Salon voller Geschichten
11.10.2022 WohlenWohlen: Brigitte Christen schliesst ihr Geschäft
Mit dem Ende des Salons W.Dörig verliert Wohlen eines der ältesten Coiffeur-Geschäfte.
Im Vergleich zu den neuen, modernen Coiffeur-Lokalen wirkt hier alles etwas nostalgisch. Bewusst hat ...
Wohlen: Brigitte Christen schliesst ihr Geschäft
Mit dem Ende des Salons W.Dörig verliert Wohlen eines der ältesten Coiffeur-Geschäfte.
Im Vergleich zu den neuen, modernen Coiffeur-Lokalen wirkt hier alles etwas nostalgisch. Bewusst hat Brigitte Christen vieles so gelassen, wie es ihr Vater Walter Dörig 1962 bei der Eröffnung eingerichtet hat. Dafür hat das Geschäft ganz viel Charme. Und die Inhaberin weiss viele Geschichten zu erzählen. Im Geschäft ihres Vaters gingen einst viele Wohler ein und aus. Und er selber war im Dorf bestens bekannt. Nun legt die Tochter die Schere beiseite. --chh
Werk des Vaters fortgeführt
Ende Oktober schliesst der Coiffeursalon W. Dörig in der Oberen Halde seine Türen für immer
Vor 60 Jahren hat Walter Dörig den Salon eröffnet. Fast 30 Jahre lang hat ihn nun seine Tochter Brigitte Christen geführt. Nun schliesst sie den Betrieb. Und damit endet ein wunderbares Stück Lokalgeschichte.
Chregi Hansen
«Vati wird jetzt sicher vom Himmel runterschauen und sich denken: Wieso nur hört die so früh auf?», lacht Brigitte Christen-Dörig. Wobei früh eben relativ ist. Denn die Tochter ist jetzt auch schon 65 Jahre alt. Und so lange als Coiffeuse tätig sein wie ihr Vater, das will sie dann doch nicht. «Er hatte mit 92 Jahren noch seine Stammkunden, die unbedingt von ihm bedient werden wollten», erzählt die Inhaberin.
Walter Dörig war bekannt im Dorf. War Coiffeur mit Leib und Seele. Seine Lehre als Damencoiffeur machte er in den 30er-Jahren, nach dem Aktivdienst im Zweiten Weltkrieg arbeitete er erst in verschiedenen Salons in der Schweiz und im Ausland, bevor er 1953 das Meisterdiplom erhielt und ein Jahr später seinen ersten Salon eröffnete – bei Maler Müller am Oberdorfweg. Schon sechs Jahre zuvor kaufte Dörig jedoch eine Liegenschaft an der Oberen Haldenstrasse, um seinen Eltern eine Wohnung anbieten zu können. «Mein Grossvater war invalid, und mein Vater hat seine Eltern immer unterstützt», erinnert sich Brigitte Christen.
Fasnächtler und FCW-Fan
1962 liess er den benachbarten Schopf abreissen und baute dort ein Mehrfamilienhaus mit einem Geschäft im Erdgeschoss. Oben lebte er mit seiner sechsköpfigen Familie, unten bediente er die Kunden. «Der Salon lief sehr gut», erinnert sich die Tochter. «Vati hatte immer Lehrtöchter und Angestellte.» Als Kind verbrachte sie selber viel Zeit im Salon unten. Und erinnert sich noch an etliche Details. «An der Wand hingen immer drei Zeitungen. Der ‹Tages-Anzeiger›, der ‹Sport› und der ‹Nebelspalter›. Und so manch Vater hat immer genauestens kontrolliert, dass beim Sohn auch die Haare genug kurz geschnitten wurden», schmunzelt sie.
Walter Dörig, er war aktiv im Dorf. Er war beispielsweise ein überzeugter Fasnächtler. So kam es häufig vor, dass es abends an der Tür klingelte, weil noch jemand eine spezielle Frisur oder einen Schnauz brauchte oder von ihm geschminkt werden wollte. «Da war manchmal ein richtiges Chäberfest im Salon», erinnert sich Christen. Seine grösste Leidenschaft war jedoch der FC Wohlen. «Er selber durfte nicht Fussball spielen, das hat ihm sein Vater verboten. Aber er war wohl der grösste Fan des Clubs, hat kein Spiel verpasst und wurde später gar zum Ehrenmitglied ernannt», erzählt die Tochter, die seine Fussballbegeisterung geerbt hat und noch heute regelmässig die Spiele des FCW besucht.
