Der Chrampfer mit dem Velo
11.10.2022 VillmergenVillmergen/Sarmenstorf: Die Geschichte der Familie Hegglin in einem Schopf untergebracht
Die Sammelleidenschaft von Kari und Marlène Hegglin führte dazu, dass sich die Familiengeschichte in einem kleinen Privatmuseum auf dem Land des Elternhauses Hegglin ...
Villmergen/Sarmenstorf: Die Geschichte der Familie Hegglin in einem Schopf untergebracht
Die Sammelleidenschaft von Kari und Marlène Hegglin führte dazu, dass sich die Familiengeschichte in einem kleinen Privatmuseum auf dem Land des Elternhauses Hegglin wiederfindet.
Monica Rast
Die Geschichte der Familie von Adolf und Marie Hegglin-Pfister reicht weit zurück. 1929 zog das Ehepaar mit vier von zwölf Kindern von Merenschwand auf den Wächterhübel in Hilfikon. Ihr gesamtes Hab und Gut wurde damals auf einen Wagen geladen, der von zwei Kühen gezogen wurde. Einen Fussmarsch über mehrere Stunden dauerte die Reise nach Hilfikon zu ihrem neuen Zuhause.
Das bescheidene «Heimetli» konnte der Kleinbauer, der als lediger Mann bei einem Grossbauern unterkam, damals erwerben. Doch von drei Kühen und zwei Hektar Land konnte sich die wachsende Familie nicht ernähren.
Von Arbeit geprägtes Leben
«Er war ein Chrampfer», erinnert sich Kari als Jüngster an seinen Vater. Adolf Hegglin war sich für nichts zu schade. Er arbeitete als Strassenbauer für ein paar Franken, während seine Frau und die Kinder daheim für den bescheidenen Hof verantwortlich waren. Vater Adolf eignete sich viele Fähigkeiten selber an. Eine Lehre absolvierte er nie. Er arbeitete sich nach und nach hoch, bis er 1949 die Firma übernahm.
Hegglin war in den umliegenden Gemeinden nicht nur als fleissiger Arbeiter bekannt, sondern auch, weil er immer mit dem Fahrrad unterwegs war. Auch als Gleisbauunternehmer mit bis zu 60 Arbeitern, meist Saisonniers, war Adolf Hegglin auf seinem Fahrrad anzutreffen. Egal, wie das Wetter war oder wie entlegen die Arbeitsstelle lag. Und so wurde der Drahtesel zu seinem ganz eigenen Markenzeichen.
Die Familie Hegglin war Selbstversorgerin. Was sie brauchte, wurde selber hergestellt. Die Produkte, die nicht für die Familie benötigt wurden, wurden auf dem Markt verkauft.
Vater Adolf nutzte die Möglichkeit und pachtete immer wieder Land dazu. Und so wurden Erbsen für die Büchsenfabrik Hero in Lenzburg zu einer weiteren Einnahmequelle der Familie. «Die ganze Familie musste mithelfen», erinnert sich Kari an seine Jugendzeit, «es war ein strenges Leben.»
Vor der Schule versorgte der Nachwuchs die Kühe, nach der Schule ging es zum Vater. Schon früh mussten die Kinder mitanpacken und so die Familie unterstützen. Auch für sie gab es keine Lehre und obwohl sie von morgens bis abends arbeiten mussten, hatten die Kinder von Adolf und Marie ein gutes Leben. «Keines wurde weggegeben.»
Eine Familie von Strassenbauern
Während die Jungs beim Vater von Hand Gräben für die Kanalisation aushoben oder für neue Gleise verantwortlich waren, arbeiteten die Mädchen in der Alpinit in Sarmenstorf. Es war naheliegend, dass die Söhne in das Geschäft des Vaters einstiegen. Vater Adolf war ein Handwerker und erst die Söhne brachten den Fortschritt in Form von Lastwagen und Trax (Radlader) in die Firma. Sogar einen Chevy nannte Adolf sein Eigen, obwohl er viel lieber als Beifahrer im VW-Bus mitfuhr.
Das Material der Firma wurde in Schuppen rund um den Hof gelagert. War einer voll, wurde kurzerhand der nächste aufgestellt. Vater Adolf führte sein Geschäft bis 1981 und übergab es dann seinem Sohn Hans Hegglin, während die älteren Söhne Adolf und Josef ihre eigenen Firmen gründeten. Auch Kari blieb dem Bau treu und arbeitete bei seinem Bruder Josef.
Mit dem Kauf des elterlichen Hauses aus der Erbschaft begann Kari, aus einer Initiative seiner Frau Marlène heraus, Erinnerungsstücke aus der Räumung der zahlreichen Schöpfe zusammenzutragen und im besterhaltenen Schopf zu lagern.
Es macht ihnen Freude, die Sachen zusammenzutragen. Es sind zahlreiche Erinnerungen. «Wir haben einfach den Plausch», meint Marlène Hegglin lachend. Sie bewohnen ein kleines Häuschen in Sarmenstorf, während ihre Tochter das inzwischen renovierte Haus der Grosseltern bewohnt.
In Erinnerungen schwelgen
Während andere zur Entspannung an die Reuss gehen, besucht das jung gebliebene Ehepaar den kleinen Schopf, in dem sich nun ihr eigenes privates Familienmuseum befindet. Neben Spaten, Pickeln, Schaufeln, kleinerem Werkzeug und einem fast kompletten Büro aus der Firma sind auch zahlreiche Gegenstände aus dem elterlichen Hof noch vorhanden. Butterfass, Weidenkörbe, Joch oder Güllenschöpfer zeugen von vergangener Zeit. Doch auch den Wintermantel vom Vater, die getragenen Schuhe seiner Geschwister und einsam im Regal einen ehemalig heiss geliebten Teddybären findet man in dem kleinen Schopf. Sogar das Fahrrad des Vaters existiert noch.
Ein kleiner Schopf voller Gegenstände und Geschichten einer Grossfamilie, die das Arbeiten nicht scheute.



