie sind ebenfalls von der geplanten Strasse betroffen», hebt Adrian Würsch hervor. Es gehe nicht nur um die Bauern – «diese Zufahrt geht alle an». Die Landwirte haben sich von den zuständigen Behördenmitgliedern mehr Unterstützung erhofft. «Niemand im Dorf weiss, was hier geplant ist. Und wir können auch nicht mitreden», bedauert Meier.
Was die Landwirte sich wünschen, ist in erster Linie eine Verhandlungsbasis. Ursprünglich wurden acht verschiedene Varianten geprüft. Favorisiert wurde eine Erschliessung von der Kantonsstrasse Anglikon–Dottikon her über die Rütmatte dem Firmengelände der Dottikon ES entlang zum Umspannwerk. «Diese Lösung hätte deutlich weniger Kulturland beansprucht und man müsste keine neue Brücke über den Holzbach bauen», erklärt Meier. Doch offenbar gab es auf Dottiker Seite Widerstand gegen diese Pläne. Dabei ging es auch um den bestehenden Radweg, der tangiert würde. «Aber hier bei uns führt auch ein Radweg vorbei, davon spricht niemand», bedenken die Landwirte.
Angst vor einer Erschliessung der Dottikon ES
Gleichzeitig droht eine noch schlechtere Lösung – ein direkter Anschluss ab der Nutzenbachstrasse auf dem bestehenden Flurweg. Direkt am Brunnenhof und am Holzmatt-Hof vorbei und quer durch das Naherholungsgebiet. Auch über diese Variante wurde schon laut nachgedacht. Die Landwirte befürchten, dass die geplante neue Zufahrt nur der Anfang ist. Denn diese endet quasi im Firmengelände der Dottikon ES. «Wer garantiert uns, dass nicht plötzlich die Erschliessung der Firma über diese neue Strasse erfolgt?», fragt Meier. Denn die jetzige Zufahrt zur Dottikon ES führt durch ein Wohngebiet, was alles andere als optimal ist.
Meier, Würsch und Meyer sehen auch Potenzial, dass die Zufahrt zum neuen Freiverlad direkt von der Dottikon ES her erfolgt. So würde viel weniger Kulturland beansprucht als bei der Variante von der Allmend her. «Es heisst immer, das Kulturland müsse bewahrt werden. Und dann plant man so eine lange Strasse», kritisiert Würsch. Sie sind überzeugt: Die geplante Zufahrt schadet Natur, Tier und Mensch. «Auch Umweltverbände könnten einen Grund haben, aktiv zu werden», so Meryl Meyer.
Die Einwohner aufrütteln
Christian Meier möchte sich nicht gegen die Interessen der Gemeinde stellen. Wenn die Zufahrt tatsächlich von der Allmend her erfolgen soll, dann solle sie doch nach der Unterführung auf dem jetzigen Trassee des Umspannwerks verlaufen. Hier stehen mehr als zehn Geleise zur Verfügung, die nie alle benötigt werden. «Leider sperrt sich die SBB aus Sicherheitsgründen gegen diese Lösung.» Die Bevölkerung soll wissen, was geplant ist. An der ausserordentlichen «Gmeind» hat Christian Meier das Thema erstmals angesprochen. «Ich habe ganz viele Reaktionen darauf erhalten. Niemand kann verstehen, was hier geplant ist. Und noch weniger, dass wir Villmerger dazu nichts zu sagen haben», berichtet der Landwirt.
Nun überlegt er sich, ob er an der nächsten «Gmeind» einen Antrag stellen soll. «Es müsste doch auch im Interesse des Gemeinderates sein, diese Strasse zu verhindern», ist er überzeugt. Und hofft, dass die SBB-Linie Industrie und Natur auch weiterhin zu trennen vermag.