Tochter übernahm das Geschäft
Im März 1993, nach fast 60 Jahren Tätigkeit als Coiffeur, übergab er das Geschäft der Tochter, die davor schon 13 Jahre bei ihm angestellt war. «Es gab nie einen Druck, dass ich den Salon übernehmen muss. Aber natürlich hat er sich gefreut», erklärt sie. Sie hat den Salon möglichst so gelassen, wie der Vater ihn einst eingerichtet hat. Darum findet man heute noch so manches Schmuck- und Erinnerungsstück. Dass sie in die Fussstapfen des Vaters getreten ist, sei kein Zufall. «Als Kind war ich gerne hier unten. Es hat mir gefallen, meinem Vater oder den Lehrtöchtern bei der Arbeit zuzuschauen, mit den verschiedenen Produkten zu spielen. Zudem bin ich selber gerne kreativ», erzählt sie. Die Lehre absolvierte sie einst in Aarau, es folgten berufliche Abstecher in die Kantone St. Gallen und Zürich. 1980 kehrte sie nach Wohlen zurück. «Ich habe es nie bereut», sagt sie.
Seite an Seite mit dem Vater zu arbeiten, das sei etwas Besonderes gewesen. Wobei es auch schwierige Momente gab. «Für mich war klar: Wenn ich den Salon übernehme, dann sicher nicht Vollzeit. Das hat Vati nie verstanden. Er war es gewohnt, dass immer offen ist. Der Beruf war sein Leben. Gleichzeitig war er aber auch stolz, dass ich seine Arbeit fortführe», sagt sie mit einem Lächeln im Gesicht. Auch dank ihr konnte er selber bis ins hohe Alter seiner Passion nachgehen. «Es gab immer wieder Kunden, vor allem ältere Herren, die anriefen und nachfragten, ob Walter sie noch bedienen kann. Und dann haben sie sich hier im Salon über die alten Zeiten unterhalten, während er ihnen gemütlich die Haare schnitt», erinnert sich die Inhaberin. 2012, im Alter von 93 Jahren, ist Walter Dörig, der weiterhin oberhalb des Salons wohnte, dann verstorben. Fünf Wochen zuvor hatte er seinen letzten Kunden bedient.
Liegenschaft verkauft
Jetzt, zehn Jahre später, gibt seine Tochter das Geschäft auf. «Ich mag meinen Beruf. Aber ich habe auch noch andere Interessen», sagt sie. Der Zeitpunkt sei ideal. Vor Kurzem zog ihre Mutter, die zuvor noch in der elterlichen Wohnung lebte, ins Altersheim. Jetzt haben die Geschwister die alte Liegenschaft verkauft. Was mit ihr passiert, weiss Brigitte Christen. «Zuletzt habe ich den Salon vor allem geführt, um in der Nähe meiner Mutter zu sein. Aber ich habe seit 1993 die Öffnungszeiten immer weiter reduziert, keine neuen Kunden und Kundinnen angenommen», erklärt sie.
Von allen Kunden persönlich Abschied nehmen
Ende Oktober ist endgültig Schluss. Mit einem Brief hat sie ihre Kundschaft über die Schliessung informiert. «Seither melden sich alle und wollen einen letzten Termin», lacht die Inhaberin. Das gefällt ihr, so könne sie von allen persönlich Abschied nehmen. Viele ihrer Kunden bedient sie seit vielen Jahren. «Da entstehen schöne Kontakte. Man erfährt viel von ihnen, nimmt Anteil.» Doch so lange wie ihr Vater will sie nicht arbeiten. Brigitte Christen wird in Zukunft mehr Zeit in ihrem grossen Garten verbringen und noch häufiger Gäste bekochen. Und wie ihr Vater wird sie auch weiterhin an der Fasnacht unterwegs sein.
Wohlerin geblieben
Auch wenn sie sich freut über die neu gewonnene Freiheit, ein bisschen Wehmut ist bei der Schliessung doch dabei. Schliesslich war dieses Geschäft das Lebenswerk ihres Vaters. «Wir haben nach seinem Tod Rechnungen gefunden von der Einrichtung. Um das finanzieren zu können, musste er enorm viel arbeiten», erzählt die Tochter. Und zumindest ein kleiner Teil der Ausstattung bleibt erhalten. Einen der alten Coiffeurstühle hat Brigitte Christen dem Ortsmuseum in Waltenschwil überlassen. Im Nachbardorf lebt sie mit ihrem Mann seit vielen Jahren. «Aber im Herzen bin ich immer Wohlerin geblieben», sagt sie mit Überzeugung. Und das stellt sie immer wieder unter Beweis. Sowohl als Fasnächtlerin wie auch als Fan des FCW. In dieser Hinsicht ist sie ganz wie ihr Vater.



